Deutscher Öko-Herbst

In der Beliebtheitsskala der großen Mega-Events, die in Deutschland die höchsten Mobilisierungswerte erzielen, rangiert der Castor-Transport mit seinen sich regelmäßig wiederholenden Ritualen, hinter den zu „Sommermärchen“ verklärten Fußballturnieren und diversen „Love-Parades“ und „Schlager-Moves“, inzwischen auf einem stabilen dritten Platz.

Während sich in der Fußballbegeisterung bei WM-Turnieren vor allem der Wunsch einer verhinderten Weltmacht nach entgangener Größe und Bedeutung artikuliert, drückt sich im regelmäßigen Rummel um die Castor-Transporte vor allem die Sehnsucht der Deutschen nach unberührter Natur und die Liebe zur Heimat auf ländlicher Scholle aus, die es vor dem Zugriff bösartiger Energiekonzerne zu schützen gelte. Die „bäuerliche Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg“, die mit ihrer Trecker-Parade das Castor-Wochenende eröffnet, erfreut sich dann für mehrere Tage eines regen Zulaufs großstädtischer erlebnisorientierter Jugendlicher und ergrauter Veteranen der Bewegung, vor allem aus Berlin und Hamburg. Einen der Höhepunkte der „Protestkultur“ bildet die gräfliche Treibjagd, die Andreas Graf von Bernstorff auch in diesem Jahr wieder veranstaltete: „Vor dem Schloss der von Bernstorffs ist eine Jagdgesellschaft eingetroffen. Früh am Morgen erklingen Hörner, Dackel und Terrier bellen aufgeregt. Natürlich werde man sich, wenn der Castor eintrifft, im Wald aufhalten, sagt der Graf.“

Von der Feldküche, über das Kompostklo bis zum Schlafplatz auf Heuballen in mobilen Zeltstädten ist hier alles perfekt durchorganisert, wie es angesichts der deutschen Erfahrung in der Lagerkultur nicht anders zu erwarten ist, die berüchtigten Feldgottestdienste inbegriffen.

Auf das richtige Outfit kommt es an

Ergänzt wird das Ganze durch Heerscharen von Medien- und Pressevertretern, die das Spektakel in die deutschen Wohnzimmer transportieren. Jetzt schlägt auch die Stunde der Politpromis, vor allem aus der Grünen Partei, die sich medienwirksam in Szene setzen und zum Foto-Shooting im Wendland posieren.

In diesem Jahr fällt das Castor-Event in eine Zeit, da sich immer größere Teile der Bevölkerung von den regierenden Parteien abwenden. Von diesem Trend profitiert im parlamentarischen Spektrum vor allem die Grüne Partei, der es scheinbar am besten gelingt, zunehmende Zukunftsängste, vor allem der Mittelschichten, aufzunehmen und in eine Politik des ökologischen Umbaus der Gesellschaft unter Bewahrung ihrer bestehenden Struktur umzumünzen. Demoskopen schätzen gegenwärtig die Grünen bei bis zu 20% der Wählerstimmen als drittstärkste Partei ein. Dazu passend wählten sie das richtige Timing, um zum Beginn des Castor-Transports ihren Anspruch auf das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin anzumelden („Eine für alle“). – So machten sie von vornherein das Castor-Wochenende zum Vehikel für eine gigantische Propagandaschlacht in eigener Sache. Die LINKE und die SPD, die sich derart in die Defensive gedrängt sahen, versuchten, durch das Aufspringen auf den Castor-Zug am Erfolg der Grünen zu partizipieren und sich als die besseren/konsequenteren Umweltschützer darzustellen. Diesem durchsichtigen Manöver kann aus verschiedenen Gründen kein Erfolg beschieden sein.

Claudia Roth im Demo-Chic statt Dirndl

1. Wählt niemand eine schlechte Kopie, wenn das Original eben so leicht zu haben ist.

2. Verfügen die Grünen mittlerweile über so eine stabile Basis in bestimmten Teilen der Gesellschaft, dass alle Kurswechsel der vergangenen Jahre, wechselnde Koalitionen oder Kritik an mangelnder Konsequenz oder Glaubwürdigkeit ihrer Positionen schadlos an der Parteiführung abgeprallt sind und dem Standing in ihrem Wählerpotenzial nicht geschadet haben. Von ihren ursprünglichen Essentials: Ökologisch, sozial und gewaltfrei ist nur noch der Ökologismus übrig geblieben. Der wiederum entfaltet seine Wirksamkeit heute vorwiegend in den konservativen bis offen reaktionären Schichten der Gesellschaft, vor allem dem Kleinbürgertum.

Und damit kommen wir zum 3. und wichtigsten Punkt:

Gesellschaftlicher Fortschritt im Sinne der Arbeiterklasse und der werktätigen Schichten kann nur erfolgreich sein, wenn sie sich von den Fesseln des Ökologismus befreien!

Seit mehr als dreißig Jahren hat die Ideologie von den „Grenzen des Wachstums“, die in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts mit den Thesen des „Club of Rome“ und dessen diversen Weltuntergangsszenarien aufkam, ihre schädliche Wirkung auf eine selbständige, an den Interessen der Arbeiterklasse ausgerichtete Politik entfaltet. Nicht zufällig haben alle möglichen Renegaten, Reformisten und Kapitulanten aus einst stolzen revolutionären Parteien, früher oder später, Zuflucht zu diesen Ideen des Verzichts und der Regression gesucht, um so ihren Weg von weltrevolutionären Ideen zu dumpfem Nationalismus und Heimatschutz zu kaschieren. Die Abwicklung des real existierenden Sozialismus und die Auflösung der Sowjetunion, der DDR oder Jugoslawiens wären ohne dieses Ideengeflecht, dass sich in die Toga einer „universalistischen Menschheitsidee“ hüllte so nicht möglich gewesen. In dem Maße, wie sich der letzte Präsident der Sowjetunion, Gorbatschow, dieser Terminologie bemächtigte und dafür mit dem Friedensnobelpreis belohnt wurde, waren die letzten Tage des ersten sozialistischen Staates in der Menschheitsgeschichte beschieden.

Novi Sad - Partnerstadt Dortmunds - 1999 von NATO-Bomben zerstört

Nicht zufällig waren es schließlich die Grünen, mit ihrer deutschen Abteilung an vorderster Front, die in den 90er Jahren die Zerschlagung des jugoslawischen Vielvölkerstaates mit aller Kraft forcierten, weil er die totale Antithese zum ökologistischen Multikulti-Universalismus der Grünen verkörperte. Als sie dann 1998 in Berlin an die Macht kamen, dauerte es kaum ein halbes Jahr, bis die Grünen, im Bündnis mit der SPD, der Bombardierung Jugoslawiens und damit dem ersten deutschen Kriegseinsatz nach 1945, zustimmten. Sie tragen damit nicht nur die Verantwortung für tausende Tote, die durch NATO-Bomben zerfetzt wurden, sondern auch für die gewaltigste ökologische Katastrophe, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa geschah. Tagelang standen dicke Rauchwolken über jugoslawischen Städten wie Belgrad, Novi Sad oder Pancevo, wo systematisch chemische Fabriken oder Ölraffinierien bombardiert wurden, deren giftige Substanzen so in die Atemwege und Lebensmittel der Menschen gelangten. Ganz zu schweigen an dieser Stelle von den Geschossen uranhaltiger Munition, die die NATO im gesamten Land verstreute, mit Folgen, die bis in die Gegenwart nachwirken.

Grüne Politik in Jugoslawien: Brennende Ölraffinerie in Pancevo - 1999

Dass eine Partei und ihre Führung, die all das billigend in Kauf nahm, um einen europäischen Nachbarn, der, als Gründungsstaat der UNO und Führungsland der blockfreien Bewegung, sich weltweiten Respekts erfreute, und dessen Bevölkerung in die Knie zu zwingen, heute einen Zwergenaufstand wegen ein paar gut gesicherter Blechkanister mit nuklearen Abfällen, die zur Endlagerung vorgesehen sind, aufführt, müsste eigentlich schon bei jedem kritischen Kopf grundsätzliche Zweifel an der Sache und den handelnden Personen aufkommen lassen. Völlig absurd wird es dann aber schließlich, wenn die Mainstream-Presse in das hysterische Geschrei dieser Leute einstimmt und ihnen das nötige Forum bietet, um die Schmieren-Show noch bis in den letzten Winkel der Republik als „heldenhaften Widerstand“ gegen eine angebliche „übermächtige Atomlobby“ zu transportieren, so dass die Protagonisten sich einer bislang unbekannten Beliebtheit bei der Bevölkerung erfreuen.

Grüne Politik in Jugoslawien 1999 - Von Bombensplittern der NATO getroffene Kinder

Eine Linke, die darauf verzichtet, den Vorhang zu zerreißen und die Hauptdarsteller bloß zu stellen und statt dessen die Rolle von Komparsen in dieser abstoßenden Groteske übernimmt, hat sich letztlich als revolutionär handelndes Subjekt selbst aufgegeben.

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