W.I. Lenin: Die historischen Schicksale der Lehre von Karl Marx

Lenin_CL_ColourAus Anlass des 130. Todestages von Karl Marx dokumentieren wir hier den folgenden Text von W.I. Lenin über das historische Schicksal der Lehre von Karl Marx, von der Friedrich Engels einst sagte, sie würde „durch die Jahrhunderte fortleben“. – In welchem Maße diese Prognose von Engels eher untertrieben war, machen die folgenden Zeilen Lenins bereits deutlich, die heute vor genau 100 Jahren, also zum 30. Todestag von Karl Marx, in der „Prawda“ erschienen. Es war die Zeit, da die „friedliche“ Periode in Europa ihrem Ende entgegenging und die großen imperialistischen Mächte sich in einem gigantischen Rüstungswettlauf auf das große Völkerschlachten vorbereiteten, das rund eineinhalb Jahre später einsetzen sollte. – Der Ausgang des 1. Weltkrieges bestätigte aufs Neue, was Marx und Lenin richtig vorausgesehen haben. Er endete mit dem Untergang und Zerfall von vier europäischen Großmächten, dem russischen Zarismus, dem Osmanischen Reich, der Habsburger Dynastie und dem absolutistischen Wilhelminismus in Deutschland. Die gekrönten Häupter purzelten auf die Straße oder mussten die Flucht ergreifen „und niemand war da, der die Krone wieder von der Straße aufnehmen wollte“, wie es Friedrich Engels einst voraussagte. Arbeiter, Bauern und Soldaten griffen nach der Staatsmacht, wie in Petrograd/Russland 1917, wo die erste sozialistische Arbeiter- und Bauernmacht der Welt entstand. Im November 1918 war es dann auch in Deutschland, in Österreich, in Ungarn und anderen Ländern Europas soweit. Arbeiterregierungen wurden gebildet, die Räte-Republik wurde ausgerufen, der Feudaladel hatte ausgedient und die Bourgeoisien jener Länder verkrochen sich zunächst feige. Erst durch die Hilfe der verräterischen Pseudo-Sozialisten, die hier von Lenin treffend als Sozialchauvinisten, Sozialimperialisten und Opportunisten gebrandmarkt werden, konnte sich die Bourgeoisie noch einmal behaupten, um dann gemeinsam mit den Kräften der finstersten, konterrevolutionären Reaktion die Arbeiteraufstände in Blut zu ertränken (Noske-SPD: „Einer muss der Bluthund sein!“).

Damit war das Ende der II. Internationale besiegelt und die III., die Kommunistische Internationale, entstand. Um sicher zu stellen, dass sich solche Arbeiteraufstände nicht wiederholen könnten und die Bourgeoisie nicht noch einmal in so eine fast hoffnungslose Lage geraten würde, stützte sie sich jetzt voll auf  ihre sozialdemokratischen Helfer, die wiederum die Spaltung der Arbeiterklasse zu ihrem Herrschaftsprinzip machte. Gleichzeitig wurden in allen europäischen Ländern mit viel Geld und Trara faschistische Banden und Mordkommandos aufgebaut, die die Arbeiter in Schach halten sollten. Mit der Weltwirtschaftkrise am Ende der 20er Jahre begann wieder ein neuer Abschnitt, als die Bourgeoisie die Staatsmacht direkt an die faschistische Nazi-Partei und ihre Henker- und Mörderbanden aus SA, SS auslieferte. Hunderttausende klassenbewusste Arbeiter wurden in Zuchthäusern, Gefängnissen und KZ’s interniert, gefoltert, geschlagen und zu Tode gebracht. – Das Ende der Geschichte ist bekannt: Der erste Arbeiterstaat der Welt, die Sowjetunion und seine Arbeiter- und Bauernarmee, die stolze ROTE ARMEE besiegten die faschistischen Arbeitermörder, zerschlugen den Faschismus und halfen den Völkern Europas, sich zu befreien und demokratische und sozialistische Ordnung in ihren Ländern zu schaffen, die nur noch für den Frieden arbeiten sollten. – Erneut bewies sich hier die Lebenskraft der Ideen von Karl Marx, wie sie Lenin hier treffend skizziert.

Der Siegeszug, der jetzt in den ehemaligen europäischen Kolonien einsetzte, stellte den bisherigen „Sturm in Asien“, von dem Lenin hier schreibt, noch einmal in den Schatten. Jetzt waren drei Kontinente im antikolonialen und antiimperialistischen Kampf entflammt, der täglich das Gesicht der Erde veränderte und dem Proletariat immer wieder frische Kräfte zuführte. Das Resultat war die vollständige Entkolonialisierung und die Entstehung hunderter befreiter Staaten, die nach neuen Entwicklungswegen suchten. Heute stellt das Proletariat mit Abstand die größte Klasse im internationalen Maßstab dar. Noch ist es nicht gelungen, die Bourgeoisie, die von Krise zu Krise und von Krieg zu Krieg taumelt, zu besiegen – doch wir sehen, wie vor unseren Augen eine neue Welle des Klassenkampfs auf allen Ebenen entbrennt und das Proletariat keine andere Wahl hat, als erneut zum Sturm auf die Zitadellen des Kapitalismus anzusetzen, um existieren zu können. Treffender als durch die Wirklichkeit im sechsten Jahr der größten Weltwirtschaftskrise seit den 20er/30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, ihren Verwerfungen, der sprunghaft anschwellenden Massenarbeitslosigkeit, den Währungs- und Handelskriegen, den Staatsbankrotts, den politischen Krisen und Rohstoff-Kriegen, lässt sich die bis heute ungebrochene Bedeutung der Lehre von Karl Marx nicht beschreiben.

Lesen wir, was Lenin dazu vor hundert Jahren schrieb:

Das Wichtigste in der Marxschen Lehre ist die Klärung der weltgeschichtlichen Rolle des Proletariats als des Schöpfers der sozialistischen Gesellschaft. Hat nun der Verlauf der Ereignisse in der ganzen Welt diese Lehre, wie sie von Marx dargelegt wurde, bestätigt?

Zum erstenmal formulierte sie Marx im Jahre 1844. Das im Jahre 1848 erschienene „Kommunistische Manifest“ von Marx und Engels gibt bereits eine geschlossene, systematische, bis heute unübertroffene Darlegung dieser Lehre. Die Weltgeschichte lässt sich von dieser zeit an deutlich in drei Hauptperioden einteilen:

(1) von der Revolution von 1848 bis zur Pariser Kommune (1871),
(2) von der Pariser Kommune bis zur russische Revolution (1905),
(3) seit der russischen Revolution.

Werfen wir einen Blick auf das Schicksal der Marxschen Lehre in jeder dieser Perioden.

I

Zu Beginn der ersten Periode ist die Marxsche Lehre keineswegs dominant. Sie ist lediglich eine der äußerst zahlreichen Fraktionen oder Strömungen des Sozialismus. Vorherrschend sind Formen des Sozialismus, die im wesentlichen mit unserer Volkstümlerrichtung verwandt sind: man erkennt nicht die materialistische Grundlage der geschichtlichen Bewegung, man versteht nicht, die Rolle und Bedeutung jeder Klasse der kapitalistischen Gesellschaft zu umreißen, man bemäntelt das bürgerliche Wesen der demokratischen Umgestaltungen mit verschiedenen scheinsozialistischen Phrasen über „Volk“, „Gerechtigkeit“, „Recht“ und dgl.

Die Revolution von 1848 versetzt allen diesen lärmenden, buntscheckigen, marktschreierischen Formen des vormarxistischen Sozialismus den Todesstoß. Die Revolution zeigt in allen Ländern die verschiedenen Klassen der Gesellschaft in Aktion. Die Niedermetzelung der Arbeiter durch die republikanische Bourgeoisie in den Junitagen des Jahres 1848 in Paris zeigt endgültig, dass nur das Proletariat seiner Natur nach sozialistisch ist. Die liberale Bourgeoisie fürchtete die Selbständigkeit dieser Klasse hundertmal mehr, als jede beliebige Reaktion. Der feige Liberalismus kriecht vor dieser auf dem Bauch. Die Bauernschaft begnügt sich mit der Abschaffung der Überreste des Feudalismus und schlägt sich auf die Seite der Ordnung, schwankt nur hin und wieder zwischen Arbeiterdemokratie und bürgerlichem Liberalismus. Alle Lehren von einem nicht-klassenmäßigen Sozialismus und einer nicht-klassenmäßigen Politik erweisen sich als blanker Unsinn.

Die Pariser Kommune (1871) schließt diese Entwicklung der bürgerlichen Umgestaltungen ab; nur dem Heldenmut des Proletariats verdankt die Republik ihre Konsolidierung , d.h. jener Form der staatlichen Organisation, in welcher die Klassenverhältnisse in ihrer unverhülltesten Form hervortreten.

In allen anderen europäischen Ländern führt eine verworrene und weniger abgeschlossene Entwicklung ebenfalls zur ausgebildeten bürgerlichen Gesellschaft. Gegen Ende der ersten Periode (1848-1871), der Periode der Stürme und Revolutionen, stirbt der vormarxsche Sozialismus. Es entstehen selbständige proletarische Parteien: die Erste Internationale (1864-1872) und die deutsche Sozialdemokratie.

II

Die zweite Periode (1872-1904) unterscheidet sich von der ersten durch ihren „friedlichen“ Charakter, durch das Fehlen von Revolutionen. Der Westen hat die bürgerlichen Revolutionen abgeschlossen. Der Osten ist noch nicht reif für sie.

Der Westen tritt in die Phase der „friedlichen“ Vorbereitung für die Epoche künftiger Umgestaltungen. Überall entstehen sozialistische Parteien, proletarisch ihrer Grundlage nach, die es lernen, den bürgerlichen Parlamentarismus auszunutzen, eine eigene Tagespresse, eigene Bildungseinrichtungen, eigene Gewerkschaften, eigene Genossenschaften zu schaffen. Die Marxsche Lehre trägt den vollen Sieg davon und – wächst in die Breite. Langsam aber beharrlich geht der Prozess der Sammlung und Zusammenfassung der Kräfte des Proletariats vor sich, seiner Vorbereitung für die kommenden Schlachten.

Die Dialektik der Geschichte ist derart, dass der theoretische Sieg des Marxismus seine Feinde zwingt, sich als Marxisten zu verkleiden. Der innerlich verfaulte Liberalismus versucht, sich als sozialistischer Opportunismus neu zu beleben. Die Periode der Vorbereitung der Kräfte auf die großen Schlachten bedeutet – so meinen sie – den Verzicht auf diese Schlachten. Die Verbesserung der Lage der Sklaven für den Kampf gegen die Lohnsklaverei wird von ihnen so erklärt – als verkaufen die Sklaven ihre Rechte auf Freiheit für ein Butterbrot. Feige predigen sie den „sozialen Frieden“ (d.h. den Frieden mit den Sklavenhalterei), den Verzicht auf den Klassenkampf und ähnliches. Unter den sozialistischen Parlamentariern, verschiedenen Bürokraten der Arbeiterbewegung und unter der „sympathisierenden“ Intelligenz haben sie sehr viele Anhänger.

III

Die Opportunisten waren noch des Lobes voll darüber, dass unter der „Demokratie“ „sozialer Frieden“ herrsche und Stürme nicht notwendig seien, als in Asien ein neuer Herd der heftigsten Weltstürme entstand. Auf die russische Revolution folgten die türkische, die persische, die chinesische. Wir leben heute gerade in der Epoche dieser Stürme und ihrer „Rückwirkung“ auf Europa. Welches immer die Schicksale der großen chinesischen Republik sein mögen, gegen die jetzt die verschiedenen „zivilisierten“ Hyänen die Zähne fletschen, keine Kraft in der Welt wird die alte Fronherrschaft in Asien wieder herstellen, wird den heldenhaften demokratischen Geist der Volksmassen in den asiatischen und halbasiatischen Ländern vom Erdboden hinwegfegen.

Manche Leute, die kein Verständnis hatten für die Bedingungen der Vorbereitung und der Entwicklung des Massenkampfes, wurden durch den langen Aufschub des entscheidenden Kampfes gegen den Kapitalismus in Europa zur Verzweiflung und zum Anarchismus getrieben. Wir können heute sehen, wie kurzsichtig und kleinmütig diese anarchistische Verzweiflung ist.

Nicht Verzweiflung, sondern Zuversicht müssen wir aus der Tatsache schöpfen, dass Asien, mit einer Bevölkerung von 800 Millionen, in den Kampf für die gleichen Ideale einbezogen wurde, um die in Europa gekämpft wird.

Die asiatischen Revolutionen uns die gleiche Charakterlosigkeit und Niedertracht des Liberalismus gezeigt, die gleiche außerordentliche Bedeutung der Selbständigkeit der demokratischen Massen, die gleiche deutliche Abgrenzung des Proletariats von jeglicher Bourgeoisie. Wer nach den Erfahrungen sowohl Europas als auch Asiens, von einer nicht-klassenmäßigen Politik und einem nicht-klassenmäßigen Sozialismus spricht, der verdient, einfach in einen Käfig gesperrt und neben irgendeinem australischen Känguruh zur Schau gestellt zu werden.

Nach Asien begann sich auch Europa zu rühren – allerdings nicht auf asiatische Art. Die „friedliche“ Periode von 1872-1904 gehört unwiederbringlich der Vergangenheit an. Die hohen Kosten des Lebens und die Tyrannei der Trusts rufen eine nie dagewesene Verschärfung des ökonomischen Kampfes hervor, die sogar die durch den Liberalismus am stärksten demoralisierten englischen Arbeiter in Bewegung gebracht hat. Vor unseren Augen reift die politische Krise selbst in dem „hartgesottensten“ bürgerlich-junkerlichen Land, in Deutschland, heran. Die wahnsinnigen Rüstungen und die Politik des Imperialismus schaffen im heutigen Europa einen „sozialen Frieden“, der am ehesten einem Pulverfass gleicht. Und die Zersetzung aller bürgerlichen Parteien und die Reifung des Proletariats schreiten unaufhaltsam voran.

Jede der drei großen Epochen der Weltgeschichte nach dem Aufkommen des Marxismus, brachte ihm neue Bestätigungen und neue Triumphe. Einen noch größeren Triumph aber wird dem Marxismus, als der Lehre des Proletariats, die kommende historische Epoche bringen.

„Prawda“ Nr. 50 (254) vom 14. (1.) März 1913.
Gezeichnet: W.I.
Ausgew. Werke, Bd. 11, S. 50-53.

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2 Antworten zu W.I. Lenin: Die historischen Schicksale der Lehre von Karl Marx

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