Die Wirtschaftskrisen – eine unabwendbare Begleiterscheinung der kapitalistischen Produktionsweise

Die Grundlage der kapitalistischen Überproduktionskrisen.

Seit An­fang des 19. Jahrhunderts, seit der Entstehung der maschinellen Großindu­strie, wird der Gang der erweiterten kapitalistischen Reproduktion periodisch durch Wirtschaftskrisen unterbrochen.

Arbeitslose in New York, die nach einer warmen Mahlzeit Schlange stehen – 30er Jahre

Die kapitalistischen Krisen sind Überproduktionskrisen. Die Krise drückt sich vor allem darin aus, dass die Waren keinen Absatz finden, weil mehr Waren produziert worden sind, als die Hauptverbraucher, die Volksmassen, kaufen können, deren Kaufkraft unter der Herrschaft kapitalistischer Produk­tionsverhältnisse äußerst enge Schranken gesetzt sind. In den Lagern stauen sich Waren„überschüsse“. Die Kapitalisten schränken die Produktion ein und werfen die Arbeiter auf die Straße. Hunderte und Tausende von Be­trieben werden geschlossen. Die Arbeitslosigkeit steigt rapide. Viele Klein­produzenten in Stadt und Land werden ruiniert. Das Fehlen von Absatz­möglichkeiten für die erzeugten Waren führt zu einer Zerrüttung des Han­dels. Die Kreditbeziehungen werden gestört. Die Kapitalisten verspüren einen großen Bargeldmangel und können die fälligen Forderungen nicht begleichen. Es kommt zu Börsenkrachs, die Kurse der Aktien, Obligationen und anderen Wertpapiere fallen rapide. Eine Welle von Bankrotten über­flutet die Industriebetriebe, die Handels- und Bankfirmen.

Die Überproduktion von Waren während der Krise ist nicht absolut, sondern relativ. Das bedeutet, dass ein Warenüberschuss nur in bezug auf die zahlungsfähige Nachfrage besteht, keineswegs jedoch in bezug auf die wirklichen Bedürfnisse der Gesellschaft. Während der Krise müssen die werktätigen Massen das Notwendigste entbehren, ihre Bedürfnisse werden schlechter als zu jeder anderen Zeit befriedigt. Millionenmassen hungern, weil „zuviel“ Brot, die Menschen frieren, weil „zuviel“ Kohle erzeugt worden ist. Die Werktätigen ermangeln aller Existenzmittel, weil sie zuviel Existenzmittel produziert haben. Darin besteht der schreiende Widerspruch der kapitalistischen Produktionsweise, in der nach den Worten des französischen utopischen Sozialisten Fourier „der Überfluss Quelle der Not und des Mangels“ wird.

Erschütterungen des Wirtschaftslebens gab es auch in den vorkapitalistischen Produktionsweisen. Doch wurden sie durch irgendeine außerordentliche gesellschaftliche oder Naturkatastrophe hervorgerufen: durch Überschwemmung, Dürre, blutige Kriege oder Epidemien wurden mitunter ganze Länder verheert und die Bevölkerung zu Hunger und Aussterben verdammt. Von den kapitalistischen Krisen unterscheiden sich diese wirtschaftlichen Erschütterungen aber grundlegend dadurch, dass die von ihnen verursachte Hungersnot und das Elend eine Folge unentwickelter Produktion, äußersten Mangels an Produkten war. Im Kapitalismus jedoch werden die Krisen durch das Wachstum der Produktion bei elender Lebens­lage der Volksmassen hervorgerufen, durch den relativen „Überfluss“ an produ­zierten Waren.

Bereits die ein­fache Warenproduktion und Zirkulation schließt die Möglichkeit der Krisen ein. Unvermeidlich werden die Krisen aber erst im Kapitalismus, in dem die Produktion gesellschaftlichen Charakter erlangt, während das Produkt der vergesellschafteten Arbeit vieler Tausend und Millionen Arbeiter von den Kapitalisten privat angeeignet wird. Der Widerspruch zwischen dem gesell­schaftlichen Charakter der Produktion und der privatkapitalistischen Form der Aneignung der Produktionsergebnisse ist der Grundwiderspruch des Kapitalismus. Dieser Widerspruch bildet die Grundlage der ökonomischen Überproduktionskrisen. Das heißt, die Unvermeidlichkeit der Krisen liegt im System der kapitalistischen Wirtschaft selbst.

Der Grundwiderspruch des Kapitalismus stellt sich dar als Gegensatz zwischen der Organisation der Produktion in der einzelnen Fabrik und der Anarchie der Produktion in der ganzen Gesellschaft. In jeder einzelnen Fabrik ist die Arbeit organisiert und dem einheitlichen Willen des Unter­nehmers untergeordnet. Doch in der Gesellschaft als Ganzem herrscht infolge der Herrschaft des Privateigentums an den Produktionsmitteln eine An­archie der Produktion, die jede planmäßige Entwicklung der Wirtschaft aus­schließt. Die Erweiterung der Produktion geht ungleichmäßig vor sich, so dass die alten Proportionen zwischen den Produktionszweigen ständig ge­stört werden, während sich die Herstellung neuer Proportionen nur elementar, durch Übertragung von Kapital aus einem Zweig in den anderen vollzieht. Deshalb ist Proportionalität zwischen den einzelnen Zweigen eine zufällige Erscheinung, die ständige Störung der Proportionalität aber die allgemeine Regel der kapitalistischen Reproduktion.

Kapitalistische Ausbeutung

Die Kapitalisten erweitern auf der Jagd nach dem höchsten Profit die Produktion, vervollkommnen die Technik, führen neue Maschinen ein und werfen riesige Warenmassen auf den Markt. In derselben Richtung wirkt auch der ständige, durch das Wachstum der organischen Zusammensetzung des Kapitals hervorgerufene tendenzielle Fall der Profitrate. Die Unter­nehmer sind bestrebt, den Fall der Profitrate durch eine Erhöhung der Profitmasse zu kompensieren, indem sie die Produktion erweitern und größere Warenmengen erzeugen. Dem Kapitalismus ist somit die Tendenz eigen, die Produktion zu erweitern, die Produktionskapazitäten gewaltig zu steigern. Doch durch das Sinken des Reallohns, das Steigen der Arbeitslosig­keit und den Ruin der Bauernschaft verringert sich relativ die zahlungs­fähige Nachfrage der Werktätigen. Infolgedessen stößt die Erweiterung der kapitalistischen Produktion unweigerlich auf die engen Schranken des Kon­sums der Bevölkerungsmassen.

Die Basis der Krise liegt in dem Widerspruch zwischen dem gesell­schaftlichen Charakter der Produktion und der kapitalistischen Form der An­eignung der Produktionsergebnisse. Ausdruck dieses Grundwiderspruchs des Kapitalismus ist der Widerspruch zwischen dem kolossalen Anwachsen der Produktionskapazitäten des Kapitalismus, die auf die Erzielung eines Maximums kapitalistischen Profits berechnet sind, und dem relativen Rück­gang der zahlungsfähigen Nachfrage seitens der Millionenmassen der Werk­tätigen, deren Lebenshaltung die Kapitalisten ständig in den Schranken des äußersten Minimums zu halten suchen.1

Der Grundwiderspruch des Kapitalismus tritt als Klassenantagonismus zwischen Proletariat und Bourgeoisie zutage. Kennzeichnend für den Kapita­lismus ist die Trennung der zwei wichtigsten Produktionsbedingungen: der Produktionsmittel, die in den Händen der Kapitalisten konzentriert sind, von den unmittelbaren Produzenten, die nichts besitzen als ihre Arbeitskraft. Diese Trennung tritt in den Überproduktionskrisen drastisch zutage, wenn ein fehlerhafter Kreislauf entsteht: einerseits Überfluss von Produktions­mitteln und Produkten, anderseits Überfluss von Arbeitskräften, Arbeitslosen­massen ohne Existenzmittel.

Die Krisen sind ein unvermeidlicher Begleiter der kapitalistischen Produk­tionsweise. Um die Krisen abzuschaffen, muss man den Kapitalismus ab­schaffen.

Die bürgerlichen Ökonomen leugnen die Unvermeidlichkeit von Krisen im Kapitalismus; sie erklären die Krisen als Folge zufälliger Ursachen, die sich an­geblich bei Aufrechterhaltung des kapitalistischen Wirtschaftssystems beseitigen lassen. Als letzter Grund der Krisen wird entweder eine zufällige Störung der Pro­portionalität zwischen den Produktionszweigen oder die „Unterkonsumtion“ verkündet, für deren Beseitigung solche Mittel wie forciertes Rüsten und Krieg emp­fohlen werden. In Wirklichkeit sind aber Disproportionalität der Produktion und „Unterkonsumtion“ im Kapitalismus kein Zufall, sondern notwendige Erscheinungsformen des kapitalistischen Grundwiderspruchs, der, solange die bürgerliche Ordnung besteht, nicht zu beseitigen ist.

Der zyklische Charakter der kapitalistischen Reproduktion.

Die kapitalistischen Überproduktionskrisen wiederholen sich in bestimmten Zeitabständen, und zwar alle 8 bis 12 Jahre. Partielle Überproduktionskrisen, die einzelne Industriezweige trafen, traten in England bereits um die Wende des 18. Jahrhunderts auf. Die erste Industriekrise, die die Wirtschaft eines ganzen Landes erfasste, brach 1825 in England aus. Die Krise von 1836 begann in England und breitete sich dann auch auf die USA aus. Die Krise 1847/48, die die USA und eine Reihe von europäischen Ländern erfasste, war die erste Weltkrise. Die Krise von 1857 traf die wichtigsten Länder Europas und Amerikas. Ihr folgten die Krisen von 1866, 1873, 1882 und 1890. Die schwerste davon war die Krise von 1873, die den Beginn des Übergangs vom vormonopolistischen zum monopolistischen Kapitalismus anzeigte. Im 20. Jahrhundert traten Krisen auf: 1900-1903 (diese Krise begann in Russ­land, wo ihre Wirkung bedeutend stärker war als in irgendeinem anderen Land), 1907,1920/21,1929-1933,1937/38 und 1948/49…

Die Zeitspanne vom Beginn einer Krise bis zum Beginn der nächsten heißt Zyklus. Der Zyklus besteht aus vier Phasen: Krise, Depression, Be­lebung und Aufschwung. Die Hauptphase des Zyklus ist die Krise, die der Ausgangspunkt eines neuen Zyklus ist.

  • Die Krise ist die Phase, des Zyklus, in der der Widerspruch zwischen dem Wachstum der Produktionskapazitäten und dem relativen Rückgang der zahlungsfähigen Nachfrage in stürmischer und verheerender Form zutage tritt. Diese Phase des Zyklus ist gekennzeichnet durch Überproduktion von Waren, die keinen Absatz finden, durch jähen Preissturz, durch starken Mangel an Zahlungsmitteln und durch Börsenkrachs, die Massenbankrotte nach sich ziehen, durch schroffe Einschränkung der Produktion, schnell zu­nehmende Arbeitslosigkeit und rapides Sinken des Arbeitslohns. Die Ent­wertung der Waren, die Arbeitslosigkeit, die direkte Vernichtung von Maschinen, Ausrüstungen und ganzen Unternehmen — das alles bedeutet riesenhafte Zerstörung von Produktivkräften der Gesellschaft. Durch den Ruin und den Untergang vieler Unternehmen, durch die Zerstörung eines Teiles der Produktivkräfte passt die Krise gewaltsam — aber nur auf eine ganz kurze Zeit — die Ausmaße der Produktion der zahlungsfähigen Nach­frage an. „Die Krisen sind immer nur momentane gewaltsame Lösungen der vorhandnen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleich­gewicht für den Augenblick wieder herstellen.2
  • Die Depression ist die Phase des Zyklus, die unmittelbar auf die Krise folgt. Diese Phase des Zyklus ist gekennzeichnet durch Stagnation der indu­striellen Produktion, niedrige Warenpreise, matte Handelstätigkeit und Überfluss an freiem Geldkapital. In der Depression werden die Voraus­setzungen für die darauffolgende Belebung und den Aufschwung geschaf­fen. Die angesammelten Warenvorräte werden teils zerstört, teils zu herab­gesetzten Preisen verkauft. Die Kapitalisten versuchen durch Herabsetzung der Produktionskosten einen Ausweg aus der Stagnation zu finden. Dieses Ziel erreichen sie erstens durch hochgradige Ausbeutung der Arbeiter, durch weitere Herabdrückung des Arbeitslohns und Steigerung der Arbeitsintensität; zweitens durch Neuausrüstung der Betriebe, Erneuerung des fixen Kapitals und Einführung technischer Verbesserungen, die das Ziel haben, die Produktion ungeachtet der durch die Krise bedingten niedrigen Preise gewinnbringend zu machen. Die Erneuerung des fixen Kapitals gibt einer Reihe von Zweigen den Anstoß zur Steigerung der Produktion. Die Unter­nehmen, die Maschinen produzieren, erhalten Aufträge und melden ihrer­seits Bedarf an Rohstoffen und Material aller Art an. Allmählich geht die Depression in die Belebung über.
  • Die Belebung ist die Phase des Zyklus, in der die Unternehmen, die die Krise überstanden haben, sich von der Erschütterung erholen und mit der Erweiterung der Produktion beginnen. Nach und nach erreicht die Produk­tion ihren früheren Stand, die Preise steigen, die Profite wachsen. Die Be­lebung geht in den Aufschwung über.
  • Der Aufschwung ist die Phase des Zyklus, in der die Produktion den vor der Krise im vorangegangenen Zyklus erreichten Höchststand überschreitet. Während des Aufschwungs werden neue Industrie-unternehmen, Eisen­bahnen usw. gebaut. Die Preise steigen, die Kaufleute kaufen soviel Waren wie möglich in der Hoffnung auf weitere Preissteigerungen und veranlassen so die Industriellen zu noch größerer Erweiterung der Produktion. Die Banken gewähren den Industriellen und Kaufleuten bereitwillig Kredite. Das alles ermöglicht die Ausdehnung der Produktion und des Handels weit über denRahmen der zahlungsfähigen Nachfrage hinaus. So werden die Voraussetzungen für die nächste Überproduktionskrise geschaffen.

Vor dem Ausbruch der Krise erreicht die Produktion ihren Höchststand, die Absatzmöglichkeiten scheinen jedoch noch größer zu sein. Es besteht bereits Überproduktion, jedoch in versteckter Form. Die Spekulation treibt die Preise hoch und bläht die Nachfrage nach Waren maßlos auf. Es sam­meln sich Überschüsse von Waren an. Der Kredit verbirgt in noch größerem Maße die Überproduktion: die Banken fahren fort, der Industrie und dem Handel Kredite zu gewähren, und unterstützen damit künstlich die Erweite­rung der Produktion. Wenn die Überproduktion ihren höchsten Stand erreicht hat, bricht die Krise aus. Und dann wiederholt sich der ganze Zyklus.

Die Krise bildet den Ausgangspunkt einer großen Neuanlage von Kapital. Um die Rentabilität ihrer Unternehmen angesichts des schroffen Preissturzes wiederherzustellen, sind die Kapitalisten gezwungen, neben der verstärkten Ausbeutung der Arbeiter neue Maschinen und Werkbänke, neue Produk­tionsmethoden einzuführen. Es findet eine massenhafte Erneuerung des fixen Kapitals statt. In den entscheidenden Zweigen der Großindustrie beträgt die Lebensdauer der wichtigsten Produktionsmittel — wenn man nicht nur den physischen, sondern auch den moralischen Verschleiß in Betracht zieht – im Durchschnitt etwa 10 Jahre. Damit ist die materielle Grundlage derPeriodizität der Krisen gegeben, die sich in der Geschichte des Kapitalismus regelmäßig wiederholen.

Jede Krise bereitet den Boden für neue, noch tiefere Krisen vor; infolge­dessen wächst mit der Entwicklung des Kapitalismus ihre Zerstörungskraft und Schärfe.

Die Agrarkrisen.

Die kapitalistischen Überproduktionskrisen, von denen Arbeitslosigkeit, Sinken des Arbeitslohns und Verringerung der zahlungsfähi­gen Nachfrage nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen hervorgerufen werden, führen unausweichlich zu einer partiellen oder allgemeinen Überproduktion in der Landwirtschaft. Die Überproduktionskrisen in der Landwirtschaft heißen Agrarkrisen. Die Unvermeidlichkeit der Agrarkrisen ist durch den gleichen Grundwiderspruch des Kapitalismus bedingt, der auch die Grund­lage der industriellen Krisen bildet.

Gleichzeitig weisen die Agrarkrisen aber auch gewisse Besonderheiten auf: sie sind gewöhnlich langwieriger, schleppender als die industriellen Krisen.

Die Agrarkrise im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, die Westeuropa, Russ­land und dann auch die USA erfasste, begann in der ersten Hälfte der 70er Jahre und dauerte in der einen oder anderen Form bis Mitte der 90er Jahre des 19. Jahr­hunderts. Sie wurde dadurch hervorgerufen, dass infolge der Entwicklung der Seeschifffahrt und der Erweiterung des Eisenbahnnetzes billigeres Getreide aus Amerika, Russland und Indien in großer Menge auf die europäischen Märkte ge­langte. In Amerika war die Getreideproduktion billiger, weil dort neuer frucht­barer Boden bebaut werden konnte und freier Boden da war, für den keine abso­lute Rente entrichtet werden musste. Russland und Indien aber konnten deswegen nach Westeuropa Getreide zu niedrigen Preisen exportieren, weil die russischen und indischen Bauern, durch unerträgliche Steuern niedergedrückt, gezwungen waren, Getreide zu Spottpreisen zu verkaufen. Die europäischen kapitalistischen Pächter und Bauern konnten bei der durch die Großgrundbesitzer in die Höhe ge­triebenen Rente dieser Konkurrenz nicht standhalten. Nach dem ersten Weltkrieg, als die Kaufkraft der Bevölkerung stark geschwächt worden war, brach im Frühjahr 1920 eine scharfe Agrarkrise aus, die mit besonderer Gewalt die außereuropäischen Länder (USA, Kanada, Argentinien, Australien) traf. Die Landwirtschaft hatte sich von dieser Krise noch nicht erholt, als sich Ende 1928 deutliche Anzeichen einer neuen Agrarkrise in Kanada, den USA, Brasilien und Australien bemerkbar machten. Diese Krise erfasste die wichtigsten Rohstoffe und Lebensmittel expor­tierenden Länder der kapitalistischen Welt. Sie dehnte sich auf alle Zweige der Landwirtschaft aus, verflocht sich mit der Industriekrise von 1929 bis 1933 und zog sich bis zum Anfang des zweiten Weltkrieges hin.

Der langwierige Charakter der Agrarkrisen hat folgende Hauptursachen:

Erstens zwingt das Monopol des privaten Grundeigentums die Pächter, auch während der Agrarkrisen die vertraglich festgesetzte Pacht in gleicher Höhe zu zahlen. Bei sinkenden Preisen für landwirtschaftliche Waren wird dieGrundrente mit Hilfe des weiteren Abbaus der Löhne der Landarbeiter sowie auf Kosten des Profits, manchmal sogar auf Kosten des vorgeschossenen Kapitals der Pächter aufgebracht. Infolgedessen ist die Überwindung der Krise durch Einführung vervollkommneter Technik und durch Herabsetzung der Produktionskosten außerordentlich erschwert.

Zweitens ist die Landwirtschaft im Kapitalismus, verglichen mit der In­dustrie, ein rückständiger Zweig. Das private Grundeigentum, die Überreste feudaler Verhältnisse und die Notwendigkeit, den Grundeigentümern ab­solute Grundrente und Differentialrente zu zahlen — das alles hemmt den freien Zustrom von Kapital in die Landwirtschaft und die Entwicklung der Produktivkräfte. Die Technik bleibt in diesem Zweig außerordentlich rückständig. Die organische Zusammensetzung des Kapitals ist in der Landwirt­schaft niedriger als in der Industrie; das fixe Kapital, dessen massenhafte Erneuerung die materielle Grundlage der Periodizität der Industriekrisen bildet, spielt in der Landwirtschaft eine viel geringere Rolle als in der Industrie.

Drittens versuchen die kleinen Warenproduzenten, die Bauern, während der Krisen den bisherigen Produktionsumfang aufrechtzuerhalten, um sich auf ihren eigenen oder gepachteten Fleckchen Land um jeden Preis zu behaupten — durch Überarbeit, Unterernährung, Raubbau am Boden und am Vieh. Das verstärkt die Überproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse noch mehr.

Die allgemeine Grundlage dafür, dass die Agrarkrisen schleppend ver­laufen, sind somit das Monopol des privaten Grundeigentums, die damit verknüpften feudalen Überreste und die außerordentliche Rückständigkeit der Landwirtschaft der kapitalistischen Länder.

Demonstrierende Landarbeiter in Peru

Die Hauptlast der Agrarkrisen fällt auf die breiten Massen der Bauern­schaft. Wie jede Krise, ruiniert auch die Agrarkrise eine Masse kleiner Waren­produzenten. Durch die Zerstörung der alten Eigentumsverhältnisse be­schleunigt sie die Zersetzung der Bauernschaft und die Entwicklung kapitalistischer Verhältnisse in der Landwirtschaft. Gleichzeitig führen die Agrarkrisen zu einer direkten Degradation der Landwirtschaft der kapitali­stischen Länder: zur Rückkehr von der Maschinenarbeit zur manuellen Arbeit, zu einer erheblichen Einschränkung der Anwendung von Kunstdünger, zur Verringerung der Anbauflächen, zum Sinken des agrotechnischen Niveaus, zum Rückgang der landwirtschaftlichen Erträge und der Ergiebigkeit der Viehzucht.

Die Krisen und die Verschärfung der Widersprüche des Kapitalis­mus.

Die Wirtschaftskrisen, in denen alle Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise zum gewaltsamen Ausbruch kommen, führen unweiger­lich zur weiteren Vertiefung und Verschärfung dieser Widersprüche.

In der Regel haben die kapitalistischen Überproduktionskrisen all­umfassenden Charakter. In irgendeinem Produktionszweig beginnend, erfassen sie schnell die gesamte Volkswirtschaft. Sie entstehen zuerst in einem Land oder in einigen Ländern und breiten sich auf die ganze kapitalistische Welt aus.

Jede Krise führt zu einer starken Einschränkung der Produktion, zum Fallen der Großhandelspreise und der Börsenkurse, zu einem Rückgang des Binnen- und Außenhandels.

In jeder Krise sinkt die Produktion auf einen bereits vor Jahren er­reichten Stand. Im 19. Jahrhundert wurde während der Krisen das Wirt­schaftsleben der kapitalistischen Länder um 3 bis 5 Jahre, im 20. Jahrhundert wird es bereits um Jahrzehnte zurückgeworfen.

Die Kohlenförderung in den USA fiel während der Krisen: 1873 um 9,1%, 1882 um 7,5%, 1893 um 6,4%, 1907 um 13,4%, 1920/21 um 27,5% und 1929-1933 um 40,9%. Die Roheisenerzeugung sank in den USA während der Krisen: 1873 um 27%, 1882 um 12,5%, 1893 um 27,3%, 1907 um 38,2%, 1920/21 um 54,8% und 1929-1933 um 79,4%.

In Deutschland fiel der Gesamtumfang der Industrieproduktion während der Krisen: 1873 um 6,1%, 1890 um 3,4%, 1907 um 6,5% und 1929-1933 um 40,6%.

Durch die Krise 1857 wurden die USA in der Kohlenförderung um 2 Jahre, in der Roheisenherstellung um 4 Jahre, in der Ausfuhr um 2 Jahre und in der Ein­fuhr um 3 Jahre zurückgeworfen. Durch die Krise 1929 wurden die USA in der Kohlenförderung um 28 Jahre, in der Roheisenherstellung um 36 Jahre, in der Stahlproduktion um 31 Jahre, in der Ausfuhr um 35 Jahre und in der Einfuhr um 31 Jahre zurückgeworfen.

Durch die Krise 1929 wurde England in der Kohlenförderung um 35 Jahre, in der Roheisenherstellung um 76 Jahre, in der Stahlproduktion um 23 Jahre und im Außenhandel um 36 Jahre zurückgeworfen.

Nur noch Schrottwert – ehemaliges Conti-Werk

Die Wirtschaftskrisen führen den räuberischen Charakter des Kapitalis­mus klar vor Augen. In jeder Krise werden bei äußerster Not von Millionen zu Elend und Hunger verdammter Menschen riesige Warenmengen ver­nichtet, die keinen Absatz finden — Weizen, Kartoffeln, Milch, Vieh, Baum­wolle. Ganze Fabriken, Werften und Hochöfen werden stillgelegt oder ab­gerissen. Die Saaten von Getreide und gewerblichen Nutzpflanzen werden vernichtet und Obstplantagen abgeholzt.

In drei Jahren der Krise 1929-1933 wurden in den USA 92, in England 72, in Deutschland 28, in Frankreich 10 Hochöfen abgerissen. Die Tonnage der in diesen Jahren vernichteten Hochseeschiffe betrug über 6,5 Millionen Registertonnen.

Die verheerende Wirkung der Agrarkrise ist an folgenden Angaben zu messen. Von 1926 bis 1937 wurden in den USA mehr als 2 Millionen Farmen wegen Verschuldung zwangsversteigert. Das Einkommen der Landwirtschaft ging von 6,8 Milliarden Dollar im Jahre 1929 auf 2,4 Milliarden Dollar im Jahre 1932 zurück. In der gleichen Zeit verringerte sich der jährliche Absatz von landwirtschaftlichen Maschinen und Inventar von 458 Millionen Dollar auf 65 Millionen oder auf ein Siebentel, der Verbrauch von Kunstdünger ging auf fast die Hälfte zurück. Die Regierung der USA unternahm alles, um die landwirtschaftliche Produktion einzuschränken. Im Jahre 1933 wurden 10,4 Millionen Acres Baumwollsaaten durch Umpflügen vernichtet sowie 6,4 Millionen Schweine aufgekauft und ver­nichtet. Weizen wurde zur Feuerung von Lokomotiven verwandt. In Brasilien wurden etwa 22 Millionen Sack Kaffee vernichtet, in Dänemark 117 000 Stück Vieh.

Die Krisen bringen der Arbeiterklasse, den breiten Bauernmassen sowie allen übrigen Werktätigen unermessliche Not. Sie erzeugen Massenarbeits­losigkeit, die Hunderttausende und Millionen von Menschen zu erzwungener Untätigkeit, zu Elend und Hunger verurteilt. Die Kapitalisten benutzen die Arbeitslosigkeit dazu, um die Ausbeutung der Arbeiterklasse auf jede Weise zu steigern und das Lebensniveau der Werktätigen schroff zu senken.

Die Zahl der in der verarbeitenden Industrie der USA beschäftigten Arbeiter ging während der Krise 1907 um 11,8% zurück. In der Krise 1929-1933 ging die Zahl der Arbeiter in der amerikanischen verarbeitenden Industrie um 38,8% zurück, während die ausgezahlte Lohnsumme um 57,7% sank. Nach Angaben amerikanischer Statistiker sind in der Zeit von 1929 bis 1938 durch Arbeitslosigkeit 43 Millionen Arbeitsjahre verlorengegangen.

Die Krisen verstärken in hohem Grade die Existenzunsicherheit der Werktätigen, ihre Furcht vor dem morgigen Tag. Die Proletarier, die jahrelang keine Arbeit finden, verlieren ihre Arbeitsfertigkeit; nach der Krise können viele von ihnen schon nicht mehr in die Produktion zurückkehren. Bis aufs äußerste verschlechtern sich die Wohnbedingungen der Werktätigen, es wächst die Zahl der Obdachlosen, die auf Arbeitsuche im Lande umherziehen. Während der Krisen geht die Zahl der Selbstmorde zur Verzweiflung getriebener Menschen rapide in die Höhe, wächst das Elend und die Kriminalität.

Die Krisen führen zu einer Verschärfung der Klassengegensätze zwischen Proletariat und Bourgeoisie, zwischen den breiten Massen der Bauernschaft und den sie ausbeutenden Grundbesitzern, Wucherern und Großbauern. In der Krise verliert die Arbeiterklasse viele Errungenschaften, die sie in langwierigem und hartem Kampf gegen die Ausbeuter und den bürgerlichen Staat erkämpft hat. Das zeigt den Arbeitern, dass der einzige Weg der Rettung aus Elend und Hunger der Sturz der Macht der Bourgeoisie, die Beseitigung der kapitalistischen Lohnsklaverei ist. Klassenbewusstsein und revolutionäre Entschlossenheit durchdringt breiteste Massen des Proletariats die von den Krisen zu größten Entbehrungen verdammt werden. Die Unfähigkeit der Bourgeoisie, die Produktivkräfte der Gesellschaft zu lenken untergräbt den Glauben der kleinbürgerlichen Bevölkerungsschichten an die Unerschütterlichkeit der kapitalistischen Ordnung. Das alles führt zur Verschärfung des Klassenkampfes in der kapitalistischen Gesellschaft.

Der bürgerliche Staat kommt während der Krisen den Kapitalisten mit Subventionen zu Hilfe, für die letzten Endes die werktätigen Massen aufkommen müssen. Unter Ausnutzung des Gewalt- und Zwangsapparates hilft der Staat den Kapitalisten, das Lebensniveau der Arbeiterklasse und der Bauernschaft herabzudrücken. Das alles verstärkt die Verelendung der werktätigen Massen. Gleichzeitig offenbaren die Krisen die völlige Unfähig­keit des bürgerlichen Staates, der elementar wirkenden Gesetze des Kapita­lismus in irgendeinem Maße Herr zu werden. In den kapitalistischen Ländern lenkt nicht der Staat die Wirtschaft, sondern umgekehrt, der Staat selbst befindet sich in der Gewalt der kapitalistischen Wirtschaft, ist dem Groß­kapital untergeordnet.

Die Krisen zeigen mit aller Deutlichkeit, dass den vom Kapitalismus ge­schaffenen Produktivkräften der Rahmen der bürgerlichen Produktionsver­hältnisse zu eng geworden ist und dass die letzteren zu einem Hemmschuh für das weitere Wachstum der Produktivkräfte geworden sind.

Die Krise zeigt, dass die heutige Gesellschaft unvergleichlich mehr Pro­dukte für die Verbesserung des Lebens des gesamten werktätigen Volkes erzeugen könnte, wenn nicht ein kleines Häuflein Privateigentümer, die am Elend des Volkes Millionen verdienen, den Grund und Boden, die Fabriken, Maschinen usw. an sich gerissen hätten.3 Jede Krise beschleunigt den Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise.

Die geschichtliche Entwicklungstendenz des Kapitalismus.

Das Proletariat als Totengräber des Kapitalismus.

Seitdem der Kapitalis­mus zur herrschenden Gesellschaftsordnung geworden ist, hat die Konzen­tration des Eigentums in wenigen Händen Riesenschritte gemacht. Die Ent­wicklung des Kapitalismus führt zum Ruin der kleinen Produzenten, die in das Heer der Lohnarbeiter eingereiht werden. Der Konkurrenzkampf unter den Kapitalisten verschärft sich immer mehr, je ein Kapitalist schlägt viele tot. Die Konzentration des Kapitals bedeutet die Anhäufung riesiger Reich­tümer in den Händen eines immer kleiner werdenden Personenkreises.

Mit der Entwicklung der Großproduktion bringt der Kapitalismus zu­gleich seinen Totengräber hervor in Gestalt der Arbeiterklasse, die als Leiter und Führer aller werktätigen und ausgebeuteten Massen auftritt. Die Entwicklung der Industrie ist von einem zahlenmäßigen Wachstum des Prole­tariats begleitet, von dem Wachstum seiner Geschlossenheit, seines Bewusst­seins und seiner Organisiertheit. Das Proletariat erhebt sich immer entschlossener zum Kampf gegen das Kapital. Die Entwicklung der kapita­listischen Gesellschaft, mit der eine Verschärfung der ihr innewohnenden antagonistischen Widersprüche und des Klassenkampfes einhergeht, schafft die notwendigen Voraussetzungen für den Sieg des Proletariats über die Bourgeoisie.

Der theoretische Ausdruck der Grundinteressen der Arbeiterklasse ist der Marxismus, der wissenschaftliche Sozialismus, der eine in sich geschlossene und harmonische Weltanschauung ist. Der wissenschaftliche Sozialismus lehrt das Proletariat, sich zum Klassenkampf gegen die Bourgeoisie zu vereinen. Die Klasseninteressen des Proletariats fallen mit den Interessen der Vor­wärtsentwicklung der menschlichen Gesellschaft zusammen, sie stimmen mit den Interessen der überwältigenden Mehrheit der Gesellschaft überein, denn die proletarische Revolution bedeutet nicht die Beseitigung dieser oder jener Ausbeutungsform, sondern die Beseitigung jeder Ausbeutung über­haupt.

Wenn in der Frühzeit des Kapitalismus wenige Usurpatoren in Gestalt der Kapitalisten und Grundbesitzer die Volksmassen expropriiert haben, so führt die Entwicklung des Kapitalismus mit Notwendigkeit zur Expropriation der wenigen Usurpatoren durch die Volksmassen. Diese Aufgabe erfüllt die sozialistische Revolution, die die Produktionsmittel vergesellschaftet und den Kapitalismus mit seinen Krisen, mit Arbeitslosigkeit und Massenelend liquidiert.

Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträg­lich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.4

Das ist die geschichtliche Tendenz der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise.

1J. W. Stalin, „Politischer Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees an den XVI. Parteitag der KPdSU(B)“; siehe J. W. Stalin, Werke, Bd. 12, S. 214.
2Karl Marx, „Das Kapital“, Dritter Band, S. 277.
3W. I. Lenin, „Die Lehren der Krise“; siehe W. I. Lenin, Werke, 4. Ausgabe, Bd. 5, S. 76, russ.
4Karl Marx, „Das Kapital“, Erster Band, S. 803.

Quelle: Lehrbuch der Politischen Ökonomie, Dietz Verlag, berlin, 1955

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