Die Lage der ROTEN ARMEE im Herbst 1944: „Vor dem letzten Stoß“

Junge-Welt

 

 

 

26.08.2014 / Thema / Seite 10

Vor dem letzten Stoß

Herbst 1944: Rote Armee kämpfte an Front von Finnland bis zur Adria. Englands Premier Winston Churchill belastete Zusammenhalt der Alliierten

Von Dietrich Eichholtz*

Nur mit leichten Waffen ausgerüstet: Der von der polnischen Exilregierung in London initiierte Aufstand in Warschau im ­Spätsommer 1944 war ohne Absprache mit der Roten Armee zum Scheitern verurteilt (Barrikade in der Mazowiecka-Straße Foto: Jerzy Tomaszewski (1979) Epizody Powstania Warszawskiego, Warsaw: Krajowa Agencja Wydawnicza/ wikimedia.org/ public domain

Nur mit leichten Waffen ausgerüstet: Der von der polnischen Exilregierung in London initiierte Aufstand in Warschau im ­Spätsommer 1944 war ohne Absprache mit der Roten Armee zum Scheitern verurteilt (Barrikade in der Mazowiecka-Straße
Foto: Jerzy Tomaszewski (1979) Epizody Powstania Warszawskiego, Warsaw: Krajowa Agencja Wydawnicza/ wikimedia.org/ public domain

Nach der belorussischen Offensive und der Einnahme von Minsk stürmte die Rote Armee über Brest-Litowsk westwärts zur Weichsel. In Überschätzung ihrer nach 600 Kilometern ununterbrochenen Vormarschs erschöpften Stoßkraft hatte das Hauptquartier das Ziel gesetzt, die Stadt Warschau in einer kühnen Umgehungsoperation nördlich über Modlin, südlich über den neuen Weichselbrückenkopf bei Magnuszew unverzüglich einzunehmen und damit den zentralen Ansatzpunkt für den Ausgriff weit nach Westen und Nordwesten, hinein nach Deutschland, zu gewinnen.

Die Rote Armee war noch etwa drei Dutzend Kilometer von Warschau entfernt und hatte ihren Umgehungsplan in Angriff genommen, als sie am 1. August von einer Erklärung der von der strikt antisowjetischen polnischen Exilregierung in London gelenkten »Heimatarmee« überrascht wurde. Diese Einheiten mit ihren in die Stadt eingesickerten schwachen Kräften (sie hatten keinerlei schwere Waffen) hatten in der gänzlich unvorbereiteten Stadt den Aufstand ausgerufen. Sie wollten vor der Ankunft der Roten Armee, die nicht informiert worden war, Warschau im Namen der Exilregierung befreien.

Für die Wehrmacht war die polnische Hauptstadt das strategische Zentrum der gesamten mittleren Ostfront. Diese drohte zusammenzubrechen, wenn die Metropole mit ihren Verkehrs- und Nachschublinien, unzähligen Versorgungseinrichtungen, Rüstungsbetrieben und Lazaretten für die sowjetische Offensive nach Ostpreußen und tief nach Deutschland hinein offenstand. Sie war daher aus deutscher Sicht mit allen Mitteln gegen Gefährdungen und Einbrüche zu verteidigen. Walter Model, Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, begriff die kritische Lage und zog binnen Tagen, ja Stunden aus allen Richtungen starke Kräfte von vier Divisionen, darunter die SS-Panzerdivision »Wiking«, östlich von Warschau zusammen. Diese Großverbände lieferten den Teilen der vorgestoßenen sowjetischen Panzerarmee noch am 1. August eine blutige Schlacht in der Nähe der Stadt, die letztere schwere Verluste brachte, so daß sie am 5. August aus der Front herausgelöst werden mußte.

Erst Mitte September kam die Rote Armee wieder in Richtung Warschau voran und nahm Praga ein, den rechtsufrigen Teil der Stadt. Von hier aus leistete sie den Aufständischen in Warschau militärische und logistische Hilfe. Doch ein Zusammenwirken mit den schon untergangsgeweihten Aufständischen kam nicht zustande. Am 2. Oktober kapitulierte der Anführer der »Heimatarmee« vor den Deutschen und ging mit seinen Kämpfern in Gefangenschaft.

Die inzwischen von Hitler befohlene vollständige Vernichtung der Stadt und die Ermordung einer Unzahl ihrer Einwohner durch SS und berüchtigte Mordbrigaden (wie etwa jene des russischen Kollaborateurs Bronislaw Kaminski und des SS-Oberführers Oskar Dirlewanger) war weit fortgeschritten. Die bewaffneten Aufständischen der »Heimatarmee« hatten etwa 40000 Mann an Verlusten zu beklagen. Die übrige Bevölkerung wurde deportiert, davon 160000 als Zwangsarbeiter nach Deutschland bzw. in Konzentrationslager. Warschau blieb unter faschistischer Herrschaft bis zum 17. Januar 1945, als die Stadt im Zuge der sowjetischen Großoffensive befreit wurde.

In das »rücksichtslose und grauenhafte Abenteuer«, so der KPdSU-Generalsekretär und Oberbefehlshaber der Roten Armee, Josef Stalin, an den englischen Premier Winston Churchill am 16. August 1944, des Warschauer Aufstands wollte und konnte das sowjetische Hauptquartier nicht eingreifen, ehe nicht die Kräfte für die bevorstehenden schweren Kämpfe auf polnischem und deutschem Boden bereitgestellt waren. Es war anscheinend klar geworden, daß Front und Hinterland hierfür neu aufgebaut und reorganisiert werden mußten.

Die Belastungen des polnisch-russischen bzw. polnisch-sowjetischen Verhältnisses hatten seit 100 Jahren Osteuropa nicht zur Ruhe kommen lassen und störten auch 1944/45 innerhalb der Antihitlerkoalition. Dies läßt sich allerdings nur nachvollziehen, wenn man auf der einen Seite den aggressiv antirussisch-antikommunistischen polnischen Nationalismus und seine Abhängigkeit von westlich-alliierter Förderung erkennt, auf der anderen Seite den russischen Annexionismus, der sich 1939 auf Zeit sogar mit dem Hitlerfaschismus verband.

Strategie Ost und West

Die sowjetische Strategie von September 1944 bis Januar 1945 ist nach wie vor nicht leicht zu entschlüsseln. Vor Warschau blieb die Rote Armee unmittelbar östlich der Weichsel stehen. Währenddessen wurde die Stadt von Wehrmacht und SS dem Erdboden gleichgemacht, ihre Einwohner ermordet oder verschleppt. Die sowjetische Offensive richtete sich in den Herbstmonaten gegen die Heeresgruppe Nord und ihre Verbindung mit der Heeresgruppe Mitte in Litauen und im Memelgebiet und auf die Rigaer Bucht, schließlich auf die Eroberung ganz Estlands und des übrigen baltischen Raums bis auf den eingekreisten Kurland-Zipfel, in dem Reste der Heeresgruppe Nord bis zum Kriegsende isoliert blieben.

Rumänien war noch im August erobert worden und wechselte die Seite, ähnlich wie Bulgarien. Es begann der schwere Kampf der Roten Armee gegen deutsch-ungarische Verbände im Süden, der viele Monate lang dauern sollte und zahlreiche Opfer auf beiden Seiten forderte. Stalin erklärte Churchill am 29. September, daß die Bedrohung der Nordflanke durch die Wehrmacht beseitigt sein müsse, ehe die Rote Armee nach Deutschland vordringe, daß also Finnland im Norden, letztlich aber auch Ungarn im Süden aus dem Krieg ausscheiden müßten (»to knock Hungary out of the war«).
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Im Norden ging es zunächst – wenige Jahre nach dem sowjetisch-finnischen Krieg von 1940/41 – um die Reputation der UdSSR in den Friedensverhandlungen mit Finnland, vor allem um gemäßigte Friedensbedingungen, und um die Anerkennung der baltischen Länder als Teil der Sowjetunion, die 1940/41 international noch stark bestritten worden war. Die Verhandlungen verliefen für beide Seiten erträglich, und die noch in Finnland stationierten deutschen Truppen (20. Gebirgsarmee) wurden Ende Oktober über Munio und Kirkenes nach Nordnorwegen getrieben.

Die Offensive südlich der Karpaten nach Siebenbürgen und nach Ungarn in Richtung auf Theiß und Donau war ein schwieriges und verlustreiches Unternehmen. Die Wehrmacht wollte nicht die ungarischen Ölquellen westlich vom Balaton und erst recht nicht diejenigen im Wiener Becken in Gefahr bringen. Sie zog ausgesuchte Truppen nach und verheizte rücksichtslos die ungarischen Verbündeten. Stalin hingegen wird nicht verborgen geblieben sein, daß Churchill im September »nach neuen Weiden und Jagdgründen« (!) für die nach seiner Meinung unterbeschäftigten britischen Truppen im Mittelmeerraum suchte, vor allem in Süd- und Südosteuropa. Der englische Premier dachte über den Adriaraum (Jugoslawien) nach; auch, so meinte er, »müßten wir uns Wien zum Ziele setzen«.

In Frankreich installierten die westlichen Alliierten inzwischen eine »Nationalregierung« unter General Charles de Gaulle und rückten im November/Dezember, gegen bereits sich abschwächenden Widerstand demoralisierter deutscher Truppen, in Richtung auf die deutschen Grenzen vor, ohne ihr Ziel, den Rhein, außer bei Strasbourg, zu erreichen. Nur im Aachener Raum fanden heftige Kämpfe statt, bis Aachen als erste deutsche Stadt Ende Oktober in alliierter Hand war.

Südlich hiervon brach in der zweiten Dezemberhälfte (16.12.) überraschend ein deutscher Stoßkeil mit drei Armeen, davon zwei Panzerarmeen, auf schmalem Raum nach Westen durch und versuchte, die Ardennen in Richtung auf die Maas (Namur) zu durchstoßen. Dieser strategisch wie operativ aber vollständig hoffnungslose keilförmige Angriff zielte nach Hitlers Plan auf den Hafen Antwerpen, auf eine Spaltung der alliierten Front und auf günstige Startplätze für die V-Waffen bei der Beschießung Londons. Die Attacke kostete beide Seiten erhebliche Verluste und ließ das Oberkommando der Westalliierten Stalin um Unterstützung anrufen. Stalin kündigte an, die Rote Armee werde die geplante große sowjetische Winteroffensive an der Zentralfront trotz ungünstigen Wetters um einiges vorziehen, sie nicht später als in der zweiten Januarhälfte starten.

Der deutsche Vorstoß erschöpfte sich indes, ohne die Maas zu erreichen, unter anderem am Treibstoffmangel für Panzer und Flugzeuge. Die alliierte Seite hatte inzwischen reichlich amerikanische Reserven herangeführt. Erkennbar war, daß der Feldzug gegen Deutschland militärisch und logistisch von nun an umfassender organisiert werden mußte.

Risse in der Antihitlerkoalition

Verlauf der Kampfhandlungen an der deutsch-sowjetischen Front im Sommer/Herbst 1944 Foto: jW-Achiv

Verlauf der Kampfhandlungen an der deutsch-sowjetischen Front im Sommer/Herbst 1944
Foto: jW-Achiv

Das Jahr 1944 ging zu Ende. Es hatte den Menschen die Gewißheit eröffnet, das Kriegsende stehe in wenigen Monaten bevor, zuerst in Europa, wenig später auch auf dem asiatischen Kriegsschauplatz. Die damaligen Pläne der Antihitlerkoalition für eine Weltorganisation der Vereinten Nationen, die spätere UNO, verhießen der Menschheit einen Frieden für Jahrzehnte, anders als der glücklose Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg.

Aber alle Pläne und Verheißungen dieser Art erwiesen sich als trügerisch. Solange die Waffen sprachen, hielten die drei großen Mächte zwar an ihrem Hauptziel fest, der Beseitigung der Hitlerherrschaft und des faschistischen deutschen Regimes. Sie beendeten 1945 auch den Krieg gegen Japan siegreich. Aber die brüchige Grundlage ihres Zusammenhalts wurde gerade in der Zeit ihrer größten militärischen Triumphe immer sichtbarer. Je näher die Alliierten von Ost und West dem deutschen Kernland und dem Kriegsende kamen, desto stärker divergierten ihre Auffassungen von den militärischen und politischen Kriegszielen.

Fragwürdig und unklar, mitunter selbst für den in Westeuropa und im Pazifik führenden Verbündeten, US-Präsident Franklin D. Roosevelt, wurde insbesondere die Haltung und Taktik Churchills. Der war, wie schon am Anfang seiner Laufbahn (vor dem Ersten Weltkrieg) konsequenter Feind des Kommunismus. Das britische Weltreich mit seinen als militärische und logistische Hilfsquellen unverzichtbaren Dominions (vor allem Kanada, Australien/Neuseeland, Indien) sollte – so die Vorstellungen Londons – nach dem Sieg in neuer Stärke erstehen und sein Einfluß in Europa größer denn je sein. Der sowjetische Vormarsch in Osteuropa alarmierte Churchill schon seit »Bagration« (die große sowjetische Offensive vom Sommer 1944, siehe jW-Thema vom 6.6.2014), besonders aber nach der Katastrophe des Warschauer Aufstands. Er rechnete damals nicht nur mit dem Mittelmeerraum und der Golfregion als künftig sicherer britischer Herrschaftssphäre, sondern erweiterte das Ziel seiner »Balkanstrategie« im Norden bis an die Donau und von Österreich bis zum Schwarzen Meer. In seinem vielbändigen Werk »Der Zweite Weltkrieg« beschrieb er später, es seien das »schnelle Eindringen der Russen auf dem Balkan und die gefährliche Ausbreitung des Sowjeteinflusses in diesem Raum« wesentlich gewesen für sein immer vorrangigeres Interesse daran, die »Gegenwehr des Westens« zu organisieren.

Als wichtigstes Ziel des Krieges taugte Churchills Überzeugung damals noch nicht. Als offener Vorreiter einer antisowjetischen Strategie und des »Kalten Krieges« trat er erst im März 1946 in den USA mit seiner berüchtigten »Fulton«-Rede hervor (siehe jW-Thema vom 1.8.2013). Aber schon im Herbst 1944 arbeitete er nach Kräften gegen die Befreiung Ost- und Südosteuropas durch die Rote Armee, die der britischen Europapolitik grundsätzlich widersprach. Man versteht die britischen Absichten dieser Periode gegen die sowjetischen Ansprüche im befreiten Osteuropa aber nur vollständig, wenn man weiß, daß die Faustpfänder dieser Politik sich seit Jahren leibhaftig in britischer Obhut befanden: Vor allem die polnische Exilregierung und eine polnische Armee von vielleicht 200000 Mann, der König von Jugoslawien Peter II., der König von Griechenland Georg II. nebst Kronprinz Paul, der frühere tschechoslowakische Präsident Edvard Benes samt hohen Beamten und weiterer Entourage. Churchill rechnete noch auf der Potsdamer Konferenz vor, daß Großbritannien allein die Polen fünfeinhalb Jahre lang mit etwa 120 Millionen Pfund Sterling alimentiert habe. Die meisten würden nach Polen zurückkehren, und dort müsse man ihnen »volle Freiheit und wirtschaftliche Sicherstellung« garantieren.

Im Herbst 1944 bemühte sich Churchill um eine Einladung nach Moskau, um mit Stalin einige der brennendsten Fragen dieser Art zu besprechen. Fast zwei Wochen verhandelten beide dort. Über die Ergebnisse dieser Besprechungen findet man spärliche Auskünfte von Churchill in seinen späteren Kriegsmemoiren. Schon am ersten Abend, am 9. Oktober, legte Churchill Stalin jenes handschriftliche Papier mit seinem Plan der gegenseitigen Einflußsphären vor, das Stalin mit Blaustift abzeichnete und als Zeichen seines Einverständnisses Churchill wieder zuschob: »Rumänien: Rußland 90 Prozent, die anderen 10 Prozent; Griechenland: Großbritannien 90 Prozent (im Einvernehmen mit den USA), Rußland 10 Prozent; Jugoslawien: 50:50; Ungarn: 50:50; Bulgarien: Rußland 75 Prozent, die anderen 25 Prozent.« Churchill bezeichnete das »Hilfsmittel der Prozentformel« selbst als frivol und zynisch. Stalin schien sich nicht daran zu stoßen.

Es zeigte sich bald, daß die Rechnung außer in Griechenland nicht nach dem britischen Wunsch aufging. Nur in Griechenland bekamen die britische bewaffnete Macht und die griechische Reaktion die Oberhand im Bürgerkrieg gegen die große revolutionäre Volks- und Befreiungsbewegung. Dagegen intervenierte auch US-Präsident Roosevelt: »Gegen die Widerständler zu kämpfen, die in den letzten vier Jahren gegen die Nazis gekämpft haben: Wie können die Briten so etwas wagen?«

Die Brutalität der britischen Truppen und der von Churchill beschleunigt installierten reaktionären griechischen Regierung gegen die griechischen Aufständischen unter kommunistischer Führung in- und außerhalb Athens im Winter 1944/45 findet in der sowjetischen Literatur keine Erwähnung. Stalin war zu der Zeit an ernsthaften Auseinandersetzungen mit den Westalliierten nicht interessiert. Die Rote Armee bereitete nach den kräftezehrenden Schlachten des Sommers 1944 die ungeheuren Vorhaben des kommenden Jahres in Polen und Deutschland vor. Der Kampf in Ungarn dauerte bereits an und forderte noch monatelang Ströme an Blut. Die gesamte übrige Front von Nordfinnland bis zum Mittelmeer mußte gesichert und vor Überraschungen – wie die in den Ardennen – geschützt werden.

Die Ostfront im Spätherbst

Die Lage der Wehrmacht im Spätherbst 1944 war hoffnungslos. Aber daß der Kampf gegen sie leichter, daß er unblutiger werde, damit konnten die Alliierten in Ost und West nicht rechnen. Das deutsche Kampfpotential, nach der Räumung West-, Ost- und Südosteuropas noch bedeutend, war jetzt auf die »Heimatverteidigung« konzentriert. Einerseits vervielfachte das die Energie und Rücksichtslosigkeit der Deutschen, andererseits erzwang das Regime mit drakonischem Terror ihre Kampfbereitschaft bis zum letzten. Deren Verbissenheit zeugte überall davon. Kämpfende deutsche Soldaten gab es auf dem zu verteidigenden Restterritorium noch genug. Ebenso reichten ihre Ausrüstung mit Waffen und Gerät und der Nachschub aus, wenn auch die Lücken größer wurden, so bei Treibstoff und Munition.

Die Strategie des sowjetischen Hauptquartiers lief vor allem darauf hinaus, die geplante große Offensive der Roten Armee im Januar 1945 in die Mitte Europas und tief nach Deutschland hinein vorzubereiten. Der gewaltige Stoß über die Weichsel hin zur Oder sollte bis nach Berlin führen. Das erklärt wohl die schwierigen Umstände, mit denen es die Rote Armee vorher zu tun hatte, deren Front immer noch vom Baltikum nahe Leningrad bis Rumänien und Bulgarien reichte.

Im Laufe des September und Oktober wurde die Wehrmacht endgültig aus den baltischen Republiken vertrieben, mit Ausnahme Kurlands, der großen lettischen Ostseeprovinz, die von der Heeresgruppe Nord (seit Januar 1945: Heeresgruppe Kurland) besetzt blieb. Dort gelang es bis Mitte Oktober, die gesamte Heeresgruppe zu isolieren, während das übrige Baltikum bis zur ostpreußischen Grenze befreit wurde. Die Herrschaft über die Ostsee bis zur deutschen Grenze ging an die sowjetische Marine und Luftwaffe über.

Die Operationen der Roten Armee gegen den sogenannten Kurland-Kessel, in dem eine ganze intakte Heeresgruppe mit einigen hunderttausend Mann, verstärkt durch lettische Freiwillige, bis zum 9. Mai 1945 verharrte, fern von den kriegsentscheidenden Kämpfen in Mitteleuropa, geben den maßgebenden Militärhistorikern bis heute Rätsel auf. Ihnen erscheint das siebenmonatige Ausharren auf einen Hitler-Befehl als heldenhafter Widerstand gegen eine immer wieder angreifende sowjetische Übermacht. Angeblich lag es an den »Fehlern« der Roten Armee und an der Unentschlossenheit und »Ineffektivität« ihrer Führung, daß ihr keine wesentlichen Einbrüche in den Kessel gelangen.

Eine nüchterne Betrachtung wird zu anderen Ergebnissen kommen müssen. Eine Konzentration der Land-, Luft- und Seeüberlegenheit der Roten Armee auf eine rasche Erstürmung des gesamten Kessels wäre wohl keine unlösbare Aufgabe gewesen. Was indessen in den entscheidenden Monaten bis Kriegsende geschah, war die zuverlässige Abriegelung des Kurland-Kessels. Sie verhinderte den Einsatz der dort vorhandenen Riesenreserve an deutschen Truppen gegen die Rote Armee, als diese sich 1945 im Endkampf zwischen Weichsel und Oder befand.

Anders war die Lage in Ungarn. Für den »Führer« hatte das westungarische Ölgebiet und das nicht weit davon entfernte im Wiener Becken schon seit Sommer 1944 allererste Bedeutung, da sonst 80 Prozent der noch für deutsche Zwecke verfügbaren Ölausbeute verloren wären und – so seine Worte – »eine weitere Kriegführung nicht mehr möglich« wäre (23.1.1945). Der sowjetische Angriff begann im September von Rumänien-Siebenbürgen aus. Sein Ziel ging über die Beseitigung der Gefahr für die Flanke der großen Offensive nach Deutschland weit hinaus. Der Kampf um Theiß und Donau und um die Millionenstadt Budapest bis ins Wiener Becken sollte noch viele Monate dauern, was zweifellos nicht geplant war. Das letzte Ziel – Wien – war erst am 13. April 1945 freigekämpft.

Die sowjetischen Kräfte zeigten sich anfangs diesen Bestrebungen nicht gewachsen, zumal da Ungarn noch bis Ende Januar 1945 für Hitler als zu verstärkende Hauptfront im Osten galt und die deutschen und ungarischen Truppen mit äußerster Verbissenheit kämpften, bis ihr Widerstand gebrochen werden konnte.

*Dietrich Eichholtz resümiert für jW den Verlauf der Kämpfe der Alliierten gegen den Hitlerfaschismus im Zweiten Weltkrieg. Am 28.11.2013 schrieb er über das Zustandekommen der Westfront 1943 und über das weitere Erstarken der Roten Armee im Osten sowie am 6.6.2014 über die Invasion am Ärmelkanal und die Entwicklung der Ostfront.(jW)
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2 Antworten zu Die Lage der ROTEN ARMEE im Herbst 1944: „Vor dem letzten Stoß“

  1. Inson schreibt:

    Zitat: „Die Belastungen des polnisch-russischen bzw. polnisch-sowjetischen Verhältnisses hatten seit 100 Jahren Osteuropa nicht zur Ruhe kommen lassen und störten auch 1944/45 innerhalb der Antihitlerkoalition. Dies läßt sich allerdings nur nachvollziehen, wenn man auf der einen Seite den aggressiv antirussisch-antikommunistischen polnischen Nationalismus und seine Abhängigkeit von westlich-alliierter Förderung erkennt, auf der anderen Seite den russischen Annexionismus, der sich 1939 auf Zeit sogar mit dem Hitlerfaschismus verband.

    Strategie Ost und West

    Die sowjetische Strategie von September 1944 bis Januar 1945 ist nach wie vor nicht leicht zu entschlüsseln. Vor Warschau blieb die Rote Armee unmittelbar östlich der Weichsel stehen. Währenddessen wurde die Stadt von Wehrmacht und SS dem Erdboden gleichgemacht, ihre Einwohner ermordet oder verschleppt.“
    Hier muß die Frage schon erlaubt sein, ob Eichholtz die falschen Pillen eingeworfen hat?!
    Wie bitte? R u s s i s c h e r Annexionismus 1939??? Und selbst sowjetischer Annexionismus wäre immer noch falsch!!!
    Der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag war notwendig geworden nachdem die späteren Alliierten Frankreich und Großbritannien das Zustandekommen eines gemeinsamen Abkommens mit der UdSSR gegen Nazideutschland sabotierten. Sie wollten das Hitler den Krieg nur im Osten führt um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen!
    Die UdSSR verschaffte sich so dringend notwendige Zeit und konnte die Gebiete zurückgewinnen die ihr im Raubfrieden von Brest-Litowsk genommen worden waren!
    Wie wichtig dieser strategische Schachzug war stellte sich dann im Verlaufe des Krieges heraus! Wer das als „russischen“ Annexionismus bezeichnet ist offenbar nicht in der Lage nachzuvollziehen, was in diesem Krieg für die Völker der Sowjetunion und auch Polens auf dem Spiel stand!
    Die Sätze die sich auf den „Warschauer Aufstand“ beziehen, sind für mich das Allerletzte. Sie implizieren eine Komplizenschaft zwischen der Roten Armee und den Faschisten.
    Auch hier spielte Churchill gemeinsam mit den polnischen Nationalisten um Bor-Komorowski ein hinterhältiges Spiel. Sollte dieser Aufstand glücken, dann hätte man seinen Einfluß in Polen gewahrt und wäre dem ungeliebten Alliierten zuvorgekommen, sollte es nicht klappen dann kann man das der Sowjetunion in die Schuhe schieben! Und dafür gibt sich Eichholtz offenbar her!
    Jeder der will kann die umfangreiche Quellenlage zu diesem Thema studieren. Die Situation der 1. Belorussischen Front unter Marschall Rokossowski war kompliziert. Das schnelle vordringen der Front in den davorliegenden Monaten, machte eine Reorganisation und das Nachführen der Versorgung notwendig. Das vordringen nach Warschau, was die 1. Polnische Armee die in der der 1.Belorussischen Front kämpfte auch versuchte, erforderte die Überwindung der Weichsel an derem westlichen Ufer starke SS und Wehrmachtsverbände zusammengezogen waren. Bor-Komorowski lehnte zunächst jeglichen Kontakt mit der Roten Armee ab und Churchills vollmundiges Versprechen die Aufständischen aus der Luft zu versorgen, wurde nach einem kläglichen Versuch eingestellt. Die Versorgung übernahm dann die Rote Armee!
    Was soll das also? Offenbar versuchen, der aus bauernfängerischen Gründen sogenannten, „Rosa-Luxemburg-Stiftung“ der PdL nahestehende „marxistische Wissenschaftler“ hier ein antistalinistisches, im Grunde antikommunistisches, Geschichtsbild zu verbreiten. Das hat seine Wirkung innerhalb dieser Partei und in die Gesellschaft hinein ja auch nicht verfehlt.
    Warum muß sich auch noch die „Junge Welt“ für so etwas hergeben?

    • karovier schreibt:

      Danke für diesen Kommentar. Es war genau die von Dir zitierte Passage, die mich anfangs zögern ließ, diesen Text über meinen Blog zu verbreiten. Angesichts des insgesamt wichtigen Themas dieses Beitrags, seiner Aktualität und der unbestreitbaren Verdienste des Autors bei der Aufklärung über das Wesen des deutschen Imperialismus und Faschismus, entschloss ich mich dann jedoch, den Text ohne Kürzungen so reinzustellen, in der Hoffnung die Leser würden selber über diese Passagen stolpern.
      Zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag hatte sich der Genosse Stalin selbst in seiner Ansprache vom 3. Juli 1941 klar geäußert:

      „Man könnte fragen: Wie konnte es geschehen, dass sich die Sowjetregierung auf den Abschluss eines Nichtangriffspakts mit solchen wortbrüchigen Leuten und Ungeheuern wie Hitler und Ribbentrop eingelassen hat? Ist hier von der Sowjetregierung nicht ein Fehler begangen worden? Natürlich nicht! Ein Nichtangriffspakt ist ein Friedenspakt zwischen zwei Staaten. Eben einen solchen Pakt hat Deutschland uns im Jahre 1939 angeboten. Konnte die Sowjetregierung ein solches Angebot ablehnen? Ich denke, kein einziger friedliebender Staat kann ein Friedensabkommen mit einem benachbarten Reich ablehnen, selbst wenn an der Spitze dieses Reiches solche Ungeheuer und Kannibalen stehen wie Hitler und Ribbentrop. Dies aber natürlich unter der einen unerlässlichen Bedingung: dass das Friedensabkommen weder direkt noch indirekt die territoriale Integrität, die Unabhängigkeit und die Ehre des friedliebenden Staates berührt. Bekanntlich war der Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion gerade ein solcher Pakt.

      Was haben wir durch den Abschluss des Nichtangriffspakts mit Deutschland gewonnen? Wir haben unserem Lande für anderthalb Jahre den Frieden gesichert sowie die Möglichkeit, unsere Kräfte zur Abwehr vorzubereiten, falls das faschistische Deutschland es riskieren sollte, unser Land trotz des Pakts zu überfallen. Das ist ein unbestreitbarer Gewinn für uns und ein Verlust für das faschistische Deutschland.

      Was hat das faschistische Deutschland durch die wortbrüchige Zerreißung des Pakts und den Überfall auf die Sowjetunion gewonnen, und was hat es verloren? Es hat dadurch für kurze Zeit eine gewisse vorteilhafte Lage für seine Truppen erzielt, hat aber in politischer Hinsicht verloren, da es sich in den Augen der ganzen Welt als blutiger Aggressor entlarvt hat. Es ist nicht zu bezweifeln, dass dieser kurzfristige militärische Gewinn für Deutschland nur eine Episode ist, während der gewaltige politische Gewinn für die Sowjetunion ein ernster Faktor von langer Dauer ist, auf den gegründet sich entscheidende militärische Erfolge der Roten Armee im Krieg gegen das faschistische Deutschland entfalten müssen.

      Das eben ist der Grund, weshalb unsere ganze heldenmütige Armee, unsere ganze heldenhafte Kriegsmarine, alle unsere Fliegerfalken, alle Völker unseres Landes, alle besten Menschen Europas, Amerikas und Asiens und schließlich alle besten Menschen Deutschlands die wortbrüchigen Handlungen der deutschen Faschisten brandmarken und der Sowjetregierung ihre Sympathien entgegenbringen, die Handlungsweise der Sowjetregierung billigen, und weshalb sie erkennen, dass unsere Sache gerecht ist, dass der Feind zerschmettert werden wird, dass wir siegen müssen…“

      Ansonsten ist Deinen Ausführungen dazu, nichts hinzuzufügen.

      Auch mit Deiner Bewertung für die Umdeutungen der Geschichte, vor allem aus dem Bereich der RLS, bin ich einverstanden. Hinzuzufügen wäre hier lediglich, dass diese antikommunistischen, „antistalinistischen“ Geschichtsbilder inzwischen bis weit in die Reihen der DKP und anderer kommunistischer Organisationen Verbreitung finden, was die Sache für uns nicht unbedingt leichter macht. Dass die „junge Welt“ da mitmacht, kommt für mich nicht wirklich überraschend und deutete sich über die Jahre in verschiedenen Veröffentlichungen mit verfälschenden und entstellenden Inhalten, vor allem ihrer dem Trotzkismus nahe stehenden Autoren, seit langem an.

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