Der Beginn des Großen Vaterländischen Krieges – Teil 5

Aus Anlass des 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, am 22.  Juni 1941, veröffentliche ich an dieser Stelle in loser Folge Auszüge aus dem sowjetischen Buch Der große Vaterländische Krieg der Sowjetunion, dass 1947 im SWA-Verlag/Berlin als 4. Band in der Reihe „Das Sowjetland“ erschienen ist. Thema des heutigen Abschnitts:

Die organisatorische Arbeit im Hinterland

Neueste Informationen aus der „Prawda“

Mit der gleichen Hingabe verwirklichten die Sowjetmenschen, die im Hinterlande arbeiteten, den großen strate­gischen Plan Stalins. Die Wirtschaft wurde überall rasch auf den Kriegsbedarf umgestellt. Betriebe, die bisher den Zivil­bedarf der Bevölkerung befriedigt hatten, nahmen die Rüstungsproduktion auf.

Durch den wortbrüchigen Überfall und die Zusammen­ziehung gewaltiger Kräfte an der sowjetisch-deutschen Front sowie dadurch, daß die Sowjetunion allein den Schlag dieser gepanzerten Faust auffangen mußte, gelang es den deutschen Faschisten, einen Teil des sowjetischen Gebietes mit einer hochentwickelten Industrie zu besetzen. Die Sowjetunion erlitt recht empfindliche Verluste. Aber es gelang den Faschisten nicht, die Tätigkeit der Sowjetindustrie zu lähmen oder deren Umstellung auf den Kriegsbedarf zu verhindern.

Hier wirkte sich all die gigantische Arbeit aus, die von den Werktätigen des Sowjetlandes unter der Führung der Partei Lenins-Stalins vor dem Kriege geleistet worden war.

Bereits im Jahre 1930, lange vor Ausbruch des Krieges, hatte J. W. Stalin darauf hingewiesen, daß das Sowjetland mit einer einzigen Kohle-Eisen-Basis im Süden nicht auskom­men könne; eine zweite Kohle-Eisen-Basis im Osten des Landes – im Ural und in Sibirien – sei zu schaffen. Die An­weisung Stalins wurde verwirklicht.

Die im Osten geschaffene leistungsfähige Kohle-Eisen-Basis machte es möglich, trotz des Ausfalls der westlichen und südlichen Gebiete, die ständig wachsenden Forderungen der Front erfolgreich zu befriedigen.

Die industrielle Entwicklung der östlichen Gebiete erleich­terte auch die Lösung der Aufgabe der Verlagerung von Be­trieben aus dem Westen und Süden des Landes. Aus den Gebieten, die durch den Vormarsch der faschistischen Armeen bedroht waren, zogen Arbeiter und Kollektivbauern nach dem Osten. Sie führten ihr Hab und Gut und das Vieh mit sich. Vom Flugzeug sah es aus, als ob die Straßen selber in Bewegung geraten wären. Weitaus die meisten Werke wur­den evakuiert. Nach ungefähren Berechnungen haben allein die Eisenbahnen 1 200 000 Waggons verlagerter Frachten befördert. Hierzu müssen Frachten zugerechnet werden, die durch andere Transportmittel – Kraftwagen, Dampfer, Fluß­kähne und Fuhrwerke – befördert wurden.

Die Betriebe wurden meist nach Orten verlagert, in denen ähnliche Unternehmen vorhanden waren. Sie wurden mit den letzteren zusammengelegt und vervielfachten deren Kapazität. Für viele Werke, die nach industrielosen Bezirken verlagert wurden, mußten neue Werkhallen errichtet werden. Diese Bauten wurden im kriegsmäßigen Tempo durch­geführt. In der Taiga wuchsen ganze Industriesiedlungen aus dem Boden. Oft wurden die Maschinen nicht nur in den freien Gebäuden der arbeitenden Betriebe, sondern auch in den Klubs, Schulen und Kulturpalästen untergebracht. Unter schweren Bedingungen wurden im Winter viele Werkbauten errichtet. Mit unerhörter Kraftanspannung arbeiteten die Arbeiter aus dem Donezbecken, aus Kiew, Charkow, Moskau und Leningrad. Sie hatten ihre Heimstätten verlassen, ihre Angehörigen zurückgelassen und waren mit ihren Betrieben in die weitentlegenen Gebiete – nach dem Ural, nach Krasnojarsk und nach Mittelasien gekommen: sie wurden durch Vaterlandsliebe geleitet. Die Evakuierten arbeiteten nicht nur selbst, sondern lernten gleichzeitig neue Tausende von Arbeitern aus den Reihen der örtlichen Bevölkerung an. In beispiellos kurzer Frist wurden die verlagerten Werke in Betrieb gesetzt. So begann z. B. das Kiewer Gorki-Werk für Werkbänke und Automaten 18 Tage nach Ankunft der Aus­rüstung im Ural zu produzieren.

Arbeiten für den Sieg

Viele verlagerte Betriebe nahmen ihre Arbeit nach andert­halb bis zwei Monaten auf. Die größten Panzerwerke des Landes begannen an den neuen Standorten ein bis zwei Monate nach Ankunft der Ausrüstung Panzer zu produzieren.

W. Malyschew, der damalige Volkskommissar für die Panzerindustrie, berichtete über die Verlagerung von Be­trieben nach dem Osten: »Es war keine leichte Sache, Zehn­tausende von Werkbänken und die komplizierte Ausrüstung unter den Bedingungen des Krieges Tausende von Kilometern weit zu befördern, viele Tausende von Arbeitern mit ihren Familien ins Hinterland zu evakuieren und die Panzerwerke an neuen Standorten in kurzer Frist auf volle Touren zu bringen. Aber die sowjetischen Patrioten überwanden alle diese Schwierigkeiten. Es mag der Hinweis genügen, daß bei einem solchen Panzerwerk, wie das Stalin-Werk, die durch Verlagerung bedingte Unterbrechung in der Erzeugung auf nur zwei Monate reduziert wurde. Das Kirow-Werk begann einen Monat nach dem Eintreffen der ersten Transportzüge mit Ausrüstung am neuen Standort Panzer-Dieselmotoren zu erzeugen. Nur die ständige Aufmerksamkeit von J. W. Stalin, W. M. Molotow und L. P. Berija, die der Verlagerung zuteil wurde, gewährleistete die beispiellos rasche Schaffung solcher leistungsfähiger Panzerwerke wie das Kirow-Werk, das Stalin-Werk im Ural und vieler anderer im Osten des Landes.«

Die örtliche Bevölkerung erwies den Belegschaften der verlagerten Betriebe eine gewaltige Hilfe. Zehntausende neuer Arbeiter stellten sich an die Werkbänke. Die verlager­ten Betriebe wurden rasch in Gang gebracht.

Mit der gleichen Weitsicht hatte J, W. Stalin lange vor dem Kriege darauf hingewiesen, daß man die Landwirtschaft im Osten und Südosten des Landes entwickeln müsse. Vor dem Kriege ist die Bedeutung der östlichen Gebiete in der Land­wirtschaft gestiegen. Mit dem vorübergehenden Verlust der fruchtbaren Felder der Ukraine und anderer Gebiete legte sich die ganze Last der Versorgung der Armee und des Lan­des auf die östlichen und südöstlichen Gebiete der Sowjet­union. In den Tagen des Krieges hat die Kollektivbauern­schaft dieser Gebiete neue, noch erstaunlichere Erfolge er­rungen.

Die Kriegsgeschichte kennt keine organisatorische Arbeit von solchem Ausmaß, wie sie die bolschewistische Partei und alle Sowjetorganisationen zu bewältigen hatten. Unter schwersten Bedingungen war die Industrie auf den Kriegs­bedarf umzustellen, waren Tausende von Betrieben nach dem Osten zu verlagern sowie mit Arbeitskräften und Roh­stoffen zu versorgen, neue Ernährungsbasen zu schaffen und gleichzeitig ständig Kampfreserven auszubilden und die Front mit allem Notwendigen zu beliefern. Bei dieser ge­waltigen organisatorischen Arbeit wurde der Erfolg dank der sowjetischen Gesellschaftsordnung und ihren Vorteilen der kapitalistischen Ordnung gegenüber sowie dank der enormen Kraft des Patriotismus des Sowjetvolkes erzielt. Das ganze Sowjetland antwortete auf den Appell J. W. Stalins mit einer ungestümen Steigerung der Arbeitsproduktivität. In den Werken, Fabriken und Kollektivwirtschaften – überall be­gannen die Menschen besser und zwei- bis dreimal produk­tiver zu arbeiten.

Trotz der Einberufung von Menschen an die Front wurde die Arbeit in keinem Betrieb durch Mangel an Arbeitskraft in Frage gestellt. Die Einberufenen wurden durch ihre Müt­ter, Frauen und Schwestern ersetzt. Schüler und Frauen, die nicht in den Betrieben tätig waren, gingen in die Kollektiv­wirtschaften, um bei der Einbringung der Kriegsernte zu helfen.

Die Kollektivbäuerin Rodionowa kennzeichnete auf einer Kundgebung in der Molotow-Kollektivwirtschaft im Gorki-Gebiet in folgenden Worten die im ganzen Lande herrschende Volksstimmung:

»Meine sieben Söhne gehen in die Rote Armee und allen habe ich aufgetragen: Trefft den Feind mitten ins Herz. Und wir werden bei uns in der Kollektivwirtschaft noch besser arbeiten . . . Schaut euch nur an, wie sich hier alles erhoben hat. Die Söhne an die Front – die Mütter auf die Felder. Die Männer an die Front – die Frauen in die Fabrik. Die Brüder in den Krieg – die Schwestern aber verbinden die Verwundeten, und wer nicht zur Front einberufen ist, der meldet sich zur Volkswehr. Jetzt ist die Front überall. Der Krieg steht vor der Tür, überall muß gekämpft werden.«

Auf der Meldestelle

Es ist Hitler auch nicht gelungen, die Mobilmachung in der Sowjetunion zu vereiteln. Sie ging so präzise und organi­siert vor sich, wie sie im Plan der sowjetischen Führung vor­gesehen war. Es gab in Moskau z. B. keinen einzigen Fall, daß die Einberufenen nicht zur Meldestelle erschienen wären. Es kamen nicht einmal Verspätungen vor. Die Einberufenen kamen gruppenweise direkt aus den Werken. Die Väter kamen mit ihren Söhnen. Aus den Gebieten, die von den Faschisten bereits erobert waren, schlugen sich die Einberufe­nen durch die Front zu den Meldestellen hindurch. Hunderttausende von Menschen, die nicht einberufen waren, gaben Erklärungen mit der Bitte ab, sie als Freiwillige in die Armee aufzunehmen.

Die Faschisten waren überzeugt, daß die ersten Mißerfolge der Roten Armee die Freundschaft unter den Völkern der UdSSR untergraben, das Bündnis der Arbeiter und Bauern erschüttern und den Zerfall der Sowjetunion herbeiführen würden.

In der antagonistischen Klassengesellschaft rufen Miß­erfolge an der Front in der Tat eine Verstärkung und Ver­schärfung der Klassengegensätze hervor, während solche Ge­bietsverluste, wie sie die Sowjetunion vorübergehend er­leiden mußte, wohl den Zerfall eines jeden anderen Staates hervorgerufen hätten. Die Stärke der Sowjetordnung kam aber gerade darin zum Ausdruck, daß die Mißerfolge an der Front das sowjetische Millionenvolk noch enger zusammen­geschweißt haben. Darin offenbarte sich die Natur des Großen Vaterländischen Krieges als die eines wahrhaften Volks­krieges.

»Die Mißerfolge der Roten Armee«, sagte J. W. Stalin am 6. November 1941, »haben das Bündnis der Arbeiter und Bauern wie auch die Freundschaft der Völker der Sowjet­union nicht nur nicht geschwächt, sondern im Gegenteil, sie haben dieses Bündnis sowie diese Freundschaft noch gefestigt. Mehr noch – sie haben die Völkerfamilie der Sowjetunion in ein einheitliches, unerschütterliches Lager verwandelt, das seine Rote Armee und seine Rote Flotte aufopferungsvoll unterstützt. Niemals noch war das Sowjethinterland so fest wie jetzt.«

Eine anschauliche Offenbarung der Einheit des Sowjet­volkes war die Schaffung der Volkswehr. Wie das in den unruhigen Momenten der Geschichte des Landes stets der Fall war, erhob sich eine Volkswehr gegen die Eindringlinge: so war es im 17. Jahrhundert, als die Volkswehrabteilungen unter Führung von Minin und Posharskij zum Kampf gegen die Feinde des Vaterlandes antraten; so war es im Jahre 1812 als Antwort auf die Invasion Napoleons; und in einem un­vergleichlich stärkeren Maße ereignete es sich auch im Jahre 1941.

»Erheben werden sich die Millionenmassen unseres Vol­kes«, sagte J. W. Stalin. »Die Werktätigen von Moskau und Leningrad sind schon dazu übergegangen, eine vieltausend­köpfige Volkswehr zur Unterstützung der Roten Armee zu schaffen. In jeder Stadt, der die Gefahr eines feindlichen Überfalls droht, müssen wir eine derartige Volkswehr schaf­fen, müssen wir alle Werktätigen zum Kampf mobilisieren, um in unserem Vaterländischen Krieg gegen den deutschen Faschismus unsere Freiheit, unsere Ehre, unsere Heimat unter Einsatz unseres Lebens zu verteidigen.«

Leningrad stellte eine 300 000 Mann starke Volkswehr­armee auf. In Moskau wurden in einigen Tagen elf Volks­wehrdivisionen geschaffen. Die Moskauer statteten sie mit allem Notwendigen, von den Panzern angefangen bis zu den Eßgeschirren, aus.

Die Divisionen der Volkswehr haben die auf sie gesetzten Hoffnungen voll und ganz erfüllt und tapfer und standhaft gegen den Feind gekämpft. Einigen Divisionen, die aus Mos­kauer Arbeitern gebildet wurden, wurde für ihre Tapferkeit der Titel einer Gardedivision verliehen.

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