Der große Vaterländische Krieg – Teil 4

Aus Anlass des 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22.  Juni 1941, veröffentliche ich an dieser Stelle in loser Folge Auszüge aus dem sowjetischen Buch Der große Vaterländische Krieg der Sowjetunion, dass 1947 im SWA-Verlag/Berlin als 4. Band in der Reihe „Das Sowjetland“ erschienen ist. Im 4. und letzten Abschnitt des 1. Kapitels schildern die Autoren, wie der Sowjetstaat seine Sicherheit weiter festigte, um sich vor einem drohenden Überfall Nazi-Deutschlands zu schützen. Auf der VII. Tagung des Obersten Sowjets der UdSSR wurden die Maßnahmen bestätigt und die Baltischen Republiken in die UdSSR aufgenommen, womit diese auf 16 Unionsrepubliken angewachsen war. In der vom Sowjetischen Informationsbüro 1948 herausgegebenen Schrift ‚Geschichtsfälscher‘ heißt es über diese Episode:“Die Sowjetunion machte guten Gebrauch von dem deutsch-sowjetischen Vertrag, indem sie ihre Verteidigungs-anstrengungen verstärkte, … indem sie ihre Grenzen weit nach Westen verschieben konnte, um so dem ungehinderten Vordringen der deutschen Aggression in Richtung Osten einen Riegel vorzuschieben.“(‚Geschichtsfälscher‘, ebenda, S. 45).

Die weitere Festigung der Sicherheit des Sowjetstaates

Wappen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken

Nachdem sie in Westbjelorußland und in der Westukraine einen Mißerfolg erlitten hatten, entfalteten die deutschen Faschisten eine Wühltätigkeit in den baltischen Ländern – in Estland, Lettland, Litauen und Finnland – sowie in Schweden und Norwegen. Sie hofften, einen neuen Kriegsherd und eine Bedrohung der Sowjetunion vom Nordwesten zu schaffen. Die Nazis beeilten sich, im Baltikum und in Finnland Fuß zu fassen und diese in Aufmarschgebiete für den Überfall auf die Sowjetunion umzuwandeln.

Die Situation in diesen Gebieten wurde immer heikler.

Besondere Aufmerksamkeit wurde von den deutschen Faschisten Finnland gewidmet. Die finnische Regierung hielt ihre Beziehungen zum faschistischen Deutschland geheim. Die finnischen Machthaber verkauften sich den Deutschen, führten aber gleichzeitig Besprechungen mit den Regierungen Frankreichs, Großbritanniens und der USA, indem sie Hilfe gegen die Sowjetunion erbaten, die Finnland angeblich be­drohte. Die Mittel, die es der finnischen Regierung von Eng­land, Frankreich und den USA zu erhalten gelang, bot sie den Nazis an. Eigentlich war ganz Finnland den Nazis zur Verfügung gestellt. Die Deutschen erbauten in Finnland ein ganzes Netz von Flug- und Landeplätzen. In einer Reihe von Häfen wurden Reeden für Geschwader geschaffen, die ein Vielfaches der kleinen finnischen Flotte betrugen. Alte Festungen wie Sweaborg wurden wiederhergestellt und insbesondere auf der Karelischen Landenge immer neue Küsten­befestigungen erbaut. Die befestigte Zone der Karelischen Landenge, die nach dem finnischen Oberbefehlshaber die »Mannerheimlinie« genannt wurde, begann in einer Ent­fernung von 32 Kilometern von Leningrad. Von der Kare­lischen Landenge aus konnte Leningrad aus Ferngeschützen beschossen werden, während Flugzeuge die Stadt in zwei bis vier Minuten erreicht hätten, so daß die Luftabwehr gar nicht hätte in Aktion treten können. Von dem Wiborger Fort Ino aus hatten die Finnen die Möglichkeit, Kronstadt unter Feuer zu nehmen oder aus der Wiborger Bucht heraus den Hafen von Kronstadt überraschend anzugreifen. Die Finnen bedroh­ten die Kirow-Eisenbahnstrecke, die das Land mit dem ein­zigen eisfreien Hafen im Norden – Murmansk – verbindet.

Die finnischen Befestigungen auf der Karelischen Land­enge waren gleichsam eine Pistole, die auf Leningrad gerichtet war. Die Stadt Lenins und die nordwestlichen Grenzen der Sowjetunion durften einer solchen Drohung nicht ausgesetzt bleiben. Die Sowjetregierung wandte sich im Oktober 1939 an Finnland mit dem Vorschlag, einen Beistandspakt ab­zuschließen. Die Finnen lehnten ab. Mit dem Ziel, die Sicher­heit Leningrads und der nordwestlichen Grenzen zu ver­stärken, schlug dann die Sowjetregierung Finnland vor, seine Grenzen auf der Karelischen Landenge um einige Dutzend von Kilometern zurückzuverlegen, sowie die Halbinsel Hanko an die Sowjetunion zu verpachten, damit dort ein Stützpunkt der sowjetischen Marine und Luftflotte geschaffen werden könne. An Stelle des abgetretenen Territoriums bot die So­wjetregierung Finnland ein doppelt so großes Gebiet in Nordkarelien an.

Für jeden unvoreingenommenen Menschen war es klar, daß die sowjetischen Vorschläge, die das Ziel hatten, die Sicherheit Leningrads zu gewährleisten, die vitalen Interessen Finnlands in keiner Weise berührten. Keine einzige Großmacht würde sich mit einem Zustand abfinden, bei dem ihre zweite Hauptstadt in der Reichweite feindlicher Geschütze liegt.

Die finnische Regierung weigerte sich, den sowjetischen Vorschlag anzunehmen, und führte eine allgemeine Mobili­sierung ihrer Truppen durch.

In der Nacht zum 30. November 1939 versuchten die fin­nischen Truppen an zwei Grenzabschnitten auf sowjetisches Gebiet einzufallen. Truppenteile der Roten Armee schlugen diese Versuche zurück, gingen zum Angriff über und rückten bald bis an die »Mannerheimlinie« vor. Die Rote Armee hatte nunmehr Befestigungen zu überwinden, die nach allen Regeln der modernen Kriegskunst erbaut waren. Nach sorgfältiger Vorbereitung traten die sowjetischen Truppen am 11. Fe­bruar 1940 zum Sturm gegen die finnischen Verteidigungs­stellungen an.

Gleich am ersten Tage der Offensive gelang es der Roten Armee, eine Bresche in die Befestigungslinie zu schlagen. In diese Bresche strömten neue Truppeneinheiten hinein und erweiterten sie nach und nach. Der Sturm gegen die finnischen Befestigungen dauerte dreißig Tage ohne Unterbrechung an.

Verlauf des Winterkrieges

Eine Befestigung nach der andern wurde gestürmt, ein Bunker nach dem andern zerstört, ein Hindernis nach dem andern überwunden. Schließlich brach die scheinbar unein­nehmbare Befestigungslinie unter dem Druck der sowjetischen Truppen zusammen.

Finnland bat um Frieden. Am 12. März 1940 wurde der Friedensvertrag unterzeichnet, nach dem Finnland die Kare­lische Landenge zusammen mit Wiborg und der Wiborgbucht, die West- und die Nordküste des Ladogasees zusam­men mit den Städten Kexholm und

Sortavala an die Sowjet­union abtrat. Im Bezirk von Kandalakscha wurde die Grenze, wo sie zu nahe an die Eisenbahnstrecke nach Murmansk herantrat, etwas zurückverlegt. Geringe Teile der Mittel- und Fischerhalbinsel sowie mehrere Inseln in der Finnischen Bucht kamen an die Sowjetunion. Finnland verpflichtete sich, gegen jährliche Bezahlung von 8 Millionen Finnmark die Halbinsel Hanko und die anliegenden Inseln zur Errichtung eines sowjetischen Marinestützpunktes für 30 Jahre zu ver­pachten. Der Friedensvertrag enthielt die gegenseitige Ver­pflichtung, sich jedes Angriffs gegen den Vertragspartner zu enthalten sowie von jeder dem Vertragspartner feindlichen Koalition Abstand zu nehmen.

Die Sowjetunion trat an Finnland das während des Krieges besetzte Petsamogebiet ab. Zum zweiten Male übergab die Sowjetunion freiwillig den eisfreien Hafen Petsamo an Finn­land. Zum ersten Male geschah das im Jahre 1920.

Durch den Friedensvertrag wurde die Sicherheit des Sowjetstaates gefestigt. Gleichzeitig blieb Finnland ein selb­ständiges, unabhängiges Land, in dessen innere Angelegen­heiten die Sowjetunion sich nicht einmischte. Die Sowjetunion stellte vor der ganzen Welt die Gerechtigkeit und die Großmut der Außenpolitik des sozialistischen Staates unter Beweis.

Die Niederlage Finnlands bedeutete für das faschistische Deutschland den Verlust eines der Aufmarschgebiete für den Überfall auf die Sowjetunion. Durch den Mißerfolg beun­ruhigt, verstärkten die Nazis ihre feindliche Tätigkeit gegen das Sowjetland im Baltikum.

Die Sowjetunion schloß im Jahre 1939 Beistandspakte mit den drei baltischen Staaten ab. Diese Verträge garantierten den kleinen Ländern Unabhängigkeit und Beistand gegen das aggressive Deutschland. Aber die reaktionären Regierun­gen Estlands, Lettlands und Litauens nahmen hinter dem Rücken des Volkes Verhandlungen mit den Nazis auf. Dem Wunsch der Nazis entsprechend, schlossen die Regierungen Estlands, Lettlands und Litauens untereinander einen mili­tärischen Geheimpakt ab, der gegen die Sowjetunion gerichtet war. Die Machthaber der baltischen Länder griffen zu anti­sowjetischen Provokationen. Litauische Behörden verhafteten einige Rotarmisten. Durch Mißhandlungen und Drohungen versuchten sie ihnen die Zusammensetzung und Stationierung der sowjetischen Truppenteile zu erpressen. Ein Sergeant wurde von litauischen Gendarmen ermordet, ein anderer ver­schwand. Die estnischen und lettischen Staatsmänner unter­stützten Litauen.

Im Juni 1940 überreichte Molotow dem litauischen Bot­schafter eine Note, deren Inhalt auch der lettischen und der estnischen Regierung zur Kenntnis gebracht wurde. Die Sowjetregierung forderte, daß man den litauischen Innen­minister und den Chef des Departements der Politischen Polizei, die an der Entführung und Ermordung der Rot­armisten unmittelbar schuldig waren, vor Gericht stelle; daß eine Regierung gebildet werde, die imstande und bereit wäre, den Beistandspakt ehrlich zu erfüllen; daß den sowjetischen Truppenteilen freier Durchzug auf litauisches Gebiet gewährt würde, damit diese in den wichtigsten Zentren des Landes stationiert werden könnten, um die Erfüllung des Beistands­paktes zu gewährleisten und provokatorischen Handlungen in Zukunft vorzubeugen.

Das litauische Volk war über das Verhalten seiner regieren­den Clique empört. Da sie den Zorn des Volkes fürchtete, erklärte sich die litauische Regierung mit dem sowjetischen Vorschlag einverstanden. Die sowjetischen Truppen über­schritten die litauische Grenze. Der Präsident von Litauen, Smetona, und einige der höchsten Staatsbeamten flüchteten nach Deutschland und offenbarten damit, wer hinter ihnen stand.

Das Verhalten der lettischen und der estnischen Behörden rief bei den Volksmassen die gleiche Empörung hervor. In Litauen, Lettland und Estland wurden neue Regierungen gebildet, die sich zumeist aus Persönlichkeiten zusammensetzten,  die  durch ihre  revolutionäre Tätigkeit  gegen  die alten Verräterregierungen ihrer Länder bekannt waren.

Die Völker des Baltikums forderten in Versammlungen und Kundgebungen die Proklamierung der Sowjetmacht und den Eintritt in die Sowjetunion. In Estland wurden Wahlen für die Staatsduma, in Litauen und Lettland für den Sejm durchgeführt. Im Juli 1940 beschlossen die Volksvertreter in allen drei Republiken einstimmig, die Sowjetordnung ein­zuführen.

Eine neue Seite wurde in der Geschichte des Baltikums aufgeschlagen. Gleichzeitig reiften auch im Süden des Sowjet­landes wichtige Ereignisse heran. Seit mehr als 20 Jahren war die Bessarabienfrage unentschieden geblieben. Unter Aus­nutzung der militärischen Schwäche des Sowjetlandes hat Rumänien mit deutscher Hilfe im Jahre 1918 Bessarabien an sich gerissen. Die rumänischen Bojaren trieben in Bessarabien eine Raubwirtschaft. In den ersten zehn Jahren der Besatzung allein waren über 300000 Werktätige Bessarabiens gezwun­gen, nach Amerika und anderen Staaten auszuwandern, um sich vor der kolonialen Ausplünderung durch die rumänischen Herrscher zu retten.

Die Sowjetunion hatte die Eroberung Bessarabiens durch Rumänien nie anerkannt und sich das Recht vorbehalten, auf diese Frage zurückzukommen, wenn sie es für nötig be­finden würde. Am 26. Juni 1940 wandte sich Molotow an Rumänien mit einer Note. Die sowjetische Regierung erklärte:

Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow

«Jetzt, da die militärische Schwäche der UdSSR der Ver­gangenheit angehört und die gegenwärtige internationale Lage die rascheste Lösung der aus der Vergangenheit als Erbe übernommenen ungelösten Fragen erfordert, um end­lich die Grundlagen für einen dauerhaften Frieden zwischen den Ländern zu schaffen, hält es die Sowjetunion im Interesse der Wiederherstellung der Gerechtigkeit für unerläßlich und angebracht, die Lösung der Frage der Rückkehr Bessarabiens in die Sowjetunion gemeinsam mit Rumänien unverzüglich in Angriff zu nehmen.«

W. M. Molotow betonte, daß Bessarabien sowohl durch gemeinsame Geschichte als auch durch gemeinsame Sprache und nationale Struktur mit der Nordbukowina eng verbunden sei, und daß die Nordbukowina, die bereits im Jahre 1918 den Anschluß an das Sowjetland beschlossen hatte, an die Sowjetunion abgetreten werden müsse. In der Note wurde darauf hingewiesen, daß eine solche Abtretung gleichzeitig ein Mittel zu einer gewissen Wiedergutmachung des Schadens wäre, der durch Rumänien der Bevölkerung Bessarabiens und der Sowjetunion zugefügt worden war.

Die rumänische Regierung nahm geheime Verhandlungen mit Hitlerdeutschland auf, von dem sie Hilfe erbat. Deshalb wich sie zunächst einer Lösung der bessarabischen Frage aus, erklärte sich aber schließlich mit dem Vorschlag der Sowjetregierung einverstanden, da sie bei einem Kampf gegen die Rote Armee eine vollständige Niederlage befürchtete. Die Rote Armee marschierte in Bessarabien und in die Nord­bukowina ein.

Die vom Joch der rumänischen Bojaren befreite Bevölke­rung bereitete der Roten Armee einen außerordentlich herz­lichen und freudigen Empfang. Greise, darunter so mancher

Teilnehmer des Bürgerkrieges und Mitstreiter des legendären bessarabischen Helden Kotowskij, weinten vor Freude und sagten: »Zwanzig Jahre haben wir auf euch gewartet, ihr Lieben!«

Der Einmarsch der Roten Armee in Bessarabien und in die Nordbukowina gestaltete sich zu einem Triumphzug.

Die mit Hilfe der deutschen Imperialisten von ihrer sowjetischen Heimat losgerissenen Gebiete kehrten jetzt zur Heimat zurück.

Am 1. August 1940 wurde die VII. Tagung des Obersten Sowjets der UdSSR eröffnet, zu der Vertreter Litauens, Lett­lands, Estlands, Bessarabiens und der Nordbukowina eintrafen. Die Tagung bestätigte die Gesetze über die Bildung der Moldauischen SSR, über die Aufnahme der Nordbuko­wina und der Kreise von Chotin, Akkerman und Ismail in die Ukrainische SSR sowie über die Aufnahme der Litau­ischen, Lettischen und Estnischen SSR in die Sowjetunion. Der Sowjetunion gehörten nunmehr 16 Unionsrepubliken an.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Großer Vaterländischer Krieg, Krieg und Frieden, Sowjetunion abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s