18 Januar 1943: „Tag des Durchbruchs der Leningrader Blockade“

Der 18 Januar 1943 ist in die Geschichte als der Tag des Durchbruchs der Leningrader Blockade eingegangen. Damals konnten die Sowjettruppen einen dünnen Streifen zurückgewinnen, um minimale Verbindung mit dem „Festland“ zu gewährleisten. Doch bis zur endgültigen Auflösung der Blockade blieb noch mehr als ein Jahr.

Von Anastasia Perschkina

Erste Versuche, die Blockade von Leningrad zu durchbrechen, gab es fast gleich nach deren Entstehung. Die Stadt wurde bereits Ende August 1941 von dem Rest des Landes abgeschnitten: Damals wurde der Straßenverkehr mit der Stadt ausgesetzt. Allerdings wird offiziell der 8. September – der Tag des ersten Bombardements – als Anfang der Blockade angesehen. Bis zum Winter war die Stadt in Gefangenschaft – die Evakuierung der Einwohner und vor allem Kinder auf dem Ladogasee erwiesen sich als unmöglich: Die Deutschen bombardierten ununterbrochen den See.

Die Straße des Lebens (der Weg über dem eingefrorenen See) wurde erst im November 1941 eröffnet. Darauf transportierte man in die Stadt trotz regulären Beschusses Essen und aus der Stadt – Menschen. Für die Leningrader war die Evakuierung mit einer schrecklichen Wahl verbunden: Entweder Risiko gehen und – vielleicht – überleben, oder in der Stadt bleiben und jeden Tag Angehörige sterben sehen. Manche kamen ums Leben, ohne die Straße des Lebens gar erreicht zu haben. Wladimir Kljutscharew, der 1942 als elfjähriger Junge die belagerte Stadt verließ, erinnert sich:

„Am Finljandski-Bahn hof gab es einen Zug, der zum Ladogasee fuhr. Im Zug bekamen wir alle unsere Ration: Je eine halbe Brühwurst und ein Häuflein heiße Nudeln – ich weiß noch, wie sie dampften. Außerdem bekamen wir drei fast ganze zwei Brote. Der Zug fuhr los, und viele starben schon im Waggon. Sie warfen sich sofort übers Essen her und mussten dann Schreckliches überleben: Man hatte Durchfall, Brechreiz, man wurde ohnmächtig und viele starben an der Stelle. Als wir dann im Dorf Borissowa Griwa ausstiegen, sahen wir große Menschenmengen sitzen, alles um sie herum vereist und überall Eislachen. Laster, die uns auf dem Ladogasee fahren mussten, waren nicht in Sicht – davon gab es einfach nicht genug. Ich ging umher und sah unterm Eis in einer Pfütze oder in einer Trichter – ich weiß nicht, was es war – eine erfrorene Frau mit Säugling im Arm liegen.“

Im Winter 1943 bekam man eine Hoffnung. In der Stadt sprach sich herum, dass Leonid Goworow, der neue Befehlshaber der Leningrader Front eine kühne Durchbruchsopera tion vorbereitete. Die K ä mpfe um die Stadt fingen am 12. Januar an. Nach sechs Tagen konnten die sowjetischen Truppen Schlüsselburg zurückgewinnen. In der Stadt erfuhren nicht alle und nicht sofort über diesen kleinen aber schicksalhaften Sieg, erzählte Wsewolod Petrow-Maslakow. Zu Beginn der Leningrader Blockade war er zwölf Jahre alt und fast die ganze Zeit verbrachte er ganz allein. Sein Vater wurde schon am Anfang des Krieges einberufen, seine Mutter arbeitete in einem Frontspital. Am Tag des Blockade-Durchbruchs ging er sie suchen.

„Es war so ein Augenblick: Bomben fallen mit lautem Krach, Schüsse hallen und keiner da, den man fragen kann, was passiert. Ich komme raus , kein Mensch zu sehen . Und da ist plötzlich R ö te . Da hatte ich natürlich eine Kinderphantasie, dass die Deutschen in die Stadt einbrechen, und meine Mama ist da. Ich weine, weil ich daran denken muss, dass sie sie töten werden. Es kracht, aber es gibt keine Einschläge. Ich ging auf den Sagorodny Prospekt und dann einfach weiter – den Weg wüsste ich jetzt nicht mehr. Da sehe ich plötzlich Bewegung, irgendwelche Autos, Menschen in Uniform. Ich komme in den Hof hinein, und da liegen viele Menschen herum. Da standen ein Paar Sanit ä tswagen frisch von der Front . Um den Wagen waren Sanitäter, jemand trugen sie sofort ins Spital hinein, manchen untersuchten sie auf der Stelle, es gab auch Tote. Da lief meine Mutter aus dem Spital heraus, total abgemagert, mit eingefallenen Augen. Sie steckte mir ein Gläschen mit Essen zu, stand da so vor mir, ohne etwas zu sagen, nur: „Geh, geh doch, die Unsrigen haben die Blockade durchbrochen!“ Mehr sagte sie nichts und ging sofort zurück, abgekitzelt wie sie war. Und ich habe sie bis Ende Sommer nicht mehr gesehen.“

Das Land am südlichen Ladoga-Ufer, das im Laufe der Durchbruchsopera tion zurückgewonnen wurde, nutzte die sowjetische Führung zu Hundert Prozent aus. Dort wurden in kürzester Frist mehrere Straßen verlegt, auf denen Laster mit Lebens- und Arzneimitteln fuhren. Am 7. Februar kam in der Stadt der erste Zug an.

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