Zum 80. Jahrestag der Übergabe der Staatsmacht an die Nazi-Partei – Verantwortliche und „Weiße Flecken“ in der Geschichtsschreibung

Nicht alle Deutschen begrüßten begeistert den neuen Reichskanzler Hitler. Protestdemonstration in Berlin gegen die Machtübertragung an die Nazis: "Berlin bleibt rot!".

Nicht alle Deutschen begrüßten begeistert den neuen Reichskanzler Hitler.
Protestdemonstration in Berlin gegen die Machtübertragung an die Nazis am Abend des 30. Januar 1933: „Berlin bleibt rot!“

Auszüge aus einer geheimen Privatkorrespondenz des Reichsverbandes der deutschen Industrie, die unter der Bezeichnung „Deutsche Führerbriefe“ im Herbst des Jahres 1932 verbreitet wurde:

„Das Problem der Konsolidierung des bürgerlichen Regimes im Nachkriegsdeutschland ist allgemein durch die Tatsache bestimmt, dass das führende, nämlich über die Wirtschaft verfügende Bürgertum zu schmal geworden ist, um seine Herrschaft allein zu tragen. Es bedarf für diese Herrschaft, falls es sich nicht der höchst gefährlichen Waffe der rein militärischen Gewaltausübung anvertrauen will, der Bindung von Schichten an sich, die sozial nicht zu ihm gehören, die ihm aber den unentbehrlichen Dienst leisten, seine Herrschaft im Volk zu verankern und dadurch deren eigentlicher oder letzter Träger zu sein. Dieser letzte oder „Grenzträger“ der bürgerlichen Herrschaft war in der ersten Periode der Nachkriegskonsolidierung die Sozialdemokratie…

Die Sozialdemokratie brachte zu dieser Aufgabe eine Eigenschaft mit, die dem Nationalsozialismus fehlt, wenigstens bisher noch fehlt… Vermöge ihres sozialen Charakters als originäre Arbeiterpartei brachte die Sozialdemokratie in das System der damaligen Konsolidierung über ihre rein politische Stoßkraft hinaus das viel wertvollere und dauerhaftere Gut der organisierten Arbeiterschaft ein und verkettete diese unter Paralysierung ihrer revolutionären Energien fest mit dem bürgerlichen Staat…

In der ersten Rekonsolidierungsära des bürgerlichen Nachkriegsregimes war die Spaltung der Arbeiterschaft fundiert durch die lohn- und sozialpolitischen Errungenschaften, in die die Sozialdemokratie den revolutionären Ansturm umgemünzt hatte. Diese nämlich funktionierten als eine Art Schleusenmechanismus, durch den der beschäftigte und fest organisierte Teil der Arbeiterschaft im Arbeitsmarktgefälle einen …. erheblichen Niveauvorteil gegenüber der arbeitslosen und fluktuierenden Masse der unteren Kategorie genoss und gegen die volle Auswirkung der Arbeitslosigkeit und der allgemeinen Krisenlage der Wirtschaft . . . relativ geschützt war. Die politische Grenze zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus verläuft fast genau auf der sozialen und wirtschaftlichen Linie dieses Schleusendammms…

Da zudem die sozialdemokratische Ummünzung der Revolution in Sozialpolitik zusammenfiel mit der Verlegung des Kampfes aus den Betrieben und von der Strasse in das Parlament, die Ministerien und die Kanzleien, d. h. mit der Verwandlung des Kampfes „von unten“ in die Sicherung „von oben“, waren fortan Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbürokratie, mithin aber auch der gesamte von ihnen geführte Teil der Arbeiterschaft mit Haut und Haaren an den bürgerlichen Staat und ihre Machtbeteiligung an ihn gekettet, und zwar solange, als erstens das Geringste von jenen Errungenschaften auf diesem Wege zu verteidigen übrigbleibt und als zweitens die Arbeiterschaft ihrer Führung folgt.

Vier Folgerungen aus dieser Analyse sind wichtig :

1. die Politik des „keinen Übels“ ist nicht eine Taktik, sie ist die politische Substanz der Sozialdemokratie;
2. die Bindung der Gewerkschaftsbürokratie an den staatlichen Weg „von oben“ ist zwingender als ihre Bindung an den Marxismus, also an die Sozialdemokratie und gilt gegenüber jedem bürgerlichen Staat. der sie einbeziehen will;
3. die Bindung der Gewerkschaftsbürokratie an die Sozialdemokratie steht und fällt politisch mit dem Parlamentarismus;
4. die Möglichkeit einer liberalen Sozialverfassung des Monopolkapitalismus ist bedingt durch das Vorhandensein eines automatischen Spaltungsmechanismus der Arbeiterschaft; ein bürgerliches Regime, dem an einer liberalen Sozialverfassung gelegen ist, muss nicht nur überhaupt parlamentarisch sein, es muss sich auf die Sozialdemokratie stützen und der Sozialdemokratie ausreichende Errungenschaften lassen; ein bürgerliches Regime, das diese Errungenschaften vernichtet, muss Sozialdemokratie und Parlamentarismus opfern, muss sich für die Sozialdemokratie einen Ersatz verschaffen und zu einer gebundenen Sozialverfassung übergehen.

Der Prozess dieses Überganges, in dem wir uns augenblicklich befinden, weil die Wirtschaftskrise jene Errungenschaften zwangsläufig zermalmt hat, durchläuft das akute Gefahrenstadium, dass mit dem Fortfall jener Errungenschaften auch der auf ihnen beruhende Spaltungsmechanismus der Arbeiterschaft zu wirken aufhört, mithin die Arbeiterschaft in der Richtung auf den Kommunismus ins Gleiten gerät und die bürgerliche Herrschaft sich der Grenze des Notstands einer Militärdiktatur nähert… Die Rettung aus diesem Abgrund ist nur möglich, wenn die Spaltung und Bindung der Arbeiterschaft, da jener Schleusenmechanismus in ausreichender Weise nicht wieder aufzurichten geht, auf andere und zwar direkte Weise gelingt. Hier liegen die positiven Moglichkeiten und Aufgaben des Nationalsozialismus…

Wenn es dem Nationalsozialismus gelänge, die Gewerkschaften in eine gebundene Sozialverfassung einzubringen, so wie die Sozialdemokratie sie früher in die liberale eingebracht hat, so würde der Nationalsozialismus damit zum Träger einer für die künftige bürgerliche Herrschaft unentbehrlichen Funktion und müsste in dem Sozial- und Staatssystem dieser Herrschaft notwendig seinen organisierten Platz finden. Die Gefahr einer staatskapitalistischen oder sogar sozialistischen Entwicklung, die oft gegen eine solche berufsständische Eingliederung der Gewerkschaften unter nationalsozialistischer Führung eingewandt wird, wird in Wahrheit gerade durch sie gebannt… Zwischen den beiden Möglichkeiten einer Rekonsolidierung der bürgerlichen Herrschaft und der kommunistischen Revolution gibt es keine dritte.“

Der Artikel mit dem Titel „Die soziale Rekonsolidierung des Kapitalismus“, erschien erstmals in: Deutsche Führerbriefe (Berlin) Jg. 1932, Nr. 72 und 73 (16. und 20. Sept 1932). Er wurde zusammen mit einem Kommentar nach 38 Jahren nachgedruckt in: Kursbuch 21 (Sept. 1970), S. 17 bis 35. Er enthüllt in schonungsloser Offenheit die Pläne führender Kreise des deutschen Industrie- und Bankkapitals zur Abservierung der Sozialdemokratie, als deren bisheriger sozialer Hauptstütze innerhalb der Arbeiterklasse und ihre Ersetzung durch den Nationalsozialismus. Er bildet einen Schlüssel zum Verständnis der politischen Lage in Deutschland zum Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Er repräsentiert die Rechnung der treibenden Kräfte der deutschen Wirtschaft, auf deren Grundlage schließlich am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten in die Reichsregierung kamen und Hitler zum Kanzler ernannt wurde.

Was heute einmal mehr in verklärender Weise bei feierlichem Gedenken mystifiziert wird, wurde damals von den Verantwortlichen auf den einfachen Nenner gebracht: Entweder „Rekonsolidierung der bürgerlichen Herrschaft“ oder „kommunistische Revolution“ – „eine dritte Möglichkeit gibt es nicht“ (heute heisst das „alternativlos“) – und da erschienen den Herrschaften aus Wirtschafts- und Finanzwelt die Verbrecherbanden aus SA und SS unter Führung des Putschisten Hitler gerade gut genug, um unter den revolutionären kommunistisch/sozialistischen Arbeitern mal gründlich, blutig aufzuräumen und so die bürgerliche Macht zu „konsolidieren“.

Die Basis war radikaler ANTIKOMMUNISMUS!

Der Schönheitsfleck, dass die Nazis neben einem radikalen Antimarxismus/Antikommunismus, der sie für Regierungsaufgaben geradezu qualifizierte, auch noch einem radikalen ANTISEMITISMUS frönten, schien den Herrschenden damals nicht so bedeutend zu sein, was ihnen noch heute schwer anhängt und zu schaffen macht. Damals lautete das Motto: „Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird!“ oder „Das schleift sich schon irgendwie ab!“ – nachdem die Nazis ihren Terror bald auch auf bürgerliche Kreise, die ihnen zunächst durchaus wohlgesonnen waren, auszudehnen begannen, wurde es manchen der Steigbügelhalter bereits ziemlich eng. – Als dann schließlich ganz Europa zu einem riesigen Schlachthaus wurde, mit riesigen Leichenbergen übersät; und bis dahin unvorstellbare Verbrechen ans Tageslicht kamen, wie der industriell organisierte Massenmord in gigantischen Tötungsanlagen wie Auschwitz oder Treblinka, da hatten die Herrschaften mal wieder von nichts was gewusst („Hätte man das denn ahnen können?!“) – Bar jeden individuellen Schuldeingeständnisses, aber voller Absichten, die alten Ziele mit neuen Methoden zu erreichen, gaben sie fortan den reuigen Sünder, in dessem Namen Schlimmes geschah („In deutschem Namen sind schlimme Verbrechen begangen worden!“ – Klassischer Standardsatz für andächtige Feierstunden). Da gibt es kein Subjekt (vielleicht den EINEN – aber sonst viel „Schicksal“, „Verstrickung“, „das Böse“, „schlimme Diktaturen“ oder, heute en vogue: die „Gewaltherrschaft“, weil der Begriff so schön nichtssagend ist und auf Alles und alle Epochen zutrifft).

Die Subjekte, die u.a. Denkschriften wie die obige verfassten, um den Nazis den Weg an die Macht zu ebnen, die Großindustriellen Friedrich FlickAlfried KruppFritz Thyssen, der Bankier und „Arisierer“ Hermann Josef Abs, „Hitlers mächtigster Bankier“ Hjalmar Schacht oder der Bankier Kurt Freiherr von Schröder, in dessen Villa und mit dessen Geld die Machtübertragung an die Nazis organisiert wurde, kamen in der Regel nach 1945 in der BRD weitgehend ungeschoren davon – einige erhielten kurze, symbolische Haftstrafen für ungeheuerliche Verbrechen, die sie kaum in der vollen Länge absitzen mussten. Teilweise konnten sie schon während ihrer Haftzeit damit beginnen, ihr Imperium neu zu organisieren um anschließend von den Alliierten als „minderbelastet“ eingestuft, unter deren Fittichen da weiterzumachen, wo sie vor ihrer Haft aufgehört hatten. Mit dem Beginn des „kalten Krieges“ wähnten sie sich ohnehin im Westen auf der sicheren Seite – hatten sie doch schon immer für die gleiche Sache, nur unter der falschen Fahne gekämpft. Jetzt gehörten sie wieder zur „Wertegemeinschaft“ und konnten ihre eigentlich guten Absichten bekunden – schließlich wollten sie doch auch nur die Welt vor dem Kommunismus retten!

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