Internationale Vietnam-Konferenz in West-Berlin am 17. und 18. Februar 1968

vkDie Internationale Vietnam-Konferenz in der „Frontstadt“ West-Berlin markierte den Beginn eines neuen Abschnitts in der Entwicklung der revolutionären Jugendbewegung in West-Berlin und der BRD. Mehr als 4500 Gäste aus West-Deutschland und anderen Ländern bekundeten ihre Solidarität mit dem kämpfen Vietnam und entwickelten neue Perspektiven des revolutionären Kampfes, die den Besonderheiten der Situation in den Metropolen, im Bezug zu den um ihre Befreiung kämpfenden Völkern der „3.Welt“ gerecht werden sollten. Den Abschluss der Konferenz bildete ein mächtiger Demonstrationszug von mehr als 15 000 Menschen, in dem hunderte von Plakaten mit den Bildern Lenins, Ho Chi-Minhs, Che Guevaras oder der Begründer der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD),  Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, getragen wurden. Die Roten Fahnen der Arbeiterbewegung, sowie die blau-roten Banner mit dem gelben Sowjetstern, die Fahne der Vietnamesischen Befreiungsbewegung FNL, bestimmten das Bild.

In einer Stadt, der, als „Zitadelle des Kalten Krieges“ oder wie es der Sozialdemokrat Kurt Schumacher einst formulierte, „Pfahl im Fleisch der DDR“, von den NATO-Strategen die Aufgabe zugewiesen war, den Kommunismus zurück zu drängen („Roll-Back-Strategie“), musste es von den Herrschenden als eine Provokation gesehen werden, wenn Tausende Jugendliche unter den Fahnen des „inneren und äußeren Hauptfeindes“ demonstrierten. Schließlich wurde doch, wie der Berliner SPD-Senat und die antikommunistische Hetzpresse aus dem Springer-Verlag nicht müde wurden, zu betonen, mit den Flächenbombardements gegen die vietnamesische Bevölkerung „die Freiheit West-Berlins verteidigt“, während in der BRD die Kommunistische Partei noch streng verboten war und ihre Anhänger verfolgt wurden.

Entsprechend fiel das Wutgeheul des West-Berliner Senats und der Springer-Presse dann auch aus, während jedoch ein sprunghaft anwachsender Teil der Bevölkerung in West-Berlin und der BRD sich auf die Seite der Revolutionäre schlug, eigene Aktionen, wie Streiks und Demonstrationen organisierte und Solidaritätskomitees gründete. Wie heute bekannt ist, drohten die westlichen Alliierten sogar dem Senat, über die Mauerstadt den Ausnahmezustand zu verhängen. Erst durch direkte Gespräche zwischen den Vertretern der Stadt und führenden Kadern des SDS, konnte das abgewendet werden. Statt dessen entschloss sich der Senat, im Bündnis mit dem DGB, den Arbeitgeberverbänden und allen im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien, eine Gegenkundgebung zu organisieren, in der die Berliner Bevölkerung den West-Alliierten ihren „Freiheitswillen“ bekunden sollte. Diese mündete dann, wie nicht anders zu erwarten war, in pogromähnliche Hetzjagden auf Jugendliche, die irgendwie, durch zu lange Haare oder randlose Brille, signalisierten, sie könnten mit den Revolutionären sympathisieren oder gar selbst Kommunisten sein.

Doch der Dammbruch, der durch die Vietnam-Konferenz eingeleitet wurde, war nicht mehr zu kitten. immer neue Organisationen bildeten sich, die die Losungen dieser Konferenz aufnahmen und versuchten, deren Beschlüsse umzusetzen. Schließlich ließ sich auch das KPD-Verbot nicht mehr aufrecht erhalten, so dass eine Vielzahl von kommunistischen Zirkeln, Parteien und Gruppen entstanden, die ihren Kampf am Befreiungskampf im „Trikont“ orientierten und sich um das sozialistische Lager gruppierten.

Die Abschlusserklärung der Konferenz stellte vor allem den Kampf gegen den US-Imperialismus und gegen die NATO, neben der praktischen Solidarität mit Vietnam, in den Mittelpunkt. Diese Kampagne wurde unter die Losung „Zerschlagt die NATO!“ gestellt. Heute, nach 45 Jahren, lässt sich konstatieren, dass das vietnamesische Volk die USA besiegen und seine Freiheit und Unabhängigkeit herstellen konnte, dass jedoch nach wie vor, die USA die größte und gefährlichste imperialistische Macht in der Welt darstellt und die NATO, nach der Auflösung des Warschauer Pakts unter der Führung der USA zum einzigen global operierendem Militärbündnis geworden ist, das in regelmäßigen Abständen Staaten auf der ganzen Welt mit grausamen Kriegen überzieht, wie 1999 Jugoslawien, 2011 Libyen oder seit nunmehr über zehn Jahren die Staaten in Zentralasien, wie Afghanistan oder Pakistan…

In diesem Sinne sind die Aufgaben, die sich der Vietnam-Kongress 1968 gestellt hat, bis heute unerfüllt. Die Dokumentation der Abschlusserklärung kann hilfreich sein, die damalige geschichtliche Situation zu reflektieren und unter Berücksichtigung der heute gegebenen Bedingungen, die notwendigen Schlussfolgerungen für die künftig zu führenden Kämpfe zu ziehen:

Die Schlußerklärung der Internationalen Vietnam-Konferenz
am 17./18. Februar 1968 in Westberlin

Während das vietnamesische Volk den Kampf für Unabhängigkeit und sozialistische Demokratie gegen den barbarischen US-Imperialismus führt, während in Westberlin der Senat als Komplice des US-Imperialismus versucht, jede Solidarisierung mit dem Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes als kriminell zu verfolgen und mit Polizeiterror zu zerschlagen, haben sich in Westberlin Vertreter der sozialistischen Jugend Westeuropas, Vertreter der amerikanischen Widerstandsbewegung und Vertreter der revolutionären Jugend der drei Kontinente versammelt, um ihre Solidarität mit dem Befreiungskampf, des vietnamesischen Volkes zu bekunden und um gemeinsame Maßnahmen für den Kampf gegen den US-Imperialismus zu beraten.

In einer groß angelegten Offensive hat die FNL Südvietnams den revolutionären Volkskrieg auf eine neue Stufe erhoben. Ihre militärischen Erfolge fußen auf dem intensivierten Kampf des gesamten vietnamesischen Volkes. Diese Erfolge beweisen die Fähigkeit revolutionärer Befreiungsbewegungen, die mit dem gigantischen Vernichtungsapparat einer industriellen Großmacht geführte konterrevolutionäre Aggression abzuweisen. Sie entlarven vor der Weltöffentlichkeit und vor der Bevölkerung der USA alle Erfolgsmeldungen und -prognosen der konterrevolutionären Führung als Lügen. Mit der erfolgreichen Offensive der revolutionären Befreiungskräfte wächst die Gefahr weiterer geographischer und militärischer Eskalation der amerikanischen Aggression. Es ist zu befürchten, daß der in die Defensive getriebene US-Imperialismus einen Ausweg im Einsatz von Atomwaffen sucht.

In dieser Situation muß die Oppositionsbewegung in den kapitalistischen Ländern ihren Kampf auf eine neue Stufe heben, ihre Aktionen ausweiten, verschärfen und konkretisieren. Die Oppositionsbewegung steht vor dem Übergang vom Protest zum politischen Widerstand.

Heute versucht der US-Imperialismus, über die NATO die westeuropäischen Metropolen in seine Politik der kolonialen Konterrevolution einzubauen. Aber der Befreiungskampf der Völker :in der Dritten Welt verschärft die Widersprüche zwischen und innerhalb der imperialistischen Metropolen. Es kommt darauf an, diese Widersprüche zu analysieren und auszunützen. Die militärische Zusammenarbeit zwischen dem Haupt der kolonialen Konterrevolution, den USA und den westeuropäischen Ländern muß zerbrochen, ihre Agentur, die NATO, muß zerschlagen werden. Der Kampf gegen die US-Aggression in Vietnam muß zugleich ein Kampf gegen die imperialistische Politik der kapitalistischen Länder Westeuropas sein. Eine zweite revolutionäre Front gegen den Imperialismus in dessen Metropolen kann nur dann aufgebaut werden, wenn die antiimperialistische Oppositionsbewegung lernt, die spätkapitalistischen Widersprüche politisch zu aktualisieren und den Kampf um revolutionäre Lösungen in Betrieben, Büros, Universitäten und Schulen aufzunehmen.

Die in Westberlin versammelten Vertreter der sozialistischen Jugend Westeuropas, der amerikanischen Widerstandsbewegung und der revolutionären Jugend der drei Kontinente sind sich darin einig, durch folgende Aktionen ihren gemeinsamen antiimperialistischen Kampf zu konkretisieren und zum aktiven Widerstand zu entfalten:

  1. In allen westeuropäischen Ländern wird die Kampagne zur materiellen Unterstützung des bewaffneten Befreiungskampfes der FNL Südvietnams auf breiter Basis fortgesetzt und verstärkt.
  2. In westeuropäischen Ländern mit amerikanischen Truppenstützpunkten werden so wie in den USA selbst Aufklärungsaktionen unter den GIs durchgeführt mit dem Ziel, die Wehrkraft der US-Armee zu zersetzen und die Soldaten von der Notwendigkeit des Widerstandes, der Sabotage und der Desertion zu überzeugen.
  3. Gegen NATO-Basen in westeuropäischen Ländern wird in Aktionen und Demonstrationen eine Kampagne „Zerschlagt die NATO“ geführt. In allen Ländern wird der Austritt aus der NATO zum Ablauf des NATO-Vertrages 1969 gefordert.
  4. In jenen westeuropäischen Ländern, aus deren Häfen Rüstungsgüter für die US-Aggression in Vietnam verschifft werden, wird auf Hafenarbeiterstreiks hingearbeitet.
  5. In Westberlin wird eine Dokumentationszentrale gegen den Mißbrauch der Wissenschaft zu Zwecken der imperialistischen Kriegsführung eingerichtet. Die antiimperialistische Widerstandsbewegung wird aufgefordert, diese Zentrale zu unterstützen und zu benutzen.
  6. In allen westeuropäisdien Ländern wird eine Kampagne zur Aufklärung der Bevölkerung über Konzerne, die als Produktionsstätten für Vernichtungswaffen am schmutzigen Krieg verdienen. Dieser Kampagne werden sich Demonstrationen und Blockaden anschließen (zum Beispiel gegen den Napalmproduzenten Dow Chemical).

Wir rufen die antiimperialistischen Widerstandsbewegungen auf, darüber hinaus immer wieder auf gemeinsame Massenmanifestationen gegen den US-Imperialismus und alle seine Handlanger. in Westeuropa hinzuarbeiten. Im Verlauf dieses gemeinsamen Kampfes muß die politische und organisatorische Zusammenarbeit zwischen den revolutionären Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und den Widerstandsbewegungen in den USA und in den westeuropäischen Ländern intensiviert und zu einer Einheitsfront ausgebaut werden.

Es siege die vietnamesische Revolution!

Es siege die sozialistische Weltrevolution!

Quelle: Der Kampf des vietnamesischen Volkes und die Globalstrategie des Imperialismus – Internationaler Vietnam-Kongreß-Westberlin, herausg. v. SDS Westberlin und Internationales Nachrichten- und Forschungs-Institut (INFI), Redaktion: Sybille Plogstedt, Westberlin 1968
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