Dr. Richard Sorge, Kommunist, Internationalist, Kundschafter, Held der Sowjetunion

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Viele von uns haben wohl zum ersten Mal in ihrem Leben durch dieses Buch etwas von Richard Sorge und dessen sagenumwobene, geheimnisvolle Tätigkeit, die inzwischen mehrfach verfilmt und mit den verschiedensten Mythen belegt wurde, so dass sie noch heute Stoff für umfangreiche Diskussionen und Deutungen liefert, erfahren.

Dr. Sorge funkt aus Tokyo ist nicht nur das Porträt eines heldenhaften Kundschafters. Das Buch schildert auch das Wirken der Gruppe „Ramsay“ in Japan vor und während des zweiten Weltkrieges. Die Autoren haben alle entscheidenden Fakten zusammengetragen. Aus acht europäischen, zwei asiatischen Staaten und aus den USA stammt das Material, das in diesem Dokumentarbericht verarbeitet worden ist. Zum Gelingen dieses Buches haben Angehörige der Gruppe „Ramsay“, besonders Max und Anna Christiansen-Clausen, deutsche Kommunisten und Wissenschaftler, sowjetische Genossen, japanische Gelehrte, Frau Dr. Christiane Sorge, westdeutsche und Schweizer Publizisten, ein französischer Filmregisseur, jugoslawische und nordamerikanische Journalisten sowie viele andere beigetragen. Das Besondere an dem Bericht ist aber die politische Wertung des Kampfes der Sorge-Gruppe, die für die Rote Armee, für die Sowjetunion und im Interesse aller friedliebenden Menschen Kundschafterdienste leistete und Nachrichten von großem militärischem Wert lieferte. So ist zum ersten Mal ein umfassendes reales Sorge-Bild entstanden, das der Persönlichkeit dieses großartigen deutschen Kommunisten, Internationalisten und Patrioten, des sowjetischen Aufklärers Dr. Richard Sorge, sowie seinen Mitstreitern voll gerecht wird. Die Verfasser haben es auch verstanden, die Zeit und die Umwelt begreiflich werden zu lassen, in der die tapferen Vierzig ihre Pflicht erfüllten. Erst dadurch wurde eine echte menschliche und politische Würdigung dieser Friedenskämpfer möglich, die ihre wissenschaftlichen Arbeitsmethoden, ihren Mut, ihre Kühnheit und Findigkeit sowie ihre meisterhaft konspirative Arbeit einschließt.

Das Buch erschien 1968, vier Jahre nachdem Richard Sorge in der Sowjetunion postum zum “Helden der Sowjetunion” ernannt wurde. Seitdem wurde er in der DDR, wie auch in der Sowjetunion, auf die vielfältigste Weise geehrt. Der Ehrenname „Dr. Richard Sorge“ wurde in der DDR an folgende Einrichtungen verliehen:

– 30 polytechnische Oberschulen
– 35 FDJ-Grundorganisationen
– 22 GST-Grundorganisationen
– 46 Brigaden
– 10 Straßen
– 1 Truppenteil Aufklärungsbataillon-1
– 1 Kaserne – Kaserne Lehnin (letzter Standort des LStR-40
– 1 TS Boot der Volksmarine
– 3 Betriebsberufsschulen
– 7 KG-Hundertschaften
– 1 sst Kampfgruppenzug des Betonwerkes Berlin-Grünau
– 3 Kindergärten
– 2 Einrichtungen der ZV der DDR
– 4 Kreisparteischulen der SED
– 1 Jugendherberge
– 4 Jugendclubs

Die Idee dahinter wurde in der DDR damals folgendermaßen zusammengefasst:

Mit Richard Sorge ehren wir in unserer Deutschen Demokratischen Republik den standhaften Kommunisten, glühenden In­ternationalisten, den selbstlosen Kämpfer für den ersten sozialistischen Staat, den überzeugten Verfechter seiner marxistischen Weltanschauung, aber auch den durch ei­gene Erfahrung im Kampf gewachsenen Gegner des imperialistischen Krieges und den klugen Wissenschaftler und Journali­sten. Seit Erscheinen der ersten Publikationen über diesen großartigen Menschen ist er zum Vorbild von Generationen gewor­den. Sozialistische Brigaden, Schulen und Kampfkollektive der Streitkräfte fühlen sich seinem Kampf verpflichtet und tragen seinen Namen.

Richard Sorge gehörte zu der Generation, die durch das Feuer des ersten Weltkrieges ging, bittere Erfahrungen sammelte, die besonders nachhaltig wirkten, weil sie mit dem Blut gefallener Kameraden und eige­nen Schmerzen verbunden waren. Sein Schicksal glich in jenen Jahren dem von Ludwig Renn, Hans Kahle, Ernst Schneller und vielen anderen. Sie haßten nicht nur den imperialistischen Krieg und die Kreise, die für das Völkermorden verantwortlich waren, sie wandten sich auch gegen die rechten sozialdemokratischen Führer, die sich durch ihre Burgfriedenspolitik mit­schuldig gemacht hatten. Sie schlugen sich auf die Seite der revolutionären Arbeiter und verfochten deren Sache. Sie widmeten dem Kampf der Arbeiterbewegung ihr gan­zes Leben, und viele gaben es auch in die­sem Kampf. Prinzipienfestigkeit und Kühn­heit, Mut und Initiative, Treue und Siegeszuversicht sind Charakterstärken dieser Kommunisten, die auch Richard Sorge aus­zeichneten. Junge Menschen von heute, die sich beim Aufbau und beim Schutz des sozialistischen Vaterlandes bewähren, schöp­fen Kraft und Zuversicht aus dem Leben dieser Vorbilder.

Genosse Sorge hat uns vorgelebt und als Vermächtnis hinterlassen: Man kann kein Kommunist, kein aufrechter Patriot seiner Heimat sein, ohne die Sowjetunion, das Land Lenins, zu lieben und bedingungslos mit ganzer Kraft an seiner Seite gegen den Imperialismus, für den Sozialismus, für den Frieden und die Menschheit zu kämpfen. Für Richard Sorge gab es in seiner Haltung zur Sowjetunion keine Zweifel und kein Schwanken. Er war sich gewiß, für die gerechteste Sache zu kämpfen und zu den Sie­gern der Geschichte zu gehören.

Viele Kundschafter haben im Kampf an der geheimen Front Großes geleistet. Ihre Informationen haben während des Großen Vaterländischen Krieges dazu beigetragen, daß die sowjetische Führung ihre Entschlüsse auf gesicherten Angaben aufbauen konnte. An dieser Front kämpften Kommu­nisten vieler Länder, aber auch Antifaschisten, die aus bürgerlichen Kreisen stamm­ten. Manch Kundschafter hat den Triumph der Völker über die faschistisch-militaristi­sche Staatengruppe nicht mehr erlebt, er ist an der lautlosen Front gefallen. Jahre nach dem Sieg haben Einige Zeit und Kraft gefunden, ihre Erinnerungen niederzuschreiben und damit auch das Vermächtnis der Gefallenen zu bewahren. Hier seien nur Ruth Werner, Sändor Radö, Iwan Winarow und Kim Philby genannt.

In einleitenden Bemerkungen zu seinen Memoiren, die unter dem Titel «Kämpfer der lautlosen Front» erschienen sind, macht der spätere General der bulgarischen Volks­armee Iwan Winarow darauf aufmerksam, daß auch die Niederschrift seiner Erinne­rungen eine ernste Aufgabe war. «Dazu ist der Stoff, der leicht zur Sensation werden kann, zu <heiß>, wie man sagt. Viele Seiten der Tätigkeit eines Kundschafters bleiben immer geheim, gleichgültig, wieviel Zeit in­zwischen ins Land gegangen ist.»

Nach der Einverleibung der DDR durch die BRD wurden etliche dieser Einrichtungen von den neuen Machthabern umbenannt, um die Erinnerung an diesen hervorragenden Kommunisten und Internationalisten auszulöschen.

In immerhin noch 6 [sechs] Städten (!!!) konnte die radikale Auslöschung bislang verhindert werden:
Richard-Sorge-Str. in Aschersleben
Richard-Sorge-Str. in Berlin
Richard-Sorge-Str. in Jena
Richard-Sorge-Str. in Wildau bei Königs Wusterhausen
Dr.-Richard-Sorge-Str. in Dranske
Dr.-Richard-Sorge-Str. in Wollin bei Brandenburg an der Havel

Torpedoschnellboote, Aufklärungsbataillone, geschweige denn Kasernen tragen heute nicht mehr den Namen von Richard Sorge und Schulen durften ab 1990 nur noch mit ihrer Nummer, unter Weglassung des Namens, genannt werden.

Heute, zum 120. Geburtstag Richard Sorges, wurde ihm zu Ehren in Moskau, in der Schule Nr. 141, ein Denkmal eingeweiht.

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Geboren wurde Richard Sorge als Sohn eines deutschen Ingenieurs und dessen russischer Frau am 4. Oktober 1895 in Adschibend bei Baku im heutigen Aserbaidschan, wo der Vater in der Erdölindustrie tätig war. Sein Großonkel Richard Friedrich Adolf Sorge (1826 – 1906) — war ein enger Weggefährte von Karl Marx und einer der Mitbegründer und führenden Köpfe der Ersten Internationalen Arbeiterassoziation. Richard Sorge schrieb in einer kurzen Autobiographie im Jahr 1927: „Meines Vaters Familie ist eine Familie von Intellektuellen und gleichzeitig eine Familie mit alten revolutionären Traditionen. Meine Mutter und mein Großvater, wie meines Großvaters Vettern, besonders Friedrich Adolf Sorge, waren aktive Revolutionäre vor, während und nach der Revolution 1848.“

Der Erste imperialistische Weltkrieg sollte zum entscheidenden Wendepunkt im Leben Richard Sorges werden. Zunächst meldete er sich freiwillig, unter dem Einfluss seiner reaktionär-konservativen Umgebung in Berlin, wo er seit seinem 3. Lebensjahr aufwuchs,  zum freiwilligen Militärdienst im kaiserlich-deutschen Heer. Er trat in ein Artilleriebataillon ein und wurde an die Westfront versetzt. Dort wurde er im März 1916 durch Granatsplitter schwer verwundet, wobei ihm beide Beine brachen. Durch die Verwundung blieb er für den Rest seines Lebens körperlich beeinträchtigt. Er wurde allerdings zum Unteroffizier befördert und erhielt das Eiserne Kreuz.

Doch die Schrecken des Krieges, die er erlebt hatte, öffneten Richard Sorge die Augen für den reaktionären Charakter des Völkergemetzels zur Aufteilung der Welt zwischen einigen wenigen Kapitalgruppen. Noch während seiner Genesung befasste er sich mit den Werken von Karl Marx und Friedrich Engels und begann 1916 mit einem Studium der Nationalökonomie und Philosophie, zunächst in Berlin und später in Kiel. Hier nahm er Kontakt zu den Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), als der einigen Partei die damals konsequent den Kampf gegen den imperialistischen Krieg organisierte,  auf und gründete eine Gruppe sozialistischer Studenten.

Neben seinem Studium hat er eine Stelle als Assistent am privaten fortschrittlichen Kieler „Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft“ inne (ab 1934:: Institut für Weltwirtschaft).  In den Jahren 1918 bis 1922 wird an diesem Institut intensiv über ökonomische und soziologische Fragestellungen in Hinblick auf die Arbeiterbewegung diskutiert und publiziert. Das politische Spektrum der hier Forschenden reicht von der SPD über USPD, KPD bis zu den Rätekommunisten der KAPD. Hochschullehrer und Studierende beteiligen sich auch an praktischer Bildungsarbeit, in den sog. „Matrosenzirkeln“, halten dort vor Matrosen und Arbeitern Vorträge zu Wirtschaftsfragen.

Richard Sorge beteiligte sich jetzt aktiv am Kampf der revolutionären Arbeiterschaft gegen Krieg und Hunger. In Hamburg unterstützte er die Hungeraufstände der Arbeiterschaft. Am 3. November 1918 zog er gemeinsam mit den 5000 – 6000 Matrosen, Soldaten und Arbeitern durch die Straßen Kiels, mit dem Ziel, die gefangenen Marine-Kameraden zu befreien. So wurde er zum Revolutionär. 1919 war Richard Sorge bereits Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), die jetzt aus der USPD und dem Spartakus-Bund hervorging.

Inmitten dieser bewegten Zeit, der revolutionären Umwälzungen in Deutschland, des Zusammenbruchs des wilhelminischen Kaiserreichs in Folge der ersten schweren Niederlage des deutschen Imperialismus bei seinem Griff nach der Weltmacht, führte Richard Sorge sein Studium mit hoher Energie fort, so dass er in erstaunlich kurzer Zeit bereits 1919 in Hamburg mit der Arbeit Die Reichstarife des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine zum Dr. rer. pol. promovieren konnte. So wurde er als Lehrkraft angestellt und ging an die Technische Hochschule in Aachen. Wegen der aktiven Teilnahme an den bewaffneten Abwehrkämpfen gegen den Kapp-Putsch verlor er jedoch bald seine Assistentenstelle.

Nachdem Richard Sorge nun mehrere Monate im Bergwerk unter Tage gearbeitet hatte, wurde er jetzt Redakteur bei der Bergischen Arbeiterstimme, schied allerdings auf Wunsch seiner Genossen im Oktober 1922 bereits wieder aus. Er zog nach Frankfurt am Main und wurde Mitglied in der Gesellschaft für Sozialforschung, dem formellen Verein für die Gründung des Instituts für Sozialforschung. Zu Pfingsten 1923 organisierte er in Thüringen die Erste Marxistische Arbeitswoche, an der Felix Weil, Karl Korsch, Georg Lukács, Friedrich Pollock, Karl August Wittfogel, Julian Gumperz u. a. teilnahmen. Sorge war 1924 einer der beiden Hauptassistenten des Instituts.

Die gescheiterten Arbeiteraufstände in Hamburg, Sachsen und Thüringen führten schließlich zum (vorläufigen) Verbot der KPD im gesamten Deutschen Reich. Sie signalisierten zugleich auch das Ende der revolutionären Welle von 1917 – 1923 und den Beginn einer relativen Stabilisierung des Kapitalismus. In dieser Situation hielt die KPD vom  7.–10. April 1924 ihren 9. (illegalen) Parteitag in Frankfurt / a. M. ab. Es galt, sich den neuen Herausforderungen zu stellen und in engem Zusammenwirken mit der KOMINTERN alle Möglichkeiten des revolutionären Klassenkampfes (legale und illegale) auszuschöpfen.

So reiste Richard Sorge 1924 mit der Zustimmung der Parteiführung, auf Einladung des Exekutivkomitees der KOMINTERN, erstmalig nach Moskau zur besseren Koordinierung der gemeinsamen Arbeit. 1925 reiste er dann erneut für einen längeren Aufenthalt nach Moskau und trat der KPdSU (b) bei. Er wurde jetzt ein Bürger der Sowjetunion, der bei der KPdSU (b) und im Komintern-Apparat angestellt war und arbeitete als Reporter der Informationsabteilung, Politikwissenschaftler und Sekretär der Organisationsabteilung des Instituts für Marxismus-Leninismus. Hier war er maßgeblich an der Herausgabe der MEGA (Marx-Engels-Gesamtausgabe) beteiligt.

Durch seine Fähigkeiten im Beherrschen der russischen und der deutschen Sprache sowie seiner Gewandtheit auch in anderen Sprachen, war Richard Sorge ein idealer Kader für die Tätigkeit als Kundschafter bei der Bekämpfung der Machenschaften der imperialistischen Großmächte,  die bereits wieder zu neuen Kriegen rüsteten und deren Versuche, die noch junge Sowjetunion zu erdrosseln. Ab 1929 arbeitete Richard Sorge nun ausschließlich für die GRU (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije = Hauptverwaltung für Aufklärung [beim Generalstab der Streitkräfte der Russischen Föderation])  unter der Führung von Jan Bersin (genannt: Pawel Iwanowitsch). Während dieser Zeit wird er gründlich auf seine zukünftigen Einsätze, vor allem in China, vorbreitet.

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Nach Reisen nach England und Irland führte Richard Sorge 1930 seinen Auftrag in Shanghai aus. Er baut Informationsnetzwerke im Fernen Osten auf. Dies unter den Decknamen „Fix“, „Sontel“, „Inson“, „Schmid“, „Johson“ und dem berühmten „Ramsay“.

Zu dem Zeitpunkt als sich Richard Sorge für eine Arbeit für die GRU entschied wusste er natürlich noch nicht wohin ihn seine Einsätze führen würden. Er vermutete Deutschland oder Italien. Um so erstaunter war er als „Pawel Iwanowitsch“ auf einer Weltkarte in seinem Dienstzimmer mit seiner Hand auf China wies.

Als die 1925 begonnene Volksrevolution in China in den Jahren 1926 und 1927 von der Armee Tschiang-Kai-scheks mit grausamen Terror niedergeschlagen wurde, versuchten die Amerikaner und Briten, neben den Japanern, das Verhältnis von China zur SU zu verschlechtern. Der SU drohte somit aus dieser Richtung eine enorme Gefahr.

Im Januar 1930 kam Sorge in Schanghai an. Sein erstes Quartier war ein Hotel in der Avenue Joffre. Diese Straße verläuft parallel zum Fluß Huangpu der diese große Stadt quert und in den Jangtsekiang fließt. Sein Verbindungsmann „Wassili“ führte ihn in China ein. Schanghai hatte damals bereits mehr als 3 Millionen Einwohner und war Standort der gesamten Industrie. Schanghai war ein Staat im Staat. Diese Stadt waren eigentlich drei Städte. Zuerst das internationale Settlement unter starkem Einfluß der britischen Krone. Die Macht in diesem Teil der Stadt hatte uneingeschräkt der britische Konsul. Er verfügte über eigene Armee- und Polizeikräfte. Zweitens einen französichen Teil indem der französische Generalkonsul mit ebenfalls eigenen Armee- und Polizeikräften herrschte. Und drittens der eigentlichen „Chinesenstadt“. Betrat man diesen Teil der Stadt trat man in ein bereits vergangenes Jahrhundert zurück.

Richard Sorge lebte unter der Legende eines Auslandskorrespondenten der „Deutschen Getreide-Zeitung“ in China. Im Gepäck Sorges befand sich u.a. ein Empfehlungsschreiben des Außenministeriums Deutschlands für den deutschen Großkonsul in China Freiherr von Collenberg-Bödigheim.

Der Weg von der SU nach China führte über Deutschland, die USA nach China. Durch den Großkonsul lernte Sorge dort deutsche Militärberater kennen, Oberst van Glieber und Hauptmann Möllendorf, durch die er in nahezu alle Regionen Chinas reisen konnte ohne auf bedeutende Schwierigkeiten zu stoßen. Mit Oberst van Glieber fuhr Sorge auch nach Hangzhou. Einer verbotenen Region die allergrößter Geheimhaltung unterlag. Durch Oberst van Glieber erfuhr Sorge, das die Aufgaben der deutschen Militärberater einerseits dem Aufbau der Armee Tschiang-Kai-scheks dienen, das Hauptziel allerdings sei, die Erprobung eigener Waffen durchzuführen. Hier erfuhr er auch, dass mitten in Deutschland bereits ein geheimer Generalstab arbeitete, der in Verbänden wie dem „Stahlhelm“, „Wehrwolf“ und „Jungdo“ (Jungdeutscher Orden) mehr als 3 Millionen künftiger Soldaten außerhalb der Reichswehr auf einen zukünftigen Krieg vorbereitet würden.

Richard Sorge lernte durch diese vorzüglichen Kontakte Tschinag-Kai-schek, den Außenminister Bang und den Kriegsminister Ho-In-sching persönlich kennen. Sein Hauptauftrag war es jedoch Informationen über die Umsetzung des Memorandums Shin-ichi-Tanakas aus dem Jahr 1927 zu beschaffen. Dieses Memorandum beinhaltete die Forderung mit der SU die „Schwerter“zu kreuzen. Dabei spielten die Besetzung der Mandschurei und der Mongolei eine bedeutende Rolle. Durch das Anwachsen der chinesischen Befreiungsbewegung vor allem in Süd- und Zentralchina waren allerding die Kräfte gebunden und ein massiver Einsatz gegen die SU nicht möglich.

Mit Hauptmann Möllendorf besuchte Sorge die großen Truppenübungsplätze Hangzhou und Changchun aber auch Kaifeng und Xian. Die Kommandeure der Divisionen Tschiang-Kai-scheks waren Reichswehroffiziere, die als Berater getarnt agierten.

Richard Sorge begann dann eine Kundschaftergruppe aufzubauen. Mitglieder waren z.B.
– „John“ ein polnischer Jude
– „Tschang“ ein Chinese
– eine Deutsche (ohne Angabe des Namens, Ehefrau eines deutschen Geschäftsmannes)
– Max Christiansen-Clausen
– „Klaas Selman“ ein estnischer Kaufmann, während seiner Zeit in Schanghai auch „Paul“ genannt, Klarname Karl Rimm, Absolvent der sowjetischen Militärakademie im Range eines Generals und Militärberater Sorges
– Konstatin Mischin ein ehemaliger russischer Offizier der vor der Revolution geflohen war und später zur GRU fand.

Max Clausen baute ein eigenes Funkgerät, da das zur Verfügung gestellte den Anforderungen nicht gerecht wurde. Sein Eigenbau gewährleistete eine stabile Verbindung von Schanghai nach „Wiesbaden“ ( Deckname für die Gegenfunkstelle in Wladiwostok). Hier in Schanghai lernte Clausen auch seine spätere Frau Anna kennen.

Sorge erhielt Kenntnis zweier japanischer Geheimpläne. Der eine mit dem Decknamen „HEJ“ befasste sich mit der militärischen Aggression gegen China, der zweite mit dem Codenamen „OZU“ war der Plan militärischer Operationen gegen die SU. Hier begann die langjährige Zusammenarbeit mit dem japanischen Korrespondenten Hozumi Ozaki.

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Im Herbst 1932 erreichte Sorge der Funkspruch: „Rückkehr vorbereiten!“. Zusätzlich erhielt er einen Brief nach dessen Decodierung feststand, er sollte dringend zurück nach Moskau. Seine Gruppe hatte er an „Paul“ zu übergeben, der seine Rolle einzunehmen hatte. Am 15.11.1932 funkte Karl nach Moskau „Richard 12.11. von Schanghai nach Japan abgereist. am 21.11. muss er in Wladiwostok eintreffen.“ In den Unterlagen der GRU existiert die Abschrift dieses Funkspruches mit dem Vermerk Bersins „Wladiwostok informieren 15.XI.32“.

1932 kehrte der tapfere sowjetische Kundschafter nach Moskau zurück, wo er neue Instruktionen erhielt. Er wurde mit der Errichtung eines Informationsnetzwerkes in Tokio und der Überwachung aller möglichen Handlungen der japanischen imperialistischen Kamarilla beauftragt. Bei dieser Zielsetzung kommt Richard Sorge seine deutsche Abstammung zugute, um bis in die inneren Strukturen der Nazi-Hierarchie vorzudringen und nach Japan entsandt zu werden. Er wird in Tokio Korrespondent der deutschen „Frankfurter Zeitung“ und der „Technischen Rundschau“.

Richard Sorge reist von Deutschland nach Kanada. Von dort aus reist er weiter in die USA. Und dann am 6. September 1933 kommt er in Tokio unter dem Deckmantel des deutschen Journalisten an. Richard Sorge findet rasch Zugang zu den exklusivsten Ebenen der japanischen Aristokratie und der deutschen Botschaft in Japan. Eugene Ott, ein hoher Nazifunktionär in Tokio, wird sein Freund und vertraut ihm viele wichtige Informationen aus den Beziehungen zwischen Nazideutschland und dem imperialistischen Japan an. Er bat Richard Sorge sogar, die Pressesprecherfunktion der deutschen Botschaft in Tokio zu übernehmen. Er nimmt dies an, nachdem er den Unbekümmerten abgegeben hat. Sorge sollte es sein, der die Geheimberichte redigierte, welche hohe deutsche Marine- und Heeresoffiziere nach Berlin sendeten.

1935 reiste Richard Sorge insgeheim nach Moskau und kehrte in Begleitung von Max-Gottfried Clausen, seinem Funker, und dessen Gattin Anna Vallennius (die eine wertvolle Arbeit im Netzwerk verrichten sollte) zurück. Clausen würde die von Sorge beschafften wertvollen Informationen nach Moskau funken. Dieser Funkverkehr wurde zwar ständig vom japanischen Geheimdienst abgehört, aber die Chiffrierung konnten sie dabei nie knacken.

Richard Sorge schaffte es sogar, in die Gestapo-Strukturen einzubrechen, die in Japan tätig waren. Er beschaffte und lieferte nach Moskau alle Informationen aus dieser grausigen faschistischen deutschen Polizei.

Die Funksprüche von Clausen sind großartig. Beeindruckend rasch gelangen die Informationen an das Ziel. Clausen schaffte sogar, diese Informationen zu vereinfachen und den Wert von ihnen dabei noch zu erhöhen. 1939 sendet er 23.139 Worte in 60 Funksprüchen. 1940 sind es 19.179 Worte, 1941 sind es 13.103 Worte in 20 Funksprüchen. Dabei vermied er stets, dass der japanische Geheimdienst es schaffen konnte, die Codes zu dechiffrieren.

Am 20. Mai 1941 senden Richard Sorge und sein Funker Max-Gottfried Klausen folgende Meldung nach Moskau: „Hitler zieht derzeit 170 bis 190 Divisionen zusammen. Der Angriff wird am 20. Juni stattfinden. Sein unmittelbares Ziel wird Moskau sein.“ Das Sowjetische Oberkommando sollte diese Information unterschätzen und hielt sie für eine Machenschaft der deutschen Spionage-Abwehr, um den Krieg fortzusetzen, wenn die UdSSR noch nicht komplett vorbereitet war.

Am 22. Juni begann der heimtückische und wortbrüchige Überfall des faschistischen Deutschland auf die UdSSR, die „Operation Barbarossa“. Stalin begriff den begangenen Fehler und bei der nächsten Gelegenheit sollte er den Berichten von „Ramsay“ alias Richard Sorge in Japan mehr Beachtung schenken.

Am 15. Oktober 1941 übermittelten Richard Sorge und Max-Gottfried Clausen eine weitere wertvolle Information nach Moskau. Hier der Wortlaut der Meldung: „Die Armee von Kouantoung greift Sibirien nicht an. Japan hat beschlossen, niemanden anzugreifen außer die Vereinigten Staaten und England. Ich wiederhole: Neutralität von Japan gesichert. Russland wird nicht angegriffen.“

Einen Monat später wurde die sowjetische Heeresgruppe von Marschall Ermenko, die den Fernen Osten der UdSSR schützte, zur Verstärkung Moskaus in Marsch gesetzt. Diese strategische Operation sollte die sowjetische Hauptstadt retten und grundlegend für den Verlauf des Großen Vaterländischen Krieges der UdSSR werden.

Richard Sorge wurde drei Tage später festgenommen, d.h. nach jenem Funkspruch. Seine Festnahme ist Ergebnis eines Verrats. Eine Routine-Operation der Kempetai, der japanischen Geheimpolizei, gegen die japanische Kommunistische Partei, führte zur Festnahme von Tomo Kitabayashi, welcher Miyagi Yotoku verrät, welcher wiederum Ozaki Hozumi verrät, welcher dann trotz aller Folter standhaft bleibt und der japanischen Polizei kein Wort sagt. Aber die japanische Geheimpolizei Kempetai legte Wanzen im Haus von Hozumi. Und nach und nach fielen ihr die Mitglieder des Netzwerkes in die Hände. Insgesamt wurden 35 antifaschistische Kämpfer festgenommen.

Ozaki Hozumi wurde verurteilt und hingerichtet. Max-Gottfried Clausen wurde zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt. Dieselbe Verurteilung erfuhr Anna Vallennius, der Kroate und Journalist Branko Vukelic, welcher zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde und im Gefängnis sterben sollte.

Richard Sorge wurde am 7. November 1944, am Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, hingerichtet. Als er die letzten Stufen zum Galgen emporsteigt, ruft er noch aus:

„Für die Kommunistische Partei! Für die Sowjetunion! Für die Rote Armee!“

Am 4. September 1964 erschien ein Artikel in der Prawda, in dem es hieß: „Es ist die Stunde gekommen, von einem Mann zu sprechen, dessen Name für die kommenden Generationen ein Symbol für die Aufopferung für die Sache des Friedens, ein Symbol für die Würde und das Heldentum ist … Richard Sorge“.

In Moskau wurde ein Film über sein Leben geplant. Wer sind Sie, Herr Sorge? Von Ives Ciampi. Ihm wurden Orden und höchste Auszeichnungen postum verliehen, so der Orden “Held der Sowjetunion”. Seinen überlebenden Kundschaftergefährten, dem Funker Max-Gottfried Clausen und Anna Vallennius, wurde der Rotbannerorden und außerdem die Medaille in Gold für Verdienste der Nationalen Volksarmee der DDR verliehen.

Aber das größte Gedenken für Richard Sorge und die tapferen Mitglieder seiner Gruppe ist die Anerkennung der Tatsache, dass sein heldenhaftes Handeln in den inneren Strukturen des japanischen imperialistischen Ungeheuers ein hochbedeutsamer Beitrag bei der Zerschlagung des Faschismus und der Rettung Moskaus im Großen Vaterländischen Krieg war.

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Abschließend, für alle, die ihre Kenntnisse vertiefen wollen, eine Empfehlung, zu einem Buch, das 1984 im Militärverlag der DDR erschien und auch gehört werden kann:

REPORT von Julius MaderEin Dokumentarbericht über Kundschafter des Friedens mit ausgewählten Artikeln von Richard Sorge

Dieses Buch ist einer internationalen Gruppe heldenhafter Kundschafter gewidmet, die vor und während des zweiten Weltkrieges in Japan gegen die deutsch-japani­schen Kriegsbrandstifter kämpften. In den Jahren 1942 bis 1945 ließen japanische Imperialisten und Militaristen folgende Mitglieder der Gruppe «Ramsay» erdrosseln, zu Tode foltern oder im Kerker verhungern:

den Helden der Sowjetunion Dr. RICHARD SORGE

den jugoslawischen Kommunisten BRANKO VUKELIC

sowie die japanischen Patrioten Dr. HOZUMI OZAKI, YOTOKU MIYAGI, SHIGE MIZUNO, YOSHIO KAWAMURA, SUMIO FUNAKOSHI und TOMO KITABAYASHI.

Ihr Kampf für den Frieden und für das Glück der Völker ist uns Beispiel und Verpflichtung!

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