Der Große Vaterländische Krieg – Teil 1

Zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion

Am 22. Juni 2011 jährt sich der deutsche Überfall auf die Sowjetunion zum 70. Mal. Dieser Krieg war von Beginn an als Vernichtungskrieg konzipiert, dem  annähernd 28 Millionen Menschen aus der Sowjetunion zum Opfer fielen, darunter 14 Millionen Zivilisten.

Millionen Menschen – Männer, Frauen und Kinder – mussten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion  Zwangsarbeit zur Unterstützung der deutschen Kriegführung leisten oder wurden ins Deutsche Reich verschleppt wo sie, in Konzentrationslager gesperrt, für Rüstungsbetriebe, in öffentlichen Einrichtungen, in der Landwirtschaft, im Handwerk, auf Baustellen und auch in Privathaushalten als rechtlose Arbeitssklaven einem brutalen Ausbeutungsregime unterworfen wurden.

Aus Anlass dieses Jahrestages, der auch in der bundesdeutschen Berichterstattung viel Raum einnimmt, veröffentliche ich an dieser Stelle in loser Folge Auszüge aus dem sowjetischen Buch Der große Vaterländische Krieg der Sowjetunion, dass 1947 im SWA-Verlag/Berlin als 4. Band in der Reihe „Das Sowjetland“ erschienen ist. Die hier vorgenommene Darstellung unterscheidet sich grundlegend von der gängigen Sichtweise, in der bundesdeutschen Medienlandschaft, die entweder reißerisch aufgebauscht oder moralisierend alte Klischees von „bösen Männern“ und „finsteren Mächten“ aufwärmt und so kaum in der Lage ist, die wirklichen Ursachen dieses schrecklichsten aller Kriege aufzudecken.

Im Gegensatz dazu gehen die sowjetischen Autoren von einer materialistischen Geschichtsbetrachtung aus, die, in ihrem dialektischen Verständnis, den Schlüssel für ein tiefes Verständnis der Zusammenhänge liefert, die zum Zweiten Weltkrieg, dem Überfall auf die Sowjetunion und dem schließlichen Sieg der ROTEN ARMEE über die deutschen faschistischen Horden führten.

Im 1. Kapitel schildern sie die Voraussetzungen für den Beginn des Krieges:

Die UdSSR im Kampf für den Frieden und um die Festigung ihrer Verteidigungsfähigkeit

l. Das Heranreifen der Kriegsgefahr

  Bei der sozialistischen Aufbauarbeit hatte der Sowjetstaat große Schwierigkeiten nicht nur innerlicher,  sondern auch äußerlicher Natur zu überwinden. Mehr als einmal rückte der Krieg bis an die Grenzen des Landes heran.

Der Krieg ist in der kapitalistischen Gesellschaft kein Zufall und entsteht nicht infolge von Fehlern der Staatsmänner. Der Kapitalismus entwickelt sich bekanntlich ungleichmäßig. Einzelne Betriebe, Industriezweige und ganze Staaten ent­wickeln sich nicht im Sinne einer planmäßigen Vorwärtsbewegung, sondern ungleichmäßig und sprunghaft. Ein Land, das ganz vor kurzem noch als rückständig galt, rückt unter dem Einfluß der kapitalistischen Entwicklung vor und überholt andere Staaten. So galt z. B. Japan in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts als ein rückständiges Land und wurde von niemandem für eine Großmacht gehalten. Aber die rasche Entwicklung des Kapitalismus brachte Japan vor­an. Es überfiel China, zerschlug die chinesischen Armeen und eroberte einen Teil des chinesischen Territoriums. Im Laufe von etwa 20-30 Jahren verwandelte sich Japan in eine der starken Weltmächte.

Eine solche ungleichmäßige Entwicklung des Kapitalismus führt früher oder später zu einer Störung des bisher gelten­den Kräfteverhältnisses. Der Staat, der aufgerückt und mäch­tiger geworden ist, beansprucht neue Märkte; neue Gebiete. Da aber die ganze Welt bereits aufgeteilt ist, kann man neue Märkte oder neue Landgebiete nur erwerben, wenn man sie mit Gewalt anderen Mächten wegnimmt. Anderer­seits halten sich die Länder, die zurückgedrängt wurden oder ihre Kolonien eingebüßt haben, für benachteiligt und sam­meln ebenfalls Kräfte, um das Verlorene wiederzuerringen. Daher die Unvermeidlichkeit der Kriege beim Kapitalis­mus.

»Die Marxisten haben wiederholt erklärt«, so sagt J. W. Stalin, »daß das kapitalistische System der Weltwirtschaft die Elemente einer allgemeinen Krise und kriegerischer Zusam­menstöße in sich birgt, daß infolgedessen die Entwicklung des Weltkapitalismus in unserer Zeit nicht in Form einer ruhigen und gleichmäßigen Vorwärtsbewegung erfolgt, son­dern durch Krisen und Kriegskatastrophen.«

Die Gefahr eines Krieges war in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, besonders akut geworden. Während im Sowjetlande der Sozialismus erfolgreich aufgebaut wurde, erlebte die kapitalistische Welt eine tiefgreifende Wirtschafts­krise. Werke wurden stillgelegt, Hochöfen ausgeblasen. Mil­lionen von Arbeitern wurden Opfer der Arbeitslosigkeit. Die Krise tobte vom Jahre 1929-1933. Aber auch nach 1933 wartete die Weltbourgeoisie vergeblich auf einen Aufschwung der Industrie. Die kapitalistische Wirtschaft wurde nur lang­sam wiederhergestellt und erreichte fast nirgends den Stand von 1929. In der zweiten Hälfte des Jahres 1937 begann eine neue Wirtschaftskrise. Die Erzeugung ging zurück. Die Arbeitslosigkeit wuchs. Das Volk hungerte. Überall wuchs die Unzufriedenheit der Werktätigen.

In den aggressiven Staaten verstärkte sich das Bestreben, ihre Lage auf Kosten anderer, friedliebender Länder zu ver­bessern, und das bedeutete Krieg. Die Kriegsgefahr reifte im Osten und im Westen heran. Japanische Truppen begannen bereits im Jahre 1931 die Eroberung der Mandschurei und schufen sich dort ein Aufmarschgebiet sowohl für eine weitere Eroberung Nordchinas als auch für einen Überfall auf die Sowjetunion.

Besonders akut war die Bedrohung des Friedens durch Deutschland geworden. Dieses hatte im ersten Weltkriege eine Niederlage erlitten, seine Kolonien eingebüßt und war des Rechts verlustig gegangen, eine große Armee zu unter­halten. Aber gleich im Jahre 1918 begann Deutschland nach dem verlorenen einen neuen Krieg vorzubereiten. Die deut­schen Imperialisten stellten die Rüstungsfabriken heimlich wieder her, erzeugten Geschütze und andere Ausrüstung, bauten U-Boote in Spanien, Argentinien und Finnland. Deutschland war es verboten, eine große Kriegsmarine zu unterhalten, aber insgeheim wurden Schiffe gebaut und Marineoffiziere ausgebildet.

Die deutschen Imperialisten zogen eine politische Partei groß, die einen neuen Eroberungskrieg organisieren und entfesseln könnte. Das war die faschistische Partei mit Hitler an der Spitze — die reaktionärste und räuberischste aller Parteien. Um das Volk zu täuschen, nannte sich diese Partei die Nationalsozialistische, hatte aber in Wirklichkeit mit dem Sozialismus nichts gemein und vertrat auch nicht die Inter­essen der Nation.

Im Jahre 1933 brachten die deutschen Imperialisten die Nazis an die Macht. Von diesem Zeitpunkt an schritten die Kriegsvorbereitungen rasch voran. Die Nazis traten bei sich im Lande alle demokratischen Freiheiten, die vom Volke im Kampf gegen die Reaktion erkämpft worden waren, zu Boden. Die Nazis jagten die Arbeiterorganisationen ausein­ander, verboten die Kommunistische sowie andere demokra­tische Parteien und ermordeten deren Führer.

Die Nazis stellten die ganze Wirtschaft, das ganze Leben des Landes in den Dienst der Kriegsvorbereitungen. Trotz des Friedens wurde die gesamte Industrie auf Rüstung um­gestellt. Die Erzeugung von Gegenständen des täglichen Be­darfs ging rapide zurück. In fieberhaftem Tempo wurden Flugzeuge, Panzer, Maschinengewehre gebaut. »Wir brau­chen Kanonen statt Butter« – so schrien die Nazis.

In den Jahren ihrer Herrschaft verdarben sie eine ganze Generation und weckten in ihr die niedrigsten Instinkte. Das Land verwandelte sich in eine gigantische Kaserne. Hitler versprach den Deutschen, die ganze Welt zu erobern und alle anderen Völker zu unterwerfen und zu versklaven. Die be­sondere Wut der Nazis richtete sich gegen die Slawen. »Wenn wir unser Großdeutsches Reich schaffen wollen«, so redete Hitler den Deutschen ein, »müssen wir vor allem die slawi­schen Völker – die Russen, Polen, Tschechen, Slowaken, Bul­garen, Ukrainer und Weißrussen – verdrängen und aus­rotten.«

Die faschistischen Generale hatten Pläne für die Überfälle zunächst auf die nächsten Nachbarn und später auch auf andere Staaten rechtzeitig ausgearbeitet. Zum ersten Opfer war Österreich ausersehen. Die Eroberung Österreichs sollte die Positionen Deutschlands im Kampf gegen die Tschecho­slowakei verstärken: diese geriet gleichsam in eine Zange. Die Besetzung der Tschechoslowakei sollte den Nazis eine reiche Industrie in die Hände spielen und es möglich machen, Polen vom Süden her anzugreifen und es fast völlig einzu­kreisen. So planten die Nazis ein Land nach dem anderen und damit ganz Europa und später die ganze Welt zu erobern.

Während die Nazis im Lande hemmungslose offene Kriegsvorbereitungen betrieben, versuchten sie gleichzeitig, die öffent­liche Meinung der Welt über ihre wahren Ziele zu täuschen. Die Nazis versuchten alle davon zu überzeugen, daß sie den Kampf gegen den Kommunismus im eigenen Lande führten und keinesfalls die Absicht hätten, andere Staaten zu über­fallen. In England, in Frankreich und Polen, in einer ganzen Reihe von Ländern drückten die führenden Staatsmänner in bezug auf die Kriegsvorbereitungen Deutschlands ein Auge zu. Sie hielten den Faschismus für ein gutes Gegengift gegen die Arbeiterbewegung in Europa und die nationale Freiheits­bewegung in Asien. Unter diesen Staatsmännern gab es nicht wenige, die ihre Hoffnung darauf setzten, Hitlerdeutsch­land gegen die Sowjetunion zu hetzen. Die Sowjetregierung allein begriff, daß die Nazis die Wachsamkeit der Regierun­gen und der Öffentlichkeit anderer Staaten einschläferten, um sie später desto leichter zu unterwerfen. Die Sowjet­regierung entlarvte die nazistischen Versuche und schlug allen friedliebenden Ländern vor, sich zum Kampf gegen die Kriegs­brandstifter zu vereinen. Die Sowjetregierung versuchte alle Möglichkeiten auszunutzen, um eine Entfesselung des Krieges durch die Nazis zu verhindern. Sie schlug den Nachbarstaaten vor, Nichtangriffspakte abzuschließen. Ende 1934 trat die Sowjetunion auf Einladung von 30 Mitgliedsstaaten des Völ­kerbundes in den Völkerbund ein. Diese Organisation hat nichts Reales unternommen, um dem Krieg vorzubeugen. Trotzdem versuchte die Sowjetregierung, die mit allen Mit­teln um den Frieden kämpfte, auch durch den Völkerbund andere Staaten zu veranlassen, die Angreifer gemeinsam ab­zuwehren und alle antifaschistischen Kräfte zu vereinigen.

Aber die Regierungen der westeuropäischen Länder schenk­ten den eindringlichen Warnungen der Sowjetunion kein Gehör. Die Staatsmänner Frankreichs, Englands und Polens widersetzten sich nicht der faschistischen Aggression und beschränkten sich gegenüber den faschistischen Häuptlingen auf die Politik des Gutzuredens.

Die Aggressoren nutzten diese Lage aus und wurden über­mütig. Japan fiel in China ein. Italien überfiel Abessinien. Die deutschen und italienischen Faschisten traten gemein­sam gegen das republikanische Spanien auf. In den Jahren 1936-1937 schlossen sich die faschistischen Länder zu einem Block zusammen. Deutschland, Japan und Italien schlossen untereinander den »Antikominternpakt«, das heißt, ein Ab­kommen über den Kampf gegen den Kommunismus, ab. In Wirklichkeit war dieser Pakt ein Militärbündnis mit dem Ziel, die Welt auf Kosten Englands, Frankreichs und der USA neu aufzuteilen. Dieses Bündnis wurde gleichzeitig mit dem Ziel abgeschlossen, einen Kampf gegen die Sowjetunion zu führen.

Im Laufe weniger Jahre waren bereits viele Völker in den Strudel des Krieges hineingerissen worden. Anfang 1938 eroberte Deutschland Österreich und gliederte es ein, ein Jahr später wurde die Tschechoslowakei vom gleichen Schick­sal ereilt. Keines der kapitalistischen Länder, die die Un­abhängigkeit dieser Staaten garantiert hatten, kam ihnen zu Hilfe. Die Sowjetunion allein erklärte sich bereit, der Tschecho­slowakei Hilfe zu gewähren, aber ihr Vorschlag an England und Frankreich, gemeinsam Schritte gegen die Aggressoren zu unternehmen, wurde von diesen Mächten abgelehnt.

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