100 Jahre Oktober-Revolution: Der Februar-Umsturz in Russland im Jahr 1917

Kennzeichnend für die revolutionären Bewegungen, zum Beispiel in Frankreich, war unzweifelhaft die Tatsache, dass die provisorischen Regierungen dort gewöhnlich auf den Barrikaden entstanden und infolgedessen revolutionär waren, revolutionärer jedenfalls als die von ihnen nachträglich einberufenen konstituierenden Versammlungen, die gewöhnlich erst nach der „Beruhigung“ des Landes zusammentraten. Daraus ist eigentlich auch zu erklären, warum die erfahrensten Revolutionäre jener Zeit bemüht waren, ihr Programm mit Hilfe der revolutionären Regierung noch vor Einberufung der konstituierenden Versammlung zu verwirklichen, und diese Einberufung hinausschoben. Damit wollten sie die konstituierende Versammlung vor die Tatsache bereits verwirklichter Reformen stellen.

Ganz anders bei uns. Die Provisorische Regierung ist bei uns nicht auf den Barrikaden, sondern neben den Barrikaden entstanden. Darum ist sie auch nicht revolutionär, sondern hinkt bloß widerwillig hinter der Revolution einher und ist nur ein Hemmschuh auf ihrem Weg. Urteilt man nun danach, wie die Revolution sich Schritt für Schritt vertieft, die sozialen Fragen des Achtstundentags und der Konfiskation des Grund und Bodens in den Vordergrund rückt und die Provinz revolutioniert, so kann man mit Bestimmtheit sagen, dass die künftige, vom ganzen Volk getragene Konstituierende Versammlung viel demokratischer sein wird als die gegenwärtige, von der Duma des 3. Juni gewählte Provisorische Regierung.

K. Stalin, „Prawda“ Nr. 12,
18. März 1917

In der ganzen revolutionären Bewegung spielten die Petrograder Großbetriebe eine besonders wichtige Rolle. So beschränkten sich die Arbeiter der Putilow-Werke (einer der größten Betriebe Russlands für Maschinen- und Lokomotivbau, der während des Krieges auf die Herstellung von Artilleriematerial umgestellt wurde) seit Anfang Februar nicht mehr auf Streiks oder Versammlungen, sondern gingen aktiv gegen die Polizei vor. Sie gingen mit roten Fahnen auf die Straße und führten ebenso wie die Arbeiter des Leßnerschen Betriebes die Parole „Nieder mit dem Krieg!“.

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Durch den 1. Weltkrieg verschlechterte sich die Versorgungslage der russischen Bevölkerung drastisch, so dass Hungerrevolten, Streiks und Plünderungen zur Tagesordnung gehörten. Im Februar 1917 spitzte sich die Lage zu und ganze Regimenter desertierter zaristischer Soldaten schlossen sich den Demonstrationen gegen den Krieg und die schlechte Versorgung an. Tonangebend wurden nach tagelangen Protestaktionen am 23. Februar (nach julianischem Kalender), bzw. dem Weltfrauentag am 8. März (nach gregorianischem Kalender) aber vor allem Soldatenmütter und Arbeiterinnen aus russischen Rüstungsbetrieben. Das Foto vom 23.2. zeigt Arbeiterinnen aus den Putilow-Werken in Petrograd, einer der größten russischen Rüstungsfabriken für Heer und Marine, die auf ihren Transparenten eine gerechte Lebensmittelverteilung für die Familien von Soldaten forderten und eine ausreichende Versorgung der Kinder.

Der 8. März (23. Februar alten Stils) war der Tag der Frauen. Diesen Tag kann man als den ersten Tag der bereits ausgebrochenen Revolution betrachten. Die Bewegung war nicht mehr aufzuhalten. Ganz Petrograd war von Unruhe ergriffen. Es streikten ungefähr 50 Betriebe mit 90000 Arbeitern. Die Kampfstimmung machte sich durch Demonstrationen und in Zusammenstößen mit der Polizei Luft. Eine dichte Menge von Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen zog zum Rathaus und forderte Brot. An verschiedenen Punkten der Stadt tauchten Fahnen mit den Parolen „Nieder mit der Selbstherrschaft“, „Nieder mit dem Krieg“ auf. Gegen 4 Uhr nachmittags hielten die Arbeiter auf der Ingenieurstrasse, Sadowajastraße und auf dem Newski-Prospekt den Straßenbahnverkehr auf. Die Straßen waren voll von Polizei und berittenen Schutzleuten, die auf den Bürgersteig hinauf ritten und mit ihren Nagaikas auf die Menge einhieben. Auf dem Newski-Prospekt jagten mit Piken bewaffnete Kosaken auf und ab.

An diesem Tage leerten sich die Straßen erst gegen 10 Uhr abends. Die Stadt begab sich zur Ruhe, nur um am nächsten Tage zu neuem Kampfe zu erwachen. Am 9. März streikten in Petrograd 200000 Arbeiter. Auf den Straßen wurde geschossen, die Menge verjagte die Polizisten. An diesem Tage konnte man die ersten Schwankungen in der Haltung der Truppen verzeichnen. Die Kosaken, die sich dem Volke gegenüber sympathisierend verhielten, wurden von der Menge mit Hurrarufen begrüßt. Die in der Wohnung des Wehrkreiskommandanten Chabalow versammelten Behörden waren gezwungen, „eine Kavallerie-Formation den Kosaken des ersten Donregiments beizugeben, da diese der Menge nicht ge« nügend energisch gegenübertreten“.

Am 10. März, als die Massen auf die Straßen gingen und der Generalstreik proklamiert wurde, erließ die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (Bolschewiki) folgenden Aufruf:

Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!

Das Leben ist unerträglich geworden. Nichts zum Essen! Nichts zum Heizen! Keine Kleidung!
An der Front – Blut, Verkrüppelung, Tod. Auf­gebot nach Aufgebot, Truppentransport nach Truppentransport. Wie Viehherden werden unsere Söhne und Brüder auf die Menschenschlachtbank geführt.
Schweigen ist nicht mehr möglich!
Brüder und Söhne zur Schlachtbank führen zu lassen, selbst aber vor Kälte und Hunger zugrunde gehen und dabei unablässig zu schweigen – das wäre eine undenkbare, verbrecherische, niederträch­tige Feigheit.
Vergebens wollt Ihr Euch retten. Wenn nicht der Kerker – dann Schrapnell – dann Krankheit oder Hungertod!
Es ist unwürdig, den Kopf in den Sand zu stecken und nicht vorwärts zu schauen. Das Land ist ver­wüstet. Es gibt kein Brot. Die Hungersnot rückt heran. Noch Schlimmeres steht bevor. Wir gehen tödlichen Epidemien, wir gehen der Cholera ent­gegen…
Wenn wir Brot fordern, dann antwortet man mit Blei! Wer ist schuld? Schuld sind die Zarenmacht und die Bourgeoisie. Sie plündern das Volk an der Front ebenso aus wie im Hinterlande. Die Guts­besitzer und die Kapitalisten bereichern sich an dem Kriege: Sie können ihren Profit kaum mehr zählen. Sie ziehen den Krieg ins Unendliche. Um des Kriegsgewinnes und um der Eroberung von Konstantinopel, Armenien und Polen willen treiben sie das Volk auf die Schlachtbank. Ihre bestialische Gier hat keine Grenzen.
Aus gutem Willen werden sie auf den Profit nicht verzichten und den Krieg nicht einstellen. Es ist höchste Zeit, die reaktionäre bürgerliche Bestie zu bändigen.
Die Liberalen und die Reaktionäre, die Minister und die Staatsduma, der Adel und die Semstwo-Verwaltung — alle haben sich während des Krieges zu einer blutgierigen Bande zusammengeschlossen.
Der Hof des Zaren, die Bankiers und die Pfaffen raffen das Gold zusammen. Eine nichtstuende Plündererschar nagt an den Knochen des Volkes, trinkt das Blut des Volkes. Und wir leiden. Wir gehen zugrunde. Wir hungern. Wir arbeiten uns krank. Wir sterben in den Schützengräben. Wir können nicht schweigen!
Alle auf zum Kampf! Auf die Straße! Für Euch selbst, für Eure Kinder und Brüder!
In Deutschland, in Oesterreich, in Bulgarien er­hebt die Arbeiterklasse ihr Haupt. Sie kämpft dort gegen ihre blutgierige Bourgeoisie, für Frieden und Freiheit. Helfen wir ihr und uns selbst. Helfen wir durch einen Kampf gegen unsere eigenen Unterdrücker. Erhebt Euch! Organisiert Euch für den Kampf! Bildet Komitees der Russischen Sozial­demokratischen Arbeiterpartei in den Werk­stätten, in den Fabriken, in den Bezirken, in den Städten, in den Distrikten, in den Kasernen, in ganz Rußland. Das werden Komitees des Kampfes, Komitees der Freiheit sein. Erklärt den Bauern, den Kleinbürgern, den Soldaten, daß ihre Rettung nur durch den Sieg der Sozial­demokraten möglich ist.
Die Zeit des offenen Kampfes ist gekommen. Streiks, Meetings, Demonstrationen schwächen die Organisationen nicht, sondern stärken sie. Nützt jede Gelegenheit, jeden geeigneten Tag aus! Immer und überall mit der Masse und mit den eigenen revolutionären Losungen!
Mögen die Helfershelfer des Kapitals unsere Handlungsweise „Hasardspiel mit dem Streik“ und „Putschismus“ nennen. Die Rettung liegt im sofortigen und ständigen Kampf und nicht in der Verschiebung des Kampfes auf lange Frist.
Ruft jeden zum Kampf! Besser im ruhm­vollen Kampf um die Sache der Arbeiter zu sterben, als an der Front um den Profit des Kapitals das Leben zu lassen oder an Hunger und Überarbeitung zugrunde zu gehen. Ein­zelne Aktionen können sich zur Revolution in ganz Rußland auswachsen, die wiederum zur Revolution in anderen Ländern den Anstoß geben wird.
Ein harter Kampf steht uns bevor, aber ein wirk­licher Sieg erwartet uns.

Alle auf, unter das rote Banner der Revolution!
Nieder mit der zaristischen Monarchie!
Es lebe die demokratische Republik!
Es lebe der Achtstundentag!
Den ganzen Grund und Boden der Gutsbesitzer dem Volke!
Nieder mit dem Kriege!
Es lebe das brüderliche Bündnis der Arbeiter der ganzen Welt!
Es lebe die Sozialistische Internationale!

In der Nacht zum 11. März wurden zirka 100 Personen verhaftet, als ob solche Maßnahmen die elementare Bewegung der Massen hätten aufhalten können. Am 11. März waren die Fabriken und Betriebe geschlossen, die Arbeitermassen zogen aus allen Vorstädten in das Zentrum der Stadt. Die Stadt glich einem Heerlager. Es wurde aus Hinterhalten geschossen.

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Die Regierung nahm nun ihre Zuflucht zu den Maschinengewehren. Zur Verstärkung der Polizei ließ sie Soldaten in Polizeiuniform einkleiden, was jedoch bei den Soldaten große Empörung hervor rief und den Anstoß zu ihrem Überlaufen auf die Seite des Volkes gab. Noch am Vortage, dem 10. März, hatte der Zar aus dem Großen Hauptquartier telegrafiert:„Ich befehle, den Unruhen in der Hauptstadt, die in dieser schweren Zeit des Krieges gegen Deutschland und Österreich unzulässig sind, morgen ein Ende zu bereiten. Nikolai.“

Am 11. wurde ihm gemeldet, dass die Unruhen fortdauerten und dass niemand imstande sei, den Befehl des Zaren auszuführen. Am selben Tage telegraphierte der Vorsitzende der Staatsduma, Rodsianko (Gutsbesitzer), an den Zaren: „Die Lage ist ernst. In der Hauptstadt herrscht Anarchie. Die Regierung ist lahmgelegt. Lebensmittel- und Brennstoffbeförderung vollständig desorganisiert. Die soziale Unzufriedenheit wächst. Auf den Straßen Schießereien. Truppenteile beschießen einander. Jemand, der das Vertrauen des Landes genießt, muß unbedingt mit der Bildung einer neuen Regierung betraut werden. Es darf nicht gezögert werden. Größte Gefahrist im Verzug. Ich flehe zu Gott, daß in dieser Stunde die Verantwortung nicht auf den Monarchen falle.“

Der folgende Tag, der 12. März (27. Februar) ist der Tag des ausgesprochenen Sieges der Revolution.

Am Morgen schickte Rodsianko an den Zaren ein zweites Telegramm: „Die Lage hat sich verschlcchtert. Sofort Maßnahmen ergreifen. Morgen ist zu spät. Die letzte Stunde der Entscheidung für das Land und die Dynastie hat geschlagen.“

Inzwischen war an diesem Tage die Petrograder Garnison entschieden auf die Seite des Volkes getreten und hatte dadurch den Sturz der Selbstherrschaft endgültig besiegelt. Die ersten aufständischen Regimenter, die sich dem Volke anschlossen, waren die Regimenter Litowski, Wolinski, Pawlowski und Preobraschenski. Sie machten die Runde in den übrigen Kasernen und brachten auch dort die Soldaten heraus. Ein Teil der Offiziere schloss sich ebenfalls an. Die Kosaken verhielten sich von Anfang an neutral, trieben die Menge von Zeit zu Zeit auseinander, gingen aber nicht im Angriff vor; einzelne Abteilungen schlossen sich sogar den Arbeitern an. Die aufständischen Soldaten besetzten mit den Arbeitern gemeinsam das Arsenal und die Peter-Pauls-Festung, die in der Mitte der Stadt liegen, und befreiten die politischen Gefangenen aus den Gefängnissen.

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Am 12. März abends kam die Nachricht, dass sich auch Kronstadt, die wichtigste Seefestung, dem Volke angeschlossen hatte. Der Regierung blieb in der Hauptstadt und in der Umgebung keine ernsthafte Stütze mehr.

Es ist symbolisch, dass das Preobraschenski-Regiment eines der ersten war, das sich auflehnte. Gerade dieses „verlässlichste“ Regiment wurde 1905 vom Zarismus zur Niederwerfung des Dezember-Aufstandes der Moskauer Arbeiter von Petersburg nach Moskau geschickt. Damals hatten die Soldaten des Preobraschenski-Regiments diese Arbeit auch verrichtet.

In einzelnen Bezirken hielten sich auch noch am 12. und 13. März Polizeieinheiten und Behörden, doch dies waren schon die letzten Todeszuckungen des alten Regimes. Die Februarrevolution hatte auf der ganzen Strecke gesiegt!

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