Erinnern um zu vergessen: Der 9. November im deutschen Geschichtsbild

Der 9. November stellt die herrschende Klasse in Deutschland und ihre Presse-Lakaien alljährlich vor eine große Herausforderung. Mystisch wird der Tag zum „Schicksalstag der Deutschen“ verklärt, als „Tag des unbeschreiblichen Glücks (Bundeskanzlerin Merkel), aber auch als „Tag der Schande“ (die selbe Bundeskanzlerin in der selben Rede). Der Bundespräsident entschied sich gestern für folgende Variante: “Es ist heute gewiss ein Tag der Erinnerung und des Gedenkens. Viel, viel mehr aber ist dieser Tag ein Mut machender Tag, ein Tag der Zuversicht und der Hoffnung“…

Anlass für diese ans Schizophrene grenzende Handhabung eines Datums im Geschichtskalender ist die Erinnerung an das Novemberpogrom im Nazi-Deutschland von 1938, das mehrere Tage anhielt und in der Nacht vom 9. auf den 10. November seinen Höhepunkt erreichte. Im gesamten Reich wurden, angeführt von SS- und SA-Horden, unter dem Beifall großer Teile der deutschen Bevölkerung, jüdische Geschäfte zerstört und geplündert, jüdische Menschen aus ihren Häusern und Wohnungen verschleppt, geschlagen, gedemütigt und getötet, ihres Eigentums beraubt und ihre Synagogen geschändet und in Brand gesetzt. Die ganze Welt war entsetzt vor dem Rückfall eines Landes, das sich selbst gern als das „Land der Dichter und Denker“ bezeichnet, das Achtung und Respekt für große Leistungen auf den Gebieten der Kunst, Kultur, Wissenschaft und Technik genoss, in die Barbarei des Mittelalters mit seinen unmenschlichen Judenverfolgungen und Pogromen. Das Wort von der „Reichskristallnacht“, das der Berliner „Volksmund“ verharmlosend für die ungeheuren Verbrechen der Nazi-Pogrom-Helden erfand, steht noch heute in der ganzen Welt als Synonym für die entfesselte Brutalität der deutschen Mehrheitsbevölkerung gegen ihre jüdischen Mitbürger. Das Pogrom steht als Auftakt für die Vorbereitung und Entfesselung des 2. Weltkrieges am 1. September 1939 und der damit verbundenen Ausweitung der Verfolgung von Juden in ganz Europa und schließlich ihrer systematischen Vernichtung im Gas von Auschwitz und anderen Todeslagern, dem Holocaust.

All diese Grausamkeiten bieten Stoff genug, für Gedenkreden von Bundespräsidenten und Kanzler/innen, in denen beispielswiese solchen Fragen nachgegangen würde, wie so etwas im Europa des 20. Jahrhunderts geschehen konnte, wer die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft, Armeeführung, Polizeibehörden, usw. waren, wie sie davon profitieren konnten, welchen Strafen sie nach 1945 zugeführt wurden, warum die Mehrheitsbevölkerung, wenn nicht mitgemacht, dann still gehalten hat – oder wie die „Wiedergutmachung“ (sofern es denn überhaupt eine gibt) an den Opfern der deutschen Bestialität nach 1945 ausgesehen hat. Ganz zu schweigen von der einfachen Fragestellung, wie sicher gestellt werden kann, dass sich so etwas in der Zukunft niemals wiederholt. Ein klares: NEVER AGAIN!

Nichts von all dem in den salbungsvollen Reden, der staatlichen Gedenkredner, die sich heute etwas auf die „deutsche Gedenkkultur“ einbilden, in der sie es, mit der Aneinanderreihung von nichtssagenden Plattitüden und zur Schau Stellung innerer Zerrissenheit mit professioneller Betroffenheitsmine, mittlerweile zu einer gewissen Meisterschaft gebracht haben. Internationale Beobachter sprechen inzwischen, ob dieser Routine, von den Deutschen als „Erinnerungsweltmeister„.

Die Schwierigkeit mit der die Herrschenden in Deutschland an diesem Tag zu tun haben, besteht in dem Umstand, dass ihre Angehörigen, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, weitgehend straffrei ausgegangen sind und es längst schon wieder zu etwas gebracht haben, von dem sie am 9. Mai 1945 nicht zu träumen gewagt hätten und was sie tatsächlich nur als „unbeschreibliches Glück“ begreifen können. Das „wiedervereinigte“ Deutschland beherrscht bereits wieder Europa (vor allem mit seiner Wirtschaftskraft) und ist dabei, sich durch weltweite Kriegseinsätze, auch als militärische Macht zu etablieren. Der Zufall will es, dass einer der Wendepunkte in der deutschen Geschichte, der den Wiederaufstieg der Deutschen zu einer Großmacht ermöglichte, ebenfalls mit dem Datum des 9. November verbunden ist: Die widerrechtliche Öffnung der Staatsgrenze der DDR in Berlin durch die, sich im freien Fall befindende, letzte SED-Führung – oder wie es im heutigen Sprachgebrauch gemeinhin heißt, „den Fall des ‚Eisernen Vorhangs'“, am 9. November 1989.

So wurden dann auch in den Hauptnachrichtensendungen der großen deutschen Fernsehanstalten, wie in der Presse, die beiden Ereignisse zusammengefasst, wobei mit dem „großen Glück“ und „freudigen Ereignis“ natürlich das Letztere gemeint ist, während die „Scham“ das Erstere betrifft, aber dafür um so schamloser ausfällt.

Mit geschichtlichem Denken, das ein Datum in seinem historischen Kontext kritisch reflektiert und so zu begreifen versucht, hat das alles nichts zu tun. Statt dessen wird Geschichtsbewusstsein durch Schaffung von Mythen und Gefühligkeit ersetzt. Geschichte wird erzählt, als Aneinanderreihung von Anekdoten und Anekdötchen einzelner handelnder Personen, vom persönlich Erlittenen durch die SS-Schergen, bis zum Zettelchen des Günter Schabowski, mit dem die Mauer fiel. Der Ort des Erinnerns wird so zum Ort des Verdrängens und des Vergessens, weil er weder eine Vorgeschichte kennt, noch die gesellschaftlichen Voraussetzungen untersucht und benennt, die zum Ereignis geführt haben.

Wie Geschichte als Auftrag zum Handeln erzählt werden kann, lehrte uns einst die großartige polnisch-jüdische Kommunistin Rosa Luxemburg. Am 14. Dezember 1918 veröffentlichte die ROTE FAHNE das von ihr verfasste Programm des SPARTAKUS-Bundes: „Was will der Spartakusbund?

Im I. Abschnitt beschäftigt sie sich mit einem anderen 9. November, dem 9. November 1918, der in den gestrigen Gedenk-Andachten der BRD-Eliten keinerlei Erwähnung fand, weil er an eine der schwärzesten Stunden des deutschen Imperialismus erinnert, in der er faktisch am Boden lag. Nachdem die deutschen Imperialisten vier Jahre zuvor mit großer Begeisterung in den Weltkrieg eingetreten waren, um sich „einen Platz an der Sonne“ zu erobern, baten sie jetzt um einen „Waffenstillstand“, um zu retten, was noch zu retten war, während revolutionäre Arbeiter- und Soldatenräte im ganzen Land die Macht übernahmen. In dieser Situation beschrieb Rosa Luxemburg treffender, als sonst kaum jemand den Zusammenhang zwischen kapitalistischer Ausbeutung und imperialistischem Krieg, dem Reichtum und Überfluss der Einen, denen die Not und das Elend der Anderen gegenüber steht – aber auch die Bestialität und Entmenschlichung, die so ein System hervorbringt, das die Menschen millionenfach dem Moloch Profit opfert, bis zum „Staatsbankrott“, ein Wort das heute in aller Munde ist und dem drohenden „Untergang in der Barbarei“, sollte es nicht gelingen, der kapitalistischen Ausbeutung und Lohnsklaverei ein Ende zu setzen. Die Wahrheit in diesen Worten finden in den nachfolgenden Erignissen ihre entsetzliche Bestätigung und haben auch in der Gegenwart, nach fast hundert Jahren, nicht an Bedeutung verloren.

Es folgt der I. Abschnitt aus dem Programm des Spartakusbundes:

Was will der Spartakusbund?

Am 9. November haben Arbeiter und Soldaten das alte Regime in Deutschland zertrümmert. Auf den Schlachtfeldern Frankreichs war der blutige Wahn von der Weltherrschaft des preußischen Säbels zerronnen. Die Verbrecherbande, die den Weltbrand entzündet und Deutschland in das Blutmeer hineingetrieben hat, war am Ende ihres Lateins angelangt. Das vier Jahre lang betrogene Volk, das im Dienste des Molochs Kulturpflicht, Ehrgefühl und Menschlichkeit vergessen hatte, das sich zu jeder Schandtat mißbrauchen ließ, erwachte aus der vierjährigen Erstarrung – vor dem Abgrund.

Am 9. November erhob sich das deutsche Proletariat, um das schmachvolle Joch abzuwerfen. Die Hohenzollern wurden verjagt, Arbeiter- und Soldatenräte gewählt.

Aber die Hohenzollern waren nie mehr als Geschäftsträger der imperialistischen Bourgeoisie und des Junkertums. Die bürgerliche Klassenherrschaft: das ist der wahre Schuldige des Weltkriegs in Deutschland wie in Frankreich, in Rußland wie in England, in Europa wie in Amerika. Die Kapitalisten aller Länder: das sind die wahren Anstifter zum Völkermord. Das internationale Kapital: das ist der unersättliche Baal, dem Millionen auf Millionen dampfender Menschenopfer in den blutigen Rachen geworfen werden.

Der Weltkrieg hat die Gesellschaft vor die Alternative gestellt; entweder Fortdauer des Kapitalismus, neue Kriege und baldigster Untergang im Chaos und in der Anarchie oder Abschaffung der kapitalistischen Ausbeutung.

Mit dem Ausgang des Weltkrieges hat die bürgerliche Klassenherrschaft ihr Daseinsrecht verwirkt. Sie ist nicht mehr imstande, die Gesellschaft aus dem furchtbaren wirtschaftlichen Zusammenbruch herauszuführen, den die imperialistische Orgie hinterlassen hat.

Produktionsmittel sind in ungeheurem Maßstab vernichtet, Millionen Arbeitskräfte, der beste und tüchtigste Stamm der Arbeiterklasse hingeschlachtet. Der am Leben Gebliebenen harrt bei der Heimkehr das grinsende Elend der Arbeitslosigkeit. Hungersnot und Krankheiten drohen die Volkskraft an der Wurzel zu vernichten. Der finanzielle Staatsbankrott infolge der ungeheuren Lasten der Kriegsschulden ist unabwendbar.

Aus all dieser blutigen Wirrsal und diesem gähnenden Abgrund gibt es keine Hilfe, keinen Ausweg, keine Rettung als im Sozialismus. Nur die Weltrevolution des Proletariats kann in dieses Chaos Ordnung bringen, kann allen Arbeit und Brot verschaffen, kann der gegenseitigen Zerfleischung der Völker ein Ende machen, kann der geschundenen Menschheit Frieden, Freiheit, wahre Kultur bringen. Nieder mit dem Lohnsystem! Das ist die Losung der Stunde. An Stelle der Lohnarbeit und der Klassenherrschaft soll die genossenschaftliche Arbeit treten. Die Arbeitsmittel müssen aufhören, das Monopol einer Klasse zu sein, sie müssen Gemeingut aller werden. Keine Ausbeuter und Ausgebeutete mehr! Regelung der Produktion und Verteilung der Produkte im Interesse der Allgemeinheit. Abschaffung wie der heutigen Produktionsweise, die Ausbeutung und Raub, so des heutigen Handels, der nur Betrug ist.

An Stelle der Arbeitgeber und ihrer Lohnsklaven freie Arbeitsgenossen! Die Arbeit niemandes Qual, weil jedermanns Pflicht! Ein menschenwürdiges Dasein jedem, der seine Pflicht gegen die Gesellschaft erfüllt. Der Hunger hinfür nicht mehr der Arbeit Fluch, sondern des Müßiggängers Strafe!

Erst in einer solchen Gesellschaft sind Völkerhaß, Knechtschaft entwurzelt. Erst wenn eine solche Gesellschaft verwirklicht ist, wird die Erde nicht mehr durch Menschenmord geschändet. Erst dann wird es heißen; Dieser Krieg ist der letzte gewesen.

Sozialismus ist in dieser Stunde der einzige Rettungsanker der Menschheit. Über den zusammensinkenden Mauern der kapitalistischen Gesellschaft lodern wie ein feuriges Menetekel die Worte des „Kommunistischen Manifests“:

Sozialismus oder Untergang in der Barbarei!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Erinnern um zu vergessen: Der 9. November im deutschen Geschichtsbild

  1. Gero schreibt:

    Ich bin eben durch Zufall auf den Blog gekommen. Gefaellt mir bis jetzt gut.

  2. Jan schreibt:

    Interessanter Beitrag. Sicher kein Fehler, sich mit dem Thema genauer zu beschaeftigen. Werde sicher auch weitere Beitraege im Auge behalten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s