Der Beginn des Großen Vaterländischen Krieges – Teil 3

Aus Anlass des 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, am 22.  Juni 1941, veröffentliche ich an dieser Stelle in loser Folge Auszüge aus dem sowjetischen Buch Der große Vaterländische Krieg der Sowjetunion, dass 1947 im SWA-Verlag/Berlin als 4. Band in der Reihe „Das Sowjetland“ erschienen ist. Heute zum Thema:

Die Taktik der aktiven Verteidigung

Kutusow in der Schlacht von Borodino 1812

Welche Taktik sollte die sowjetische Führung einschlagen, wenn man voraussetzt, daß die Hitlerarmee im Vergleich zu den Streitkräften der Sowjetunion über zeitweilige Vorteile verfügte? Viele ausländische Militärfachleute, die den Kampf der Sowjettruppen beobachteten, versicherten, daß diese die Taktik Kutusows wiederholten: die sowjetischen Truppen wichen zurück, um Zeit zu gewinnen, bis die gesamte Wirt­schaft auf den Krieg umgestellt sein würde. »Die Rote Armee tauscht Raum gegen Zeit ein«, sagten die ausländischen mili­tärischen Kapazitäten.

Natürlich hatte die Rote Armee den gesamten Erfahrungs­schatz der einstigen russischen Armee übernommen. Die Führung der sowjetischen Streitkräfte hatte sich auch die Er­fahrungen des glänzenden Feldherrn Kutusow zu eigen ge­macht. Aber die sowjetischen Heerführer wiederholten keines­falls automatisch die Kutusow-Taktik. Die sowjetische Füh­rung stellte dem Feinde ihre eigene, die Stalinsche Taktik entgegen. Die wichtigsten Grundsätze dieser Taktik legte J. W. Stalin in seiner Rede am 3. Juli 1941 dar. Diese Taktik ist in die Geschichte der Kriegskunst als die der aktiven Ver­teidigung eingegangen. Die Hauptaufgabe der Stalinschen Taktik bestand darin, die vorübergehenden Vorteile des Gegners in kürzester Frist zu liquidieren.

Dem Gegner waren vor allem möglichst viel Verluste bei­zubringen. Kein Fußbreit Boden durfte ohne Kampf auf­gegeben werden. Dem Gegner sollte jeder Schritt vorwärts möglichst viel Menschen und Material kosten. Den Gegner zu schwächen und ihn sich ausbluten zu lassen, das war die Hauptaufgabe der aktiven Verteidigung.

Josef W. Stalin

»Die Rote Armee, die Rote Flotte und alle Bürger der Sowjetunion«, sagte J. W. Stalin, »müssen jeden Fußbreit Sowjetbodens verteidigen, müssen bis zum letzten Blutstropfen um unsere Städte und Dörfer kämpfen, müssen die Kühnheit, Initiative und Findigkeit an den Tag legen, die unserem Volk eigen sind.«

Zur Taktik der aktiven Verteidigung gehörte ferner eine rasche Umstellung der Industrie auf den Kriegsbedarf. Die gesamte Rüstungsindustrie mußte auf volle Touren gebracht werden. Dazu waren alle Hilfsquellen des Landes, die ge­samte Volkswirtschaft äußerst rasch und unter überaus schweren Bedingungen zu mobilisieren.

Außerdem mußten aus den durch die Hitlertruppen be­drohten Gebieten die gesamten Fabriken, das rollende Material, sämtliche Nahrungsmittel und Viehbestände weg­geschafft werden. Die sowjetische Industrie und die Rohstoff­reserven durften nicht dem Gegner zurückgelassen werden.

»Bei einem erzwungenen Rückzug von Truppenteilen der Roten Armee«, sagte J. W. Stalin, »muß das gesamte rollende Material der Eisenbahnen fortgeschafft werden; dem Feind darf keine einzige Lokomotive, kein einziger Waggon, kein Kilogramm Getreide, kein Liter Treibstoff überlassen werden. Die Kollektivbauern müssen das ganze Vieh wegtreiben und das Getreide zur Abbeförderung ins Hinterland dem Schutz der staatlichen Organe anvertrauen. Alles wertvolle Gut, darunter Buntmetalle, Getreide und Treibstoff, das nicht ab­transportiert werden kann, muß unbedingt vernichtet werden.«

Auch die Bevölkerung mußte evakuiert werden, da ihr Vernichtung drohte. Kein Land hat jemals eine derartig schwierige Evakuierung gekannt: es handelte sich darum, Zehntausende von Betrieben und Millionen von Menschen nach dem Osten zu schaffen.

Neben einer gigantischen Ankurbelung der gesamten Rüstungsindustrie und einer steigenden Erzeugung von Pan­zern, Flugzeugen, Maschinenpistolen, war es äußerst wich­tig, neue Waffen zum Kampf gegen die feindliche Kriegstechnik und vor allem gegen die Panzer Sturmflugzeuge, Panzerabwehrgeschütze, Panzerbüchsen und Granatwerfer zu schaffen. Kurzum, im Hinterlande war eine gewaltige organisatorische Arbeit zu leisten.

Zur Taktik der aktiven Verteidigung gehörte auch die Ent­faltung des Partisanenkampfes gegen die Faschisten durch das gesamte Volk.

Die Hitlerleute wußten bereits aus dem Jahre 1918, was der Partisanenkampf des Sowjetvolkes bedeutet. Aber die Eindringlinge hofften, daß das waffenlose Volk es nicht wagen würde, einer mit der modernsten Technik ausgestatteten Armee entgegenzutreten. Der faschistische Außenminister Ribbentrop versicherte: »Im Jahrhundert der Motoren, Pan­zer und Stukas ist ein Aufstand in den Gebieten, in denen die Bevölkerung entwaffnet ist, ausgeschlossen.«

Die Hitlerleute hatten jedoch die geistige Kraft des Sowjet­volkes und die Macht .des sowjetischen Patriotismus nicht einkalkuliert. J. W. Stalin rief zur Schaffung von Partisanen­abteilungen in den vorübergehend besetzten Gebieten auf: »In den vom Feind okkupierten Gebieten«, sagte J. W. Stalin, »müssen Partisanenabteilungen zu Pferd und zu Fuß gebildet und Diversionsgruppen geschaffen werden zum Kampf gegen die Truppenteile der feindlichen Armee, zur Entfachung des Partisanenkrieges überall und allerorts, zur Sprengung von Brücken und Straßen, zur Zerstörung der Telefon- und Tele­grafenverbindungen, zur Niederbrennung der Wälder, der Versorgungslager und der Trains. In den okkupierten Ge­bieten müssen für den Feind und alle seine Helfershelfer un­erträgliche Bedingungen geschaffen werden, sie müssen auf Schritt und Tritt verfolgt und vernichtet und alle ihre Maß­nahmen müssen vereitelt werden.«

Das war der Stalinsche Kampfplan, den er in seiner Juli­rede verkündete.

Um alle Kräfte der Völker der UdSSR schnellstens zum Widerstand gegen den Feind zu mobilisieren, wurde am 30. Juni 1941 das Staatliche Verteidigungskomitee mit J. W. Stalin an der Spitze gebildet. In den Händen dieses neuen Staatsorganes wurde die gesamte Macht im Staate konzentriert.

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