Antikommunismus und Antisemitismus

Hetzplakat der "Liga gegen den Bolschewismus" - 1918

Aus aktuellem Anlass möchte ich an dieser Stelle auf einen Text von Max Brym verweisen, der vor einer Ewigkeit verfasst zu sein scheint, als der Bundeskanzler noch Schröder hieß und die „Hohmann-Debatte“ in der Medienlandschaft eine ähnliche Aufgeregtheit verursachte, wie die im Abflauen befindliche „Sarrazin-Debatte“. Er wurde am 9.11.2003 bei Hagalil veröffentlicht, kann aber auch bei indymedia und trend.infopartisan.net gelesen werden.

In dem Text heißt es: Wer konsequenter Antikommunist ist, kann nicht entschieden den Antisemitismus bekämpfen. Denn alle gerechtfertigte Ablehnung gegenüber Hohmann bleibt kurzatmig, wenn sie seine Aussage teilt, die Oktoberrevolution wäre ein Verbrechen gewesen. Der Antisemitismus von Hohmann artikuliert sich deutlich in der Aussage, „Die Juden könnten aufgrund ihrer Rolle in der russischen Revolution als Tätervolk bezeichnet werden“. Die Legende vom „Jüdischen Bolschewismus“ erfährt damit neuerlich irrationale Weihen. Wer gegen diesen völkisch antisemitischen Unsinn ernsthaft argumentieren will, muß sich selbst von jeder irrationalen Gesichtsinterpretation befreien. Dazu genügt es nicht auf die soziologische Tatsache hinzuweisen, dass es blödsinnig ist ein Volk oder eine Nation in einen Sack zu stecken und draufzuhalten. Im Gegenteil: Die gebürtigen Juden die im Gegensatz zu anderen Juden an der russischen Oktoberrevolution 1917 und an der deutschen Novemberrevolution 1918 mitwirkten, hatten gute Gründe so und nicht anders zu handeln. Ihr handeln war absolut legitim, genauso wie die genannten Revolutionen ihre historische Berechtigung hatten. Leider scheiterte die deutsche Novemberrevolution 1918 endgültig im Jahr 1919, neben die Bahre von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht konnte die Wiege Adolf Hitlers gestellt werden.

Die aktuelle Bedeutung ergibt sich für mich aus der beschämenden Haltung, wie sie die Macher eines Blogs der sich selbst als „Achse des Guten“ bezeichnet, gegenwärtig einnehmen. Waren sie in der Vergangenheit, zumindest nach meinem Verständnis, eine Ansammlung kritischer Köpfe, die sich dem bürgerlichen Liberalismus verpflichtet fühlten, eine positive Haltung zu Israel pflegten und dem Antisemitismus, sowohl im rechten, als auch im linken politischen Spektrum entgegentraten, so reduziert sich ihre Rolle mittlerweile auf plumpe Hass- und Hetztiraden gegen einzelne missliebige Staaten und deren politischen Führungen im Äußeren und alles Linke und Unterprivilegierte im Inneren. Also ein reines Elitenprojekt, dass sich ehrlicherweise in „Antikomintern-Achse“ umbenennen sollte. Doch nach dem Debakel, dass die letzte Achse dieses Namens erlebte, aber nicht überlebte, wäre das nicht gerade das Versprechen auf eine neue große Erfolgsstory – und Erfolgsstorys will doch der privilegierte Bürger, dem die Angst vor der Machtübernahme des Kommunismus, die, wie es seine Leib- und Magenzeitungen dieser Tage ihm suggerieren, unmittelbar bevorzustehen scheint, das Weiße ins Auge treibt und noch jeden Schlaf raubt.

Spätestens seit den Tagen des unseligen „Alldeutschen Verbandes“, der sich in der Phase des aufstrebenden deutschen Imperialismus zu einer bedeutenden politischen Kraft entwickelte, waren der Antikommunismus und der Antisemitismus in Deutschland eine unheilvolle Symbiose eingegangen, deren schlicht gestricktes Weltbild für weite Kreise des Bürgertums bestimmend war. Der ganze Irrsinn, der dann nach dem ersten verlorenen imperialistischen Krieg in den konservativen und nationalistischen Kreisen Verbreitung fand, wie die Legende vom „Dolchstoß“, der von Juden und Marxisten gegen die kämpfenden deutschen Truppen durchgeführt worden sei, fußt auf diesen reaktionären Ideologemen. Das blutige Treiben der Freikorps-Verbände, die als Vorläufer und Sammlungsbewegungen für die späteren SA-Truppen bezeichnet werden können, bildet die mörderische Konsequenz dieser Haltung. Ihre Schlachtgesänge waren von purem Hass auf die revolutionäre Arbeiterbewegung und die „Judenrepublik“ geprägt:

„Hakenkreuz am Stahlhelm,
schwarz-weiß-rotes Band,
die Brigade Ehrhardt
werden wir genannt.
Die Brigade Ehrhardt
schlägt alles kurz und klein,
wehe Dir, wehe Dir,
du Arbeiterschwein.“

so lautetete deren Liedgut und im Refrain hieß es dann: „Judenköpfe rollen auf der Autobahn!“

In einem anderen populären Gassenhauer der frühen 20er Jahre hieß es in Anspielung auf den Mord an Rosa Luxemburg, deren Leiche von diesen Verbänden, nachdem sie sie mit Gewehrkolben erschlagen hatten, in den Landwehrkanal geworfen wurde:

Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal.
Lang se mir mal her, aba knautsch se nich zu sehr!

Das war der Massengeschmack des entmenschlichten bürgerlichen und kleinbürgerlichen Mobs im Deutschland der frühen 20er Jahre, der dann ein Jahrzehnt später den Nationalsozialismus an die Schaltstellen der Macht brachte. Bei allen Fehlern in der Politik der Arbeiterparteien, die sich retrospektiv leicht feststellen lassen, steht außer Zweifel, dass ihre Lager bis zur Machtergreifung der Nazis gegen diesen Irrsinn weitgehend immun und in sich geschlossen blieben, so dass es keinen nennenswerten Aderlass in Richtung der Nazis gab. Interessanterweise lässt sich dies für das katholische Zentrum ebenso sagen, das auch nach der „Machtergreifung“ in sich relativ stabil blieb.

Ganz anders dagegen verhielt sich die Anhängerschaft der Liberalen Parteien, die sich in völliger Auflösung befand und in Scharen ins Lager des Nationalsozialismus überlief um sich mit dem national-konservativen Bürgertum zu verbünden. That’s Fact!

Nazipropaganda Plakat

Es darf nicht vergessen werden, dass es in Deutschland nicht nur einen „eliminatorischen Antisemitismus“ gab, wie eines der Schlagworte der 90er Jahre lautete, dass in der Folge der „Goldhagen-Debatte“ in keinem linken Diskurs fehlen durfte und inzwischen ein wenig aus der Mode gekommen ist, sondern immer auch einen ELIMINATORISCHEN ANTIKOMMUNISMUS. In der Person und dem Schicksal der polnisch-jüdischen Kommunistin finden wir die erste sichtbare Bestätigung dieser These. Dass in den Wochen nach den Morden an Liebknecht und Luxemburg noch viele andere Angehörige der noch jungen Kommunistischen Partei, die nicht selten jüdischen Elternhäusern entstammten, den Todesschwadronen der Freikorps zum Opfer fielen, ist heute selbst in linken Kreisen nur noch wenig bekannt.

Die Katastrophe des zweiten Weltkrieges, der Überfall auf die Sowjetunion und schließlich die Vernichtung des europäischen Judentums in Auschwitz und anderen Todesfabriken der deutschen Nazis lassen sich ohne diese Symbiose nicht erklären: Antikommunismus + Antisemitismus = Nationalsozialismus = Auschwitz!

CDU-Wahlplakat 1953

Der in die Frontlinien des „Kalten Krieges“ eingebettete Antikommunismus der Adenauer-Ära, der im Vergleich zu seinen Vorgängern etwas karrikaturhaftes hatte, unterschied sich dadurch, dass er als Rauchvorhang für die „Versöhnungspolitik“ mit Israel herhalten musste. Dass einer der Konstrukteure dieser Politik ausgerechnet der „Erfinder“ des Judensterns und Autor der Nürnberger Rassegesetze war gehört zu den Pikanterien dieses „Aussöhnungsprozesses“. Zugespitzt lässt sich sagen: Die Kommunisten in der BRD wurden Opfer der „Aussöhnungspolitik“ mit Israel. Eine legale Kommunistische Partei im Land und ein gutes Verhältnis zum jüdischen Staat hätte die BRD-Bürger, die gerade die Schule des „3. Reichs“ hinter sich hatten, dann wohl doch überfordert. Da erschien letzteres als das „kleinere Übel“, zumal dieser Staat ja weit weg, aber die ROTE ARMEE, bereits östlich der Elbe stand und damit ganz nah war.

Erst mit dem Anschluss der DDR an die BRD stellt sich auch in dieser Hinsicht die „deutsche Normalität“ des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts wieder her, indem der Antikommunismus zu wahren Höhenflügen ansetzt, da sich die Antikommunisten als „Sieger der Geschichte“ fühlen können und der Antisemitismus in seinen verschiedenen Facetten, ob als offener Antijudaismus, getarnt als „Antizionismus“ oder in der Pose der „Israelkritik“ das notwendige Bindemittel bildet, dass den Zusammenhalt dieser Gesellschaft garantiert.

Wenn heute, in Ermangelung echter Kommunisten die professionellen Kommunismus-Bekämpfer sich eine eher bieder erscheinende demokratische Sozialistin zum Prototyp des bolschewistischen Flintenweibs zurechtschminken müssen, zeigt das ein wenig von ihrer Notlage, beweist aber auch, dass in diesem Land Antikommunismus ohne Kommunisten genauso geht, wie Antisemitismus ohne Juden immer funktioniert hat. Kompensiert wird diese Notlage durch einen bizarren Opferkult, bei dem die „Opfer des Kommunismus“ in den Größenordnungen von mindestens hunderten Millionen Toten, wenn nicht noch viel viel mehr gezählt werden müssen. Es fragt sich, ob es sich nicht in Wahrheit bei der gesamten menschlichen (geschriebenen) Geschichte um ein riesiges kommunistisches Komplott handelt, da doch bekanntlich bereits in den Urgesellschaften eine Form von Ur-Kommunismus geherrscht haben soll. So wären dann also alle Toten, die die Menschheit jemals produziert hat im eigentlichen Sinn dem Teufelswerk des Kommunismus zuzurechnen.

Aber im Ernst: Leute, zumal in Deutschland, einem Land, das systematisch fabrikmäßig rund sechs Millionen Juden ermorden ließ, die voller Lust und Begierde Listen von ‚zig Millionen Toten verbreiten, die anderswo tatsächlich oder angeblich zu beklagen sind, setzen sich leicht dem Verdacht aus, sie wollten von ihrer Schande ablenken, um sich der Verantwortung zu entziehen. Es hat doch etwas Entlastendes, wenn auch die Täter und ihre Nachfolger ihr schweres Schicksal beklagen können („Wat ham wa jelitten!“)!

Zuschriften oder Emails zu meinem letzten Blog, die ich in den vergangenen Tagen aus dem Umfeld der „Achse des Guten“ und den Krawallschachteln der Opfer-Darsteller erhielt, erhärten in mir genau diesen Verdacht. Wenn diese sich dann bei mir unter Pseudonymen wie ko-kraft@endloesung.de vorstellen, dann ist aus meiner Sicht das Schlimmste zu befürchten. Die Verantwortung dafür tragen diejenigen, die von sich behaupten, „das Gute“ zu verkörpern und in Wahrheit „das Böse“ transportieren!

W.M.

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