Der Beginn des Großen Vaterländischen Krieges – Teil 2

Aus Anlass des 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, am 22.  Juni 1941, veröffentliche ich an dieser Stelle in loser Folge Auszüge aus dem sowjetischen Buch Der große Vaterländische Krieg der Sowjetunion, dass 1947 im SWA-Verlag/Berlin als 4. Band in der Reihe „Das Sowjetland“ erschienen ist. Im 2. Abschnitt des zweiten Kapitels erklären die Autoren, wie es der Nazi-Wehrmacht gelingen konnte, zu Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion, vorübergehend so bedeutende Erfolge zu erzielen. Er trägt die Überschrift:

Die vorübergehenden Vorteile der deutsch-faschistischen Armee

Unsere Sache ist gerecht! – Der Sieg wird unser sein! Für die Heimat! – Für Stalin!

Die Sowjetunion und ihre Streitkräfte hatten schwere Prüfungen zu bestehen. Während ihrer ganzen Geschichte hatten es die Völker der Sowjetunion nicht mit einem so starken und heimtückischen Feind zu tun gehabt. Im ersten Weltkriege 1914-1918 hatte Deutschland im Bunde mit Öster­reich-Ungarn, Bulgarien und der Türkei gekämpft. Dem deutschen Block waren damals von den ersten Kriegstagen an die größten Weltmächte — Großbritannien, Frankreich und Rußland – entgegengetreten. Ihnen schlossen sich bald darauf Japan und Italien und später die USA an. Um diese sechs Mächte scharten sich über dreißig Staaten.

Beim wortbrüchigen Überfall auf die Sowjetunion dagegen hatte Deutschland genau so wie im vorigen Kriege Österreich und Ungarn auf seiner Seite. Auch von Bulgarien wurde Deutschland faktisch unterstützt. Außerdem traten Rumänien und Finnland, die im vergangenen Kriege Deutschlands Geg­ner gewesen waren, auf Seiten Hitlers gegen die Sowjetunion an. Im Lager der deutschen Faschisten stand ferner Italien, das im ersten Weltkriege zu Deutschlands Gegnern gezählt hatte. Schließlich war auch Japan, dessen Armee im vorigen Kriege Deutschland entgegengetreten war, mit Deutschland verbündet. Dazu muß noch Spanien gerechnet werden, dessen Rohstoffquellen Deutschland uneingeschränkt zur Verfügung standen und das einige Zehntausende von Soldaten an die Front schickte. Während der deutsche Block vor einem Viertel­jahrhundert also aus vier Mächten bestanden hatte, hatten die Hitlerfaschisten einen Block aus acht Mächten – Spanien nicht eingerechnet — zusammengebracht. Außerdem hatten sie sich fast der gesamten Industrie Westeuropas bemächtigt und nutzten sie für ihre militärischen Zwecke aus.

Die Hauptkräfte des Hitlerblocks, der unvergleichlich mächtiger als der deutsche Block im ersten Weltkrieg war, fielen über die Sowjetunion her. Diese mußte allein den ganzen Ansturm aushalten, dem im vergangenen Kriege Dutzende von Ländern und darunter sechs Großmächte stand­gehalten hatten. Schon dieses Kräfteverhältnis allein zeugt davon, welche Schwierigkeiten die Sowjetunion zu bewältigen hatte und welche Opfer das Sowjetland und seine Streitkräfte im Kriege auf sich nehmen mußten.

J. W. Stalin

Die Hitlertruppen drangen in die baltischen Republiken, in Bjelorußland und in die Ukraine ein. Dem Sowjetlande drohte allerhöchste Gefahr. Von dieser sprach J. W. Stalin zu den Völkern der Sowjetunion in seiner Rundfunkrede am 3. Juli 1941:

»Der Feind ist grausam und unerbittlich. Er setzt sich das Ziel, unseren Boden, der mit unserem Schweiß getränkt ist, zu okkupieren, unser Getreide, unser Erdöl, die Früchte unserer Arbeit an sich zu reißen. Er setzt sich das Ziel, die Macht der Gutsbesitzer wieder aufzurichten, den Zarismus wiederherzustellen, die nationale Kultur und die nationale Eigenstaatlichkeit der Russen, Ukrainer, Bjelorussen, Litauer, Letten, Esten, Usbeken, Tataren, Moldauer, Georgier, Armenier, Aserbaidshaner und der anderen freien Völker der Sowjetunion zu vernichten, sie zu germanisieren, sie zu Sklaven der deutschen Fürsten und Barone zu machen. Es geht also um Leben oder Tod des Sowjetstaates, um Leben oder Tod der Völker der Sowjetunion; es geht darum, ob die Völker der Sowjetunion frei sein oder in Versklavung geraten sollen.«

Der Krieg gegen einen solchen Feind durfte nicht als ge­wöhnlicher Krieg betrachtet werden.

Es handelte sich nicht nur um den Verlust dieses oder jenes Teils des sowjetischen Territoriums. Es handelte sich um die Existenz des Sowjetstaates, um die Einbuße aller Errungen­schaften, die die Große Sozialistische Revolution den Sowjet­völkern gebracht hatte. Die Völker der Sowjetunion hatten ein klares und edles Ziel vor Augen: das Sowjetland von den verhaßten Eindringlingen zu befreien, die Sowjetmenschen aus der Sklaverei und vor der Vernichtung zu retten. Es war ein Befreiungskrieg, ein heiliger Krieg des Sowjetvolkes um sein sozialistisches Vaterland.

»Er ist nicht nur ein Krieg zwischen zwei Armeen«, sagte J. W. Stalin. »Er ist zugleich der große Krieg des ganzen Sowjetvolkes gegen die faschistischen deutschen Truppen.«

Indem er das Sowjetvolk zur Verteidigung des sozialisti­schen Vaterlandes aufrief, erklärte J. W. Stalin, warum es den Hitlertruppen gelungen war, zu Beginn des Krieges so bedeutende Erfolge zu erzielen. Die faschistische Armee hatte Erfolge, nicht weil sie unbesiegbar war, wie das von den Nazis überall behauptet wurde, sondern weil die deutsch-faschistische Armee eine Reihe vorübergehender, aber über­aus wichtiger Vorteile besaß.

Hitlerdeutschland erwies sich für den Krieg besser vor­bereitet. Die Geschichte lehrt, wie J. W. Stalin in dem Bericht zum 27. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktober­revolution zeigte, daß . . . »die an einem neuen Krieg inter­essierten aggressiven Nationen als Nationen, die sich von langer Hand auf den Krieg vorbereiten und dafür Kräfte sammeln, gewöhnlich besser auf den Krieg vorbereitet sind und es auch sein müssen als die friedliebenden Nationen, die an einem neuen Krieg nicht interessiert sind. Das ist natür­lich und begreiflich. Das ist, wenn Sie so wollen, eine histo­rische Gesetzmäßigkeit, die außer acht zu lassen, gefährlich wäre.«

Bei den Vorbereitungen zum Kriege stellten die Hitler­faschisten vor allem ihre Industrie auf Rüstung um. Außer­dem erbeuteten sie nach der Eroberung Europas die Waffen- und Munitionsvorräte mehrerer europäischer Armeen und zwangen darüber hinaus fast ganz Europa – die Tschecho­slowakei, Österreich, Frankreich, Holland, Polen, Belgien und andere Länder – für sie zu arbeiten. Die Deutschen hat­ten deshalb mehr Panzer und mehr Flugzeuge, als die Rote Armee sie damals besaß.

Außerdem hatten die Faschisten ihre Armee bereits vor dem Überfall auf die UdSSR mobilisiert, die Einberufenen unter die einzelnen Truppenteile verteilt, Munition und Aus­rüstung bereitgestellt und ihre Divisionen an den entspre­chenden Stellen konzentriert. Das bot den Hitlerleuten die Möglichkeit, ihre Divisionen im richtigen Moment und in gewünschter Richtung umzugruppieren.

Die Hitlerleute machten sich nicht nur die Industrie und die Nahrungsmittelreserven des eroberten Europas zunutze. Die faschistischen Regierungen Rumäniens, Finnlands, Ungarns und Italiens ließen gemeinsam mit den Deutschen ihre Truppen gegen die Sowjetunion marschieren.

Eine enorme Rolle spielte ferner auch der Umstand, daß die deutsche Armee in den zwei Jahren des Krieges in Europa große Erfahrungen in der Durchführung großer militärischer Operationen unter Einsatz der modernsten Kriegstechnik gewonnen hatte.

Gemälde von A. Shirokov: „Für das Mutterland“

Schließlich muß auch in Betracht gezogen werden, daß es der deutsch-faschistischen Wehrmacht gelungen war, eine Reihe von Siegen über die Armeen Europas zu erringen, unter denen sich eine so mächtige Armee wie die französische befand. Zwar wurden die Erfolge im Kriege gegen Polen bei einer dreifachen Überlegenheit an Kräften errungen, während im Krieg gegen Frankreich der Verrat den Deut­schen zu Hilfe kam. Aber die Hitlerpropagandisten benutz­ten diese Erfolge, um den Soldaten einzuhämmern, daß sie unwiderstehlich wären. So wurde der Mythos von der Un­besiegbarkeit der deutsch-faschistischen Armee geschaffen.

Das waren die vorübergehenden Vorteile der Hitlerarmee, die es ihr ermöglichten, nach dem plötzlichen Überfall auf die Sowjetunion bedeutsame Erfolge an der sowjetisch-deutschen Front zu erzielen. Sie nutzte diese Vorteile weitgehend aus und kämpfte sich in die Tiefe des sowjetischen Gebietes vor. Die Hitlerfaschisten versuchten, einen »Blitzkrieg« durchzu­führen, wobei sie damit rechneten, daß die Streitkräfte des Sowjetlandes schwach seien. Sie spekulierten ferner darauf, daß die Sowjetordnung nicht fest sei; sie nahmen an, daß diese nach dem ersten ernsthaften Schlag zerfallen würde. Schließlich hofften die Nazis auf eine Isolierung der Sowjet­union. Sie wollten eine mächtige Koalition gegen die UdSSR zustande bringen, die Großbritannien und die USA ein­schließen sollte.

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