Der deutsche Faschismus

von Martin Andersen Nexö

Martin Andersen Nexö mit Bertolt Brecht 1939 in Stockholm.

Wer überzeugt ist, dass die Zukunft Westeuropas in Deutschland entschieden wird, muss die heutige deutsche Entwicklung schmerzlich empfinden. Aber ganz überraschend kann sie ihm nicht sein. War doch vor dem Kriege (gemeint ist der 1. Weltkrieg, Red.) schon alles latent vorhanden, was sich heute im vollen Tageslicht breit macht. Die Verfolgung der Juden, der verbitterte Hass der Behörden gegen die breiten Volksschichten und ihre Ansprüche auf ein menschliches Dasein, die Grausamkeiten in den Methoden, diese menschlichen Ansprüche zu verfolgen und niederzukämpfen – es war alles schon da! Reaktion gab es auch anderswo, zur Genüge. Das preussische Junkerland war aber direkt ein Schutzgebiet der Weltreaktion; hier auf dem Boden von 350 000 vom Reiche vernichteten Freibauernhöfen sassen die Junker … – das Mark des wilhelminischen Reiches. Von hier flog sie aus, die Brut. Schon verhärtet in der Kindheit durch den täglichen Anblick der unmenschlich behandelten Landarbeiter daheim, noch mehr verroht durch die Studentenzeit, den Korpsgeist, die Trinkgelage und die Verachtung für die zivile Bevölkerung, „ertüchtigten“ sie sich durch Mensuren und stellten der Regierung des großen , fleißigen, treuherzigen Volkes das Kontigent der Offiziere, Landräte und der höheren Beamten, nicht zuletzt auch die hohen Funktionäre der Polizei, welche aus den qualifiziertesten Landarbeitersöhnen von daheim den mit Recht berüchtigten „Schutzmann“ machten.

Das deutsche Volk muss man – wie jedes Volk, wenn man genügende Zeit mit ihm zusammen lebt – lieb gewinnen: wegen seiner Arbeitsamkeit, seiner Hilfsbereitschaft und seines Gemütes; ganz wohl fühlte man sich aber im wilhelminischen Deutschland nie. Immer begleitete einen das vage Gefühl von unsichtbaren, unheimlichen Kräften, die es auf einen abgesehen hatten und an deren Brutalität alles Geistige und Menschliche abprallte. Deutschland wirkte wie ein scheinbar sorgfältig kultivierter Boden, wo aber die Wildnis jederzeit wieder einbrechen konnte, alles überwuchernd, alles vernichtend.

Manchmal zeigte sich diese Gefahr brutal und übersteigert… – manchmal drastisch und stumpfsinnig…

Die breiten Schichten besaßen im großen und ganzen nicht die Fähigkeit, sich von dem Herrengeist und dem daraus entspringenden Sklavengeist zu befreien. Selbst in der deutschen Arbeiterbewegung – der „größten auf der Welt“ und lange Zeit der maßgebenden – war mehr Korpsgeist als menschliche Selbstbehauptung. Es war der Sozialdemokratie nicht gelungen, den Proletarier zum Selbstbewusstsein zu wecken; in den gewerkschaftlichen und parteilichen Kadern mit ihren zivilen Unteroffizieren und Feldwebeln, mit ihren imperialistisch eingestellten Anführern kehrte die Struktur des Wilhelminischen Regimes unverkennbar wieder. Die deutsche Sozialdemokratie war voll kapitalistischen Unkrauts: Imperialismus, Antisemitismus, Individualismus und Bürokratismus; in der Masse wirkte es sich aus als viel Dressur und wenig selbständige Denkfähigkeit, als Schlaffheit, zum Teil Feigheit, auf alle Fälle Mangel an Elan.

Viel Unkraut hat das Weltproletariat – mit Deutschland als Vorbild – als proletarische Kulturpflanzen gutheißen müssen!

Jeder Kulturkampf bedeutet menschliche Befreiung auf irgend einem Gebiet; es gibt heute nur einen Kulturkampf: die Befreiung des Proletariats aus der wirtschaftlichen, nationalen, kolonialen, rassenmäßigen Tyrannei. Jede Unterdrückung hat zur Voraussetzung die Verachtung der Seele, der Kultur, der Menschlichkeit; unter jeder Verkleidung des Unterdrückers steckt  d i e B e s t i e !

Der Faschismus ist der Kapitalismus, im Moment, da er sich als Bestie enthüllt. Unser heutiger Kampf ist wie jeder Kulturkampf der Kampf  f ü r  den Menschen  g e g e n  die Bestie. Wer noch darüber im Zweifel ist, schaue sich das heutige Deutschland an.

Zu diesem Kampf taugt keine Arbeiterbewegung, die mit Pazifismus und Humanismus spielt und bürgerliche Tugenden und Untugenden nachäfft. Wer Disteln roden will, muss fest zupacken und noch dazu harte Haut in den Händen haben.

Wir haben nicht tief genug gepflügt. Unter der bebauten Schicht saßen noch alle Wurzeln des Alten. Am meisten gilt dies wohl für Deutschland. Wir müssen von vorn anfangen und den Boden neu aufwerfen. Machen wir es wie in Sowjetrussland, fangen wir neu an mit Bataillonen von Traktoren.

Der obenstehende Text wurde im August 1933 – also fünf Monate nach der Übertragung der politischen Macht in Deutschland an die Nazipartei – im „Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror“ veröffentlicht. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte bereits ein massiver Terror des NS-Regimes gegen seine Gegner, vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter eingesetzt, deren Parteien zerschlagen und ihre Mitglieder zu Tausenden in Zuchthäuser und Konzentrationslager gesperrt wurden, wenn sie nicht zuvor schon totgeprügelt oder erschossen wurden. Zugleich setzte auch eine zügellose antijüdische Mordhetze ein, die mit dem reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte und Sondergesetzen ihren ersten Höhepunkt nahm und zu zahllosen gewaltsamen Übergriffen führte. In dem „Braunbuch“ wird die Zahl der bis zu seinem Erscheinen ermordeten Juden mit 43 beziffert. Dazu heißt es:“Die von uns überprüfte Liste der von der SA erschossenen oder totgeprügelten Juden weist bisher 43 Namen auf. Es handelt sich bei diesen 43 Erschlagenen um solche Fälle, die in erster Reihe als Juden, nicht aber als ‚Marxisten‘ ermordet worden sind. Diese 43 authentischen, im einzelnen genau überprüften Fälle stellen einen Ausschnitt dar, einen  B r u c h t e i l  der wirklichen Zahl, die sich zweifellos vervielfachen wird, wenn mit der Dauer der Zeit eine noch genauere Übersicht über die tatsächlichen Ereignisse in Hitlerdeutschland möglich sein wird. Diese 43 ermordeten Juden sind ausgewählt aus hunderten von Namen. Alle Fälle, die bisher noch nicht zweifelsfrei aufgeklärt werden konnten, sind hierbei noch nicht berücksichtigt worden.“ – Die Dimension des vom Naziregime entfesselten Terrors, der sich insbesondere mit dem Beginn des Krieges und dem Überfall auf die Sowjetunion ins Maßlose steigerte, bis hin zum Versuch der systematischen Ausrottung ganzer Völker und der fabrikmäßig betriebenen Vernichtung der europäischen Juden, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar. Da mögen 43 Ermordete angesichts der Millionen Toten, die den Naziverbrechern schließlich noch zum Opfer fallen sollten, für Manchen kaum ins Gewicht fallen. Doch sie zeigten schon deutlich die Richtung an, in die sich dieses Regime entwickeln sollte – und schließlich ist jedes einzelne Opfer, das auf das Konto der Faschisten geht, ob damals oder heute, ein Opfer zu viel!

Ob die Phantasie von Martin Andersen Nexö zu dem Zeitpunkt, als er die Zeilen verfasste ausreichte, um sich die ganze Dimension des Terrors der in den kommenden zwölf Jahren von Deutschland ausgehend über Europa und die Welt kommen sollte, vorstellen zu können, wage ich zu bezweifeln. Ich bin überzeugt, der Text wäre in mancher Hinsicht anders ausgefallen. Dennoch halte ich ihn als eine Momentaufnahme, die versucht, den Ursachen für die verheerende Niederlage, die die Arbeiterbewegung in Deutschland und damit auch die internationale proletarische Bewegung, die stark auf die deutsche orientiert war, 1933 erlitten hat, auf den Grund zu gehen, für ausgesprochen anregend und lesenswert. Einige der aufgeworfenen Fragen sind mittlerweile durch die Geschichte eindeutig beantwortet. So spielt das ostelbische Junkertum heute keine Rolle mehr. Der Vormarsch der ROTEN ARMEE bis zur Elbe und die anschließenden politischen und ökonomischen Umwälzungen in diesem Gebiet haben ihre tiefen Spuren bis in die Gegenwart gezogen. Andere Dinge, die sich eher im politisch-psychologischen Bereich abspielen, wirken in ihren Traditionen noch bis heute nach, wie die unselige Herren- und Sklavenmentalität, die damit verbundene Feigheit und Denkfaulheit, so wie schließlich dieses „vage Gefühl von unsichtbaren, unheimlichen Kräften, die es auf einen abgesehen“ hätten „und an deren Brutalität alles Geistige und Menschliche abprallt“, das einen befällt, sofern man es mit den Ureinwohnern dieses Landes zu tun hat – immer die Gefahr kalkulierend, sie könnten jederzeit in unberechenbares bestialisches Handeln aus barbarischer Vorzeit zurückfallen.

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