Der religiöse Faktor

4282399647Mit der Nutzung militanter Islamisten für den Krieg in Libyen greift der Westen zehn Jahre nach den Terror-anschlägen vom 11. September 2001 auf alte außenpolitische Bündnisstrategien zu-rück. Wie aktuelle Untersuchungen bele-gen, kooperierten die Vereinigten Staaten wie auch die Bundesrepublik Deutschland bereits in den 1950er Jahren mit unterschiedlichen Spektren des politischen Islam, um gegnerische Staaten in Osteuropa und im Nahen Osten zu schwächen. Man müsse sämtliche verfügbaren „religiösen Ressourcen mobilisieren“, um „der sowjetischen Bedrohung zu begegnen“, hieß es in Dokumenten der 1950er Jahre zur Begründung. Nach ersten Anläufen, die sich auch gegen die Regierung Nasser in Ägypten richteten, kulminierte die Bündnisstrategie in den 1980er Jahren im gemeinsamen Kampf militanter Islamisten und westlicher Geheimdienste, darunter der Bundesnachrichtendienst (BND), gegen die sowjetische Armee in Afghanistan. Erst als die verbündeten Islamisten aus dem Ruder liefen und sich gegen den Westen wandten – gipfelnd in den Terroranschlägen vom 11. September -, kam es zum sogenannten Anti-Terror-Krieg. Die Entwicklung in Libyen zeigt, dass aus Sicht westlicher Regierungen in Zukunft im Kampf gegen gemeinsame Gegner wieder gemeinsame Aktivitäten mit militanten Islamisten denkbar sind. Ansätze lassen sich auch jenseits von Libyen erkennen.

Alte Kollaborateure

Die jahrzehntelange gemeinsame Geschichte westlicher Staaten und verschiedenster Strömungen des politischen Islam ist Gegenstand zweier Buchpublikationen, die unlängst erschienen. Die beiden Werke [1] beschreiben, wie schon in den 1950er Jahren die ersten islamischen Organisationen in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland entstanden. Es handelte sich um Zusammenschlüsse vorwiegend alter NS-Kollaborateure aus mehreren islamisch geprägten Sowjetrepubliken, die zuvor an der Seite der Nazis gegen den Realsozialismus gekämpft hatten. Nach Kriegsende setzten sie ihren Kampf in der Bundesrepublik fort. Vor allem einstige NS-Subversionsspezialisten waren nach 1945 in staatlichem Auftrag damit befasst, die früheren Nazikollaborateure in handlungsfähigen Zusammenschlüssen zu organisieren, um sie effizient gegen die Sowjetunion in Stellung bringen zu können. Auch die CIA bemühte sich um sie – mit demselben Ziel. Zeitweise kam es zu scharfer deutsch-amerikanischer Rivalität um die Hegemonie in den neu entstehenden islamischen Vereinen. Ende der 1950er Jahre entstanden dabei Kontakte, die das Milieu der Muslime aus der Sowjetunion sprengten und der ägyptischen Muslimbruderschaft, einer Strömung des politischen Islam, Türen in der Bundesrepublik öffneten. Umgekehrt öffneten sich dem Westen damit Einflussmöglichkeiten in Nah- und Mittelost.

Ressourcen mobilisieren

Über die Zielsetzung der bundesdeutschen und der US-amerikanischen Aktivitäten liegen Stellungnahmen aus Bonn und Washington vor, die den strategischen Charakter der beginnenden Kooperation klar erkennen lassen. Dabei ging es nicht nur um subversive Aktivitäten unmittelbar gegen die Sowjetunion. Auch Stellvertreterkonflikte in Drittstaaten hatten die Politiker im Visier, zudem den arabischen Nationalismus Nasser’scher Prägung, der sich in den 1950er Jahren immer stärker westlicher Einflussnahme verweigerte. Als Gegenmittel empfahlen US-Spezialisten, konservativ-islamische Kreise als Verbündete zu gewinnen und sie entsprechend zu stärken. Man müsse sämtliche „religiösen und moralischen Ressourcen mobilisieren“, um „der sowjetischen Bedrohung zu begegnen“, hieß es etwa in Bezug auf den Islam in einem Strategiepapier des Nationalen Sicherheitsrats Mitte der 1950er Jahre. US-Präsident Dwight D. Eisenhower äußerte in einem Schreiben aus dem Jahr 1958, er betone in Gesprächen mit arabischen Politikern stets „den religiösen Faktor in unseren Beziehungen und das gemeinsame Ziel, sich dem atheistischen Kommunismus zu widersetzen“.[2] 1965 empfahl ein Bonner Diplomat, die Bundesregierung solle sich für einen Moscheebau in der Bundesrepublik stark machen: Man könne „die kommunistische Aktivität“ unter arabischen Studierenden wirksamer eindämmen, „wenn man die islamische Aktivität unter ihnen nicht behindert“.[3]

Gemeinsamer Krieg

Geriet die Kooperation Bonns und Washingtons mit dem politischen Islam Ende der 1960er und in den 1970er Jahren in den Hintergrund – wegen der Entspannungspolitik und der Öffnung Ägyptens für den Westen -, so lebte sie ab 1979 in zugespitzter Form wieder auf – in Afghanistan. Gegen die dortige prosowjetische Regierung machten zunächst einheimische islamistische Milizen mobil, die ihren Kampf bald auch auf die einmarschierte Sowjetische Armee ausweiteten. Sie wurden unterstützt durch militante Islamisten aus zahlreichen arabischen Staaten, die mit Finanzierung durch das wohl konservativste arabische Land, Saudi-Arabien, und mit Hilfe westlicher Geheimdienste ihren Krieg gegen Kabul und Moskau führten. Der Krieg am Hindukusch wurde zwar nur von einem insgesamt recht kleinen militant islamistischen Spektrum geführt; doch verschaffte diesem der Sieg gegen die Sowjetunion Auftrieb, zumal die westlichen Dienste die militanten Islamisten militärisch sorgfältig trainiert und auch aufgerüstet hatten. Die internationalen Kontakte intensivierten sich zum Beispiel durch Spendenaktionen, mit denen Vereinigungen des politischen Islam auch in der Bundesrepublik den Krieg in Afghanistan unterstützten. Hinzu kam, dass US-Präsident Ronald Reagan, aber auch Ministerpräsidenten deutscher Bundesländer mächtige islamistische Warlords aus Afghanistan für politische Gespräche in den Westen einluden.[4] Der militante Islamismus ging gestärkt aus dem gemeinsamen Krieg hervor.

Afghanistan-Heimkehrer

Die Hinwendung zu Terror-Aktivitäten, die gegen den nichtislamischen Westen zielten, war der logische nächste Schritt. Im Jemen etwa organisierten sich Afghanistan-Heimkehrer in den 1990er Jahren und gingen unter anderem mit Entführungen und mit einem spektakulären Anschlag auf ein Kriegsschiff der US-Marine gegen ihre ehemaligen Unterstützer vor.[5] Osama bin Laden war der wohl prominenteste unter den antisowjetischen Kämpfern der 1980er Jahre, die nach dem Sieg am Hindukusch den Krieg gegen den Westen aufnahmen. Kurz nach den zwei Bombenattentaten auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam im August 1998 griffen die Vereinigten Staaten erstmals ein angeblich bin Laden zuzurechnendes paramilitärisches Trainingslager am Hindukusch an. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 – einige der Attentäter sollen mehrmals in afghanische Ausbildungscamps gereist sein – startete der Westen seinen umfassenden „Anti-Terror-Krieg“.

Was nicht zusammenpasst

Zwar dauert dieser offiziell bis heute an. Doch geht der Westen mittlerweile dazu über, militante Islamisten bei Bedarf wieder für eigene Ziele einzuspannen. Das ist gegenwärtig in Libyen der Fall. Dort beteiligen sich zahlreiche militante Islamisten am Krieg des Westens gegen die Regierung von Muammar al Gaddafi. Ein libyscher Afghanistan-Veteran der 1980er Jahre, der 2003 im Rahmen des „Anti-Terror-Kriegs“ von der CIA festgenommen und gefoltert worden war, hat gemeinsam mit einigen Hundert Gleichgesinnten Gaddafis Residenz erobert – unterstützt von den Luftschlägen der NATO. Mittlerweile amtiert er sogar als Vorsitzender des Militärrats von Tripolis (german-foreign-policy.com berichtete [6]). Dies zeigt, dass die westlichen Regierungen inzwischen durchaus bereit sind, sich wieder auf Kooperationen selbst mit militanten Islamisten einzulassen. Ansätze dafür sind auch jenseits von Libyen zu erkennen, etwa im westchinesischen Xinjiang. Dort kommt es immer wieder zu Unruhen, die von Uiguren geschürt werden, einer turksprachigen, islamisch geprägten Bevölkerungsgruppe.[7] Einige moslemische Uiguren streben die Abspaltung ihrer Wohngebiete von China an; militante Islamisten unter ihnen kämpfen auch mit terroristischen Mitteln gegen die Volksrepublik. Es bestehen enge organisatorische Verbindungen in den Westen: So ist der World Uyghur Congress, den Beijing mit terroristischen Milieus in Verbindung bringt, seit seiner Gründung 2004 in München ansässig. „Die Uiguren sind Moslems“, heißt es in einem deutschen Bericht: „Islam und Kommunismus passen nicht zusammen, das sehen auch die Uiguren so“.[8] Darin klingen die alten strategischen Überlegungen aus dem Kalten Krieg der 1950er Jahre an.

[1] s. dazu unsere Doppelrezension
[2] Ian Johnson: A Mosque in Munich. Nazis, the CIA, and the Muslim Brotherhood in the West, Boston/New York 2010
[3], [4] Stefan Meining: Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen, München 2011
[5] Guido Steinberg: Der nahe und der ferne Feind. Die Netzwerke des islamistischen Terrorismus, München 2005. S. auch Die neue Front (II)
[6] s. dazu Wichtiger als Menschenrechte
[7] s. dazu Die Zukunft Ost-Turkestans
[8] Die Geschichte eines Uiguren; 20.05.2011

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Krieg und Frieden abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Der religiöse Faktor

  1. Inson schreibt:

    Die „Islamisten“ haben in der westlichen Strategie eine Doppelfunktion. Sie dienen als Feindbild und sind zugleich die Bluthunde des Westens beim destabilisieren bzw. vernichten von mißliebigen Staaten!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s