Wikileaks und die „Krise der Weltdiplomatie“

Während die künstliche Aufregung im bundesdeutschen Medienspektakel über die sogenannten „Wikileaks-Enthüllungen“  immer groteskere Formen annimmt und in einschlägigen Meldungen zu einer „Krise der Weltdiplomatie„, oder gar, wie in Springers „Welt“ zum „11. September der Weltdiplomatie„, der „das Tor zur Anarchie“ aufstoße, stilisiert wird, soll hier daran erinnert werden, wie Frank Wedekind bereits vor fast hundert Jahren in einem seiner Spottlieder treffend die Rolle der Diplomaten im Gefüge der internationalen politischen Diplomatie der imperialistischen Großmächte charakterisierte.

„Schwaches Herz und kühne Stirn,
Großes Maul und kleines Hirn!“

Im Vorfeld des ersten Weltkrieges fiel ihnen genau die gleiche Rolle zu, wie sie sich heute in der Sichtweise der US-Außenpolitik, durch zahllose Dokumente untermauert, und von Wikileaks präsentiert, darstellt: Auf internationalen Konferenzen mit gewichtiger Miene die eigene geballte Inkompetenz und Eitelkeit zur Schau tragend, versuchen, die Gegner in gewagten Manövern zu erpressen oder zu übertöpeln.

Wie ein Nadelöhr, so eng
Der Gesichtskreis – Schnedderedeng!

Bleibt die Frage, wie konnte Frank Wedekind Guido Westerwelle kennen?

Diplomaten

Text und Musik: Frank Wedekind

Heut verschonen
Die Kanonen
Die Leichen in der Gruft nicht mehr.
Jawohl, die Zeit ist schwer!
Sag an, wie nennen sich
Die Herrn, die uns das taten?
Diplomaten!
Schwaches Herz und kühne Stirn,
Großes Maul und kleines Hirn!
Wie ein Nadelöhr, so eng
Der Gesichtskreis – Schnedderedeng!

Tut sich friedlich,
Wer nur gütlich,
Schrein sie die Kriegserklärung schon
Ihm zu durchs Telephon.
Die Völker stürzen sich
Dann in die Bajonette
Um die Wette.
Hinten wird mit Tod bedroht,
Was nicht stracks von vorne tot,
Daß, was irgend übrig bleibt,
Kurzerhand sich selbst entleibt.

Dieser Feldzug
Ist kein Schnellzug.
So singt man heut zum Unterschied
Ein längst bekanntes Lied.
Wie lang umdröhnt uns noch
Der Länder Kriegsfanfare?
Dreißig Jahre!
Menschen gibt’s dann nirgends mehr,
Überall nur Militär!
Ach, wie schön ist ’s in der Welt!
Wo man hinspuckt, sitzt ein Held.

Was wir konnten
An vier Fronten,
Das hat, seit sich die Erde sonnt,
Kein Heldenvolk gekonnt.
Der Feind verblutet sich.
Wir haben unterdessen
Nichts zu fressen.
Seit wir auf den Kopf gedrückt,
Ist der Erdball ganz verrückt,
Und am Ende stopft ihn Krupp
In die dicke Berta – Schwupp!

Welch ein Frieden
Uns beschieden,
Steht leider nicht in Gottes Hand,
Es steht bei Engelland.
Die Linke schließt ihn ab.
Wir fingen mit der Rechten
An zu fechten.
Auf, zur Friedenskonferenz!
Auf, zum Sieg des Parlaments!
Ganz Europa wird neutral,
Alles andre ist egal.

Aus den Sternen
Kannst du lernen,
Weswegen hoch am Firmament
Nicht auch noch Krieg entbrennt.
Am Himmel wahren sie
In wechselvollem Reigen
Heil’ges Schweigen.
Noch kein Ohr hat je gehört,
Daß ein Stern den Frieden stört.
Und sobald nur einer schwatzt,
Saust er abwärts und zerplatzt.

Text: Frank Wedekind
Musik: Frank Wedekind

Zitiert nach Ernst Busch: Frank Wedekind – Spottlieder (Aurora 5 80 006/007). Hrsg. 1964, Nachaufl.  1969.

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