Die Reemtsma-Familie – Helden der westlichen Welt

Im Jahr 1960 erschien im Aufbau-Verlag als Hommage des Arbeiterschriftstellers Willi Bredel an seine Heimatstadt Hamburg die „Geschichte einer Stadt in Geschichten“ mit dem Titel „Unter Türmen und Masten“. Sie enthält auch die Geschichte vom mittellosen deutschen Budikersohn Philipp Karl Fürchtegott Reemtsma, der nach dem ersten Weltkrieg mit dem Aufbau einer Zigarettenfabrik begann, die sich zum marktbeherrschenden Tabakkonzern Deutschlands auswuchs und bis in die Gegenwart zu den großen Monopolisten der Branche zählt. Die Geschichte trägt den Titel:

Ernte 23 oder Ein Held der westlichen Welt

Ernte-23-Packung von 1935.

Die Geschichte vom Schuhputzer oder Zeitungsjungen, der es bis zum Millionär brachte, kommt aus Amerika. Die Allerdümmsten selbst aber begreifen, dass niemand vom Schuhputzen oder vom Zeitungsverkauf Millionär werden kann. Der mittellose deutsche Budikersohn Philipp Reemtsma, der zwischen den beiden Weltkriegen ein Multimillionär wurde, scheint diese Behauptung Lügen zu strafen; er begann mit der Zigarettenfabrikation und wurde durch die Zigarette steinreich und einer der größten Monopolisten Deutschlands.

Philipp Reemtsmas Aufstieg war eine Wirtschaftsschlacht, in der, mitten im Frieden, Legionen Beraubter, Überfahrener, in den Staub Getretener und Ruinierter auf der Walstatt blieben. Reemtsma ging aus allen diesen Schlachten als Sieger hervor, nicht zuletzt weil er seinen Konkurrenten an Rücksichtslosigkeit, Skrupellosigkeit und gemeingefährlichen Finessen, an wirtschaftspolitischer Gerissenheit und korrupter Hemmungslosigkeit überlegen war. Mit sicherem Instinkt hatte er rechtzeitig begriffen, dass sich im wirtschaftspolitischen Sumpf der Nachkriegszeit ungeahnte Geschäfte machen ließen, wenn man nur unverfroren genug war, Spekulationen größten Ausmaßes zu betreiben, und nicht davor zurückschreckte, sich mit Dreck zu bekleckern. Kleine Spekulationen, kleine Korruptionen mussten auf dem wirtschaftlichen Terrain der Weimarer Republik scheitern und als kriminelle Delikte enden; gigantische Spekulationen und Korruptionen aber mussten Staatsaktionen werden und durften dann, sollte nicht das Staatsprestige empfindlich leiden, nicht zu Angelegenheiten der Gerichte und damit der Öffentlichkeit werden.

Philipp Reemtsma ist unzweifelhaft ein raffinierter Psychologe, der weiß, wie man Menschen in der kapitalistischen Welt beikommen muss, will man sie für sich gewinnen oder mundtot machen. Auch besitzt er zweifelsohne einen ausgeprägten Sinn für Macht, Macht im kapitalistischen Sinne, für Geldmacht. Mit Geld macht man alles, kann man alles machen. Und er bestach mit Millionen, wenn er damit Hunderte von Millionen erringen konnte. Bei so geartetem Aufstieg musste es zu Skandalen kommen. Er wusste sich aus allen herauszuwinden. Zuletzt war er schon so mächtig geworden, dass selbst Skandale lautlos blieben; er schüttete sie mit Geld zu. Deutschland hat in den letzten fünfzig Jahren keinen erfolgreicheren Wirtschaftspiraten hervorgebracht.

Reemtsmas Karriere begann in der Inflation nach dem ersten Weltkrieg, dem richtigen Zeitpunkt für Glücksritter und Großspekulanten. Denn wenn Millionen verarmen, werden einige wenige Millionäre. Philipp Reemtsma und der Tabakhändler David Schnur aus Berlin, in dem jener seinen Lehrmeister und einen gewieften Teilhaber fand, verlegten ihren Sitz von Erfurt nach Hamburg-Altona, schluckten durch Fusionierung eine Anzahl mittlerer, in der Inflation pleite gegangener Zigarettenfabriken, saugten auch einige größere auf, wie die Manoli AG, bildeten mit dem Jasmatzi-Konzern eine Interessengemeinschaft, die bald zur Verschmelzung mit der Reemtsma AG führte, und erwarben schließlich noch die orientalische Tabak-und Zigarettenfabrik – Yenidze GmbH in Dresden. Bahrenfeld (Hamburg-Altona) wurde Ort der Hauptniederlassung des Konzerns. Der Zigarettenverbrauch stieg enorm, aber Reemtsma verdiente nicht so sehr an den Zigaretten als an der Steuer.

Im allgemeinen hat der Staatsbürger einen Horror vor der Steuer. Er verbindet das Wort mit Abzügen und Abgaben; er kann sich gar nicht vorstellen, dass es Steuern gibt, durch die ein Privatmann Millionensummen gewinnen kann, auch nicht, dass man sich mit Hilfe der Steuer eine wirtschaftliche Monopolstellung zu verschaffen vermag. In der Weimarer Republik war der Zigarettenfabrikant aber gewissermaßen der Steuereinnehmer für das Finanzamt. Die Zigarettenindustrie vereinnahmt unausgesetzt Hunderte Millionen Mark Tabaksteuergelder, die ihr vom Verbraucher und Händler beim Wareneinkauf gezahlt werden, damit sie an den Fiskus weitergeleitet werden. Für die Abführung dieser Millionensummen sind den Zigarettenindustriellen zinslose Stundungsfristen eingeräumt, die sich auf mehrere Monate belaufen. Was für Möglichkeiten bietet allein dieser Umstand für steuerpolitische Spekulationen!

Philipp Reemtsma ging daran, die Produktion technisch aufs modernste umzustellen; hinter sozialen Schaukulissen betrieb er die schamloseste Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und ersetzte das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter und Arbeiterinnen durch schrankenlose Herr-im-Hause-Willkür. Die Moral vom Leben und Leben lassen ersetzte er durch die Wolfsmoral des Monopolkapitalismus: Alles für mich! In wenigen Jahren schluckte der Reemtsma-Konzern außer den schon genannten noch die privaten Zigarettenfabriken Batschari, Bulgaria, Casanova, Konstantin, Delta, Massary, fusionierte sich den Neuerburg-Konzern an, dem wiederum die Firmen Waldorf-Astoria, Zuban und Halpaus angegliedert waren, und beherrschte Ende der zwanziger Jahre neunzig Prozent der deutschen Zigarettenproduktion. Insgesamt blieben sechshundert Zigarettenfabriken auf der Strecke. Reemtsma war deutscher Zigarettenkönig.

Erreicht hatte er das durch die dargelegten und viele andere Manipulationen, die im Rahmen dieses Beitrags nicht behandelt werden können. Nicht zuletzt aber durch die groß angelegte Einführung des Lobbyismus in das deutsche kapitalistische Wirtschaftsleben. Philipp Reemtsma war ein Meister in der Kunst des Kaufs von Menschen in wichtigen Positionen. So hatte er nicht nur Abgeordnete im Deutschen Reichstag als seine Interessenvertreter, sondern sogar den wichtigsten Mann in der obersten Finanzbehörde, den Buchprüfer Dr. Schulte, in seinem Dienst. Dieser Mann genoss das uneingeschränkte Vertrauen des damaligen Reichsfinanzministers Dr. Köhler. Er begann 1924 seine Laufbahn als mittelloser Referendar mit der Bearbeitung von Steuerfragen. Anfang der dreißiger Jahre zog er es vor, sein „erworbenes“ Vermögen von einigen Millionen Mark in Paris zu genießen. In der Zeitschrift „Tabak-Tagebuch“ vom l. Mai 1932 erschien über ihn ein Artikel, in dem es heißt:

Im Gewerbe ist bekannt, dass Herr Dr. Schulte Parteigänger der Familie Reemtsma ist; er selber erklärte in berückender Harmlosigkeit, er müsse sehen, wo er bleibe. Ein schlimmes Gutachten Dr. Schultes bedeutet das Ende eines Zigarettenfabrikanten, ein gutes: ausreichenden Steuerkredit. Aber er ist teuer. Immerhin zahlt man lieber. Greiling zahlt, Lande zahlt, Bergmann zahlt in die Hunderttausende. Wenn man den Dingen auf den Grund geht, wird das Ergebnis vielleicht sein, dass jeder Zigarettenfabrikant gezahlt hat aus Furcht vor den Wirkungen des unheilvollen Einflusses von Dr. Schulte im Reichsfinanzministerium.“

Und dieser Vertrauensmann des Reichsfinanzministeriums in der Weimarer Republik war zugleich auch Vertrauensmann des Reemtsma-Konzerns.

Aber Philipp Reemtsma, Meister der direkten und indirekten Bestechung, hatte auch die Herausgeber der großen Presse mit seinen Inseratenaufträgen in der Hand. Sachkenner haben in den zwanziger Jahren die Aufwendungen des Reemtsma Konzerns für Zeitungsreklame auf durchschnittlich vierzig Millionen Mark im Jahr geschätzt. Tatsache ist jedenfalls, dass in der bürgerlichen Presse die Machinationen des Reemtsma Konzerns nie oder doch nur sehr selten beleuchtet wurden. Auch Prozesse, in die Reemtsma verwickelt war, wurden nicht veröffentlicht.

Einmal hatte Reemtsma einen gewissen Harry Levita wegen „versuchter Erpressung“ festnehmen lassen. In dem Prozess wurde zu seinem Entsetzen gerichtsnotorisch festgestellt, dass der Reemtsma-Konzern folgende Schweigegelder und Bestechungssummen gezahlt hatte:

  • Herrn Schweck 200 000 Mark
  • Herrn Levita 112 000 Mark
  • „Konto Bey“, Paris 200000 Mark
  • „Große Glocke“, Hamburg 30000 Mark
  • Johann Müller 25 000 Mark
  • An die Direktoren von Batschari als „Abfindungen“ für einige Wochen Tätigkeit 30000 bis 100 000 Mark.

Auf die Frage des Gerichtsvorsitzenden, warum das Skandalblatt „Große Glocke“ 30000 Mark Schweigegeld erhielt, erklärte das Mitglied des Reemtsma-Vorstandes, Direktor Heldern:

Wir nahmen Rücksicht auf die Empfindlichkeit unserer Damen, denen die Veröffentlichung gerade in Hamburg peinlich war.“

Aber die Betrügereien waren inzwischen doch immer mehr in die Öffentlichkeit gesickert, so dass man eine gerichtliche Untersuchung nicht mehr umgehen konnte. Justizbeamte und Sachverständige arbeiteten Monate und Jahre an der Vorbereitung dieses einen Prozesses, der mit Rücksicht auf die zu erwartenden Riesenenthüllungen immer wieder hinausgeschoben wurde. Reemtsma wusste, die kommenden faschistischen Machthaber waren an einem Riesenskandal um einen deutschen Konzern nicht interessiert. Nicht zum Schlage gegen das Monopolkapital, sondern zum Schlage gegen die Arbeiterklasse holten die Nazis aus. Außerdem musste in einem Prozess herauskommen, dass auch die Nazipartei Gelder vom Reemtsma-Konzern bekommen und genommen hatte. Die Untersuchung ergab, dass sich von dem Stammkapital des Reemtsma-Konzerns in Höhe von 30 Millionen Mark 41 Prozent, also insgesamt 12 468 000 Mark, im Besitz der Firma Handel Maatschappij Ealand in Amsterdam befanden.

Die große Reemtsma-Familie 1935 in der faschistischen „Volksgemeinschaft“

Der faschistische Staatsstreich kam, und auf Hitlers Anweisung schlug der Nazi-Justizminister Kerrl einen Prozess gegen Reemtsma kurzerhand nieder. Philipp Reemtsma wurde „ehrenhalber“ verpflichtet, der Nazipartei drei Millionen Mark „Buße“ zu zahlen. Das tat er gern, denn zugleich bekam er die Hände zu weiteren Spekulationen und Betrügereien frei. Während der Nazizeit stieg der Umsatz des Konzerns auf zwei Milliarden Mark. Die riesigen Gewinne investierte Philipp Reemtsma beim Norddeutschen Lloyd, bei der Hamburg-Amerika-Linie und der Fischkonservenindustrie. Er war seinen neuen Freunden gegenüber nicht kleinlich. Göring vereinnahmte jährlich eine Million Mark, nach Reemtsmas Angaben erhielt er von ihm insgesamt vierzehn Millionen. Dem „Reichsjugendführer“ Schirach schenkte Reemtsma ein Flugzeug, Hitlers Leibphotograph Hoffmann bekam ein Spitzweg-Gemälde. Der Dank blieb nicht aus. Philipp Reemtsma wurde von Hitler zum „Wehrwirtschaftsführer“ und zum Leiter der Fachgruppe Zigarettenindustrie ernannt. In dieser Eigenschaft plünderte er im Kriege die überfallenen Balkanländer aus und schob seinem Konzern den Löwenanteil an der Beute zu. In Hamburg ließ er sich für vier Millionen Mark eine neue Villa bauen und erwarb drei große Güter.

Das Hitlerreich krachte unter den Schlägen der alliierten Armeen zusammen. Auch für Philipp Reemtsma sah es so aus, als, wären die Tage seiner wirtschaftlichen Piratenzüge gezählt; er wurde von britischen Besatzungstruppen verhaftet und wegen Bestechung, Verleitung zur Untreue und zum Meineid sowie wegen Steuerbetrugs vor ein Hamburger Gericht gestellt.

Paul Schätz und Helmut Wagner waren die ersten Reemtsma-Mitarbeiter auf der Krim. In Simferopol begannen sie 1941 mit der Verladung des erbeuteten Tabaks. „Nach der Stabilisierung der militärischen Lage leiteten sie den Wiederaufbau der Tabakfabriken der Krim für die Firma Reemtsma in die Wege“, heißt es über das Foto im Reemtsma-Archiv.

Am 2. Oktober 1948 wurde Philipp Reemtsma wegen aktiver Bestechung zu einer Geldstrafe von zehn Millionen Mark unter Anrechnung von fünf Millionen Mark für fünfmonatige Untersuchungshaft verurteilt. Schon im November desselben Jahres stufte ihn ein Hamburger Entnazifizierungsausschuss als Entlasteten ein. Er übernahm sogleich wieder, mit Genehmigung der britischen Militärregierung, die Leitung seines Konzerns. Das Weitere lief erwartungsgemäß wie am Schnürchen ab. Am 30. Juni 1949 hob das Hanseatische Oberlandesgericht das Urteil vom 2. Oktober auf und ordnete einen neuen Prozess an. Einige Monate später wurde auf Grund des westdeutschen Amnestiegesetzes das Verfahren gegen Reemtsma eingestellt.

Zigarettenkönig Philipp Reemtsma ist in der Bundesrepublik wieder ganz obenauf. Er wirkt wieder. Und das heißt: er rafft zusammen, kauft, besticht, betrügt, erwirbt sich mit teuren Inseraten das Wohlwollen der Presse und organisiert eine neue Wirtschaftsschlacht. Diesmal will er die Arbeiter und Arbeiterinnen in den Zigarettenfabriken der Deutschen Demokratischen Republik, die volkseigen geworden sind, „befreien“ und die Fabriken wieder seinem Konzern einverleiben. Schrieb doch ein gewisser Dr. Martin Voigt über den Reemtsma-Konzern in der Buchreihe „Musterbetriebe Deutscher Wirtschaft“:

Ein unsichtbares, aber festes Band ist es, das alle Angehörigen der Reemtsma Zigarettenfabriken umschlingt. Dieses Band ist der Reemtsma-Geist.“

Im Dezember 1958 bejubelte die großbürgerliche Hamburger Tageszeitung ,,Die Welt“ Philipp Reemtsma anlässlich seines fünfundsechzigsten Geburtstages als den „großen Unternehmer und väterlichen Freund seiner Mitarbeiter“. In dem so verlogenen wie servilen Artikel heißt es:

Philipp F. Reemtsma wird am Montag 65 Jahre alt. Wer er ist, muss nicht gesagt werden. Sein Name ist in ganz Deutschland ein Begriff. Nur zehn Jahre hat er zwischen den Weltkriegen benötigt, um das kleine väterliche Unternehmen zur bedeutendsten Zigarettenfabrik auszubauen … Hilfsbereitschaft ist ein Wort, das bei ihm groß geschrieben wird. Dies sei betont, obwohl er es nicht liebt, dass man darüber spricht.“

Reemtsma-Geist, das ist der Geist, von dem alle kapitalistischen Konzerne und Monopole erfüllt sind, selbstverständlich auch der bundesrepublikanische Zeitungskonzern des Presse-Cäsars Axel Springer, zu dem auch „Die Welt“ in Hamburg gehört. Der westdeutsche Wirtschaftspolitiker und Publizist Kurt Pritzkoleit schrieb in seinem Buch „Wem gehört Deutschland?“ abschließend über den Reemtsma-Konzern:

Wenn einmal die Reemtsma-Saga geschrieben wird, so wird sie auf einem ostfriesischen Bauernhof beginnen … und zum Schluss wird sie vielleicht davon erzählen, dass die Wikinger, der Eroberungszüge müde geworden, nicht mehr darauf aus sind, die blau umwölkte Welt der Zigarette allein zu beherrschen, sondern dass sie eher darauf Bedacht nehmen, ihren Reichtum risikolos anzulegen und behaglich zu genießen. Die Familie Reemtsma besitzt heute [in der Bundesrepublik] nicht nur ihren Zigarettenkonzern, sondern sie hat sich – da Bier und Zigaretten nun einmal zusammengehören – über die Firma Beck & Co. den entscheidenden Anteil an der Haake-Beck Brauerei AG, Bremen, gesichert, die ihrerseits die Winterhuder Brauerei, Hamburg, zu 100 Prozent, die Mehrheit bei der Aktienbrauerei Karlsburg, Bremerhaven, mit dem Bürgerhaus Lebe GmbH in Bremen-Lebe, der Hemelinger Aktien-Brauerei, Bremen-Hemelingen, und der Brauerei AG, einer Grundstücksverwaltungsgesellscbaft, sowie etwa ein Drittel der Union-Brauerei AG, Bremen, und der „Casino“AG, gleichfalls in Bremen, besitzt. Sie ist ferner zu etwa 5 Prozent an der llseder Hütte beteiligt, und schließlich bewirtschaftet Philipp Reemtsma noch die Schleswig-Holsteinischen Güter Trenthorst und Wulmenau (zusammen 989 ha) in der Gemeinde Westerau, Kreis Storman, die mit ihrem Reichtum an Pferden und Kühen etwas von der Neigung des ostfriesischen Bauernstämmlings verraten, zum bodenständigen Tagewerk der Väter zurückzukehren.“

So fehlt zum Schluss nicht einmal die Idylle in der Darstellung der Epochen: die luxuriöse Idylle patriarchalischer Neigungen zu Ackerbau und Viehzucht inmitten einer Welt, deren Menschen sich im Hunger nach dreißig Quadratmeter Wohnfläche und einem Gärtchen für die Kinder verzehren.

In der deutschen Inflationszeit 1923, als das werktätige deutsche Volk verarmte, die kleinen Sparer und die Gewerbetreibenden ihre Ersparnisse und Einlagen verloren, „erntete“ Philipp Reemtsma Millionen. In Erinnerung daran mag er einer in seinem Konzern produzierten Zigarette den Namen „Ernte 23″ gegeben haben. Und wie könnte der Werbespruch dieses Konzerns für die Zigarette anders lauten als: „Von höchster Reinheit!“


Die Fortsetzung

Hier endet die Geschichte von Willi Bredel im Jahr 1958. Doch die Geschichte des Hauses Reemtsma, das sich zu einem der reichsten und mächtigsten Imperien Deutschlands entwickelt hat, dessen Familienangehörigen, ganz in der Tradition des Hauses, auch heute noch für Schlagzeilen sorgen und versuchen, am großen Rad der Geschichte zu drehen, sei es als Global Player, als Mäzene oder als politische Aktivisten, die sich nicht weniger als der „Rettung der Welt“ verschrieben haben, ging in den vergangenen sechs Jahrzehnten in der Kontinuität weiter, die Bredel beschreibt. Deswegen seien hier einige notwendige Ergänzungen zum Aufsatz von Willi Bredel angefügt. Die Saga wird indes wohl noch geschrieben werden müssen.

Hielt Reemtsma 1952 mit einer Milliarde verkaufter Zigaretten im Monat „nur“ einen Marktanteil von 35 Prozent, so konnte dieser bis Ende der 50er-Jahre auf über 44 Prozent ausgebaut werden, auch weil neue Trends wie der Griff zur Filterzigarette frühzeitig erkannt wurden. Der Einstieg bei Roth-Händle 1957 sowie der Erwerb der Lizenzrechte an der erfolgreichen Filterzigarette Peter Stuyvesant konsolidierten schließlich den Erfolg der Firma. Für die Produktion der „nach der großen weiten Welt duftenden“ Zigarette wurde 1959 eigens das Berliner Werk gebaut. Die Peter Stuyvesant erreichte noch im selben Jahr Platz vier unter den 235 deutschen Zigarettenmarken. Ein letzter großer Erfolg für Philipp Fürchtegott Reemtsma, der 1959 starb.

Die goldenen 60er – Expansion ins Ausland

Bundeskanzler Ludwig Erhard im Werk in Hamburg-Wandsbek am 3. März 1966

Zum 50-jährigen Jubiläum von Reemtsma gab es nur wenig zu feiern. Denn auch Hermann Bernhard Fürchtegott Reemtsma verstarb – nur 18 Monate nach dem Tod seines Bruders. Die Zeit, in der Reemtsma von den Eigentümern geführt wurde, ging damit ihrem Ende entgegen. Der Familienbetrieb der Gründerväter entwickelte sich zunehmend zu einer modernen GmbH mit externen Führungskräften. Ein weiterer Meilenstein in der Firmengeschichte. Doch die Reemtsmas hielten weiterhin einen Anteil von zwei Dritteln am Unternehmen.

Noch während Reemtsma seine Chefetage neu organisierte, gewannen die anderen Tabakproduzenten an Einfluss. Obwohl Reemtsmas Marktanteil zu schrumpfen begann, konnte man die Produktion dank erhöhter Nachfrage weiter steigern. Mit der Reemtsma International GmbH gelang sogar die Expansion ins Ausland. Außerdem stieg der Zigarettenkonzern in eine weitere Genuss-Sparte ein: das Brauwesen. Mit dem Kauf einer Reihe von Traditionsbrauereien sollte Reemtsma zu einem der größten Getränkehersteller Deutschlands avancieren.

In den 70er-Jahren rückten gesundheitliche und umweltpolitische Aspekte zunehmend ins Bewusstsein der Gesellschaft. Natürlich lag auch jetzt Reemtsma wieder einmal im Trend der Zeit. Die Zigarette sollte sich ganz dem neuen Zeitgeist anpassen, so dass Frauen und Jugendliche durch entsprechendes Marketing gezielt zum Konsum leichter Filterzigaretten animiert werden konnten.

Im Jahr 1980 verkaufte der Sohn des Firmengründers, Jan Philipp Reemtsma, gleich nachdem er laut Testament des Vaters das Verfügungsrecht über sein Erbteil an dem Unternehmen, dessen Marktanteile zu diesem Zeitpunkt stark gesunken waren, erlangt hatte, dieses für 370 Millionen D-Mark vollständig an die Tchibo Frisch-Röst-Kaffee AG in Hamburg, (ab 1988 Tchibo Holding AG und ab 5. Juli 2007 Maxingvest AG), die damit Mehrheitsgesellschafter wurde.

Nachdem er bereits zuvor als Mäzen und großzügiger Spender für Künstler, trotzkistische Organisationen oder linke Zeitschriften wie KONKRET in Erscheinung getreten war, gründete er 1984 von einem Teil des Erbes das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS), zu dessen geschäftsführendem Vorstand er sich machte. Dazu bestellte er sich einen Beirat von bekannten Trotzkisten und Vertretern der Kritischen Theorie, die seinen bereits in der Namensgebung erkennbaren Anspruch unterstreichen sollten, wie Helmut Dahmer, Ernest Mandel, Margarete Mitscherlich-Nielsen, Jakob Moneta und Alice Schwarzer. Nachdem das HIS zunächst in akademischen Kreisen als „Liebhaberei eines fachfremden Millionärs“ eher müde belächelt wurde, konnte es seinen Ruf im Laufe der Zeit durch umfangreiche Archivarbeit und spektakuläre Ausstellungen deutlich aufbessern. Heute wird das HIS unter den Instituten, die in Deutschland historisch und soziologisch arbeiten, als das mit der grössten öffentlichen Wirkung gesehen.

Auch hier zeigt sich einmal mehr, wie sehr diese Familie über mehr als einhundert Jahre stets die Nase im Wind hatte und sich an die jeweilige Herrschaft anzupassen wusste. Ob Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazi-Reich, BRD oder die heutige Berliner Republik, stets liegt die Familie Reemtsma im Trend und weiß, was die Herrschenden dringend benötigen. So gelang dem HIS in den 90er Jahren der Durchbruch mit seiner „Wehrmachtsaustellung“, die als kritische Begleitmusik zur Wiederherstellung der Kriegsfähigkeit Deutschlands auf dem Balkan als Wanderausstellung im ganzen Land durchgeführt wurde.

Der „Verzicht“ auf seine Anteile am Reemtsmakonzern hat dem Haupterben der Reemtsmas, der das Institut bis 2015 leitete, nicht nur eine Menge Reputation eingebracht, sondern zahlte sich auch in klingender Münze aus. Mit einem Vermögen von 700 Millionen Euro zählt Jan Philipp Reemtsma heute zu den 150 reichsten Deutschen.

Aber auch für den Reemtsma-Konzern liefen die Dinge nach der Entscheidung von Jan Philipp Reemtsma, sein Erbe nicht anzutreten, nicht so schlecht. Nach Jahren einer Abschwächung am Markt, kam es durch die neuen Besitzer zu einem echten Innovationsschub. Das unrentable Biergeschäft wurde abgestoßen, damit man sich wieder auf das Kerngeschäft konzentrieren konnte. Außerdem investierte man vor allem in die Markenstrategie.

Wieder hatte man den politischen Trend zum Ende der 80er Jahre richtig erkannt. Reemtsma brachte die Marke West heraus, deren Slogan „Test the West“ in der Zeit eines Gorbatschow fast schon programmatischen Charakter hatte. Diese American-Blend-Marke machte Reemtsma endgültig zum Global Player. Nach der Öffnung der Grenzen zu Osteuropa fand sie dann auch vor allem im Osten reißenden Absatz. Dank einer unverzüglich aufgebauten „Vertriebsmannschaft Ost“ gelang es Reemtsma schnell, die Marktführerschaft in den neuen Bundesländern zu übernehmen. Im September 1990 hatte man die Nordhäuser Tabakfabriken erworben, in denen nach umfangreicher Modernisierung schon bald eine Jahreskapazität von sechs Milliarden Zigaretten erreicht wurde, darunter vor allem die beliebte Cabinet. Reemtsma war am Ziel seiner Wünsche in Deutschland angelangt. Die Volkseigenen Betriebe wurden zerschlagen. Man war wieder da, wo man 1945 unter so bitteren Umständen aufhören musste und nach der Auflösung der Sowjetunion weiter als jemals zuvor.

VEB Nortak Nordhausen nach dem Anschluss. Jetzt war Reemtsma „wieder stark“.

Das Ende der Sowjetunion 1991 war für Reemtsma das Startsignal zur Expansion nach Osteuropa. Kein Wunder also, dass die erste West-Zigarette auf dem Roten Platz „West“ hieß. Reemtsma beteiligte sich zunehmend an Zigarettenfabriken in Polen, Slowenien, Ungarn, der Slowakei und der Ukraine, wo man neue Werke errichtete oder bestehende schluckte.

Den asiatischen Markt mit Werken in Kambodscha, Kirgisistan und Taiwan eroberten die Hamburger ab 1999. Nicht zuletzt die Zugehörigkeit zur finanzstarken Tchibo-Holding hatte es Reemtsma in diesem Jahrzehnt ermöglicht, einen derart rasanten Expansionskurs einzuschlagen. Zwischen 1989 und 2001 bescherte dieser Kurs eine Umsatzsteigerung von unglaublichen 370 Prozent. Beim Nettogewinn betrug die Steigerung sogar 490 Prozent.

Trotz Billigzigaretten, die zunehmend auf den Markt drängten, startete Reemtsma mit einem Rekordergebnis ins neue Jahrtausend: Erstmals lag der Nettoumsatz der Hamburger bei über fünf Milliarden Mark. Kein Wunder also, dass das britische Unternehmen Imperial Tobacco Interesse an einer Übernahme zeigte.

Im Mai 2002 erhielt die Imperial Tobacco Group (heute Imperial Brands PLC) schließlich den Zuschlag. Sie zahlte sechs Milliarden Euro für 90,01 Prozent des Unternehmens. Wie lohnend diese Übernahme war, sollte sich noch im Geschäftsjahr 2002 zeigen: Der Umsatz der Gruppe kletterte um 40 Prozent auf 13,1 Milliarden Euro. Diese Entwicklung veranlasste Vorstandschef Gareth Davis, vom bislang „wichtigsten Jahr“ der Unternehmensgeschichte zu sprechen. Inzwischen ist Reemtsma eine hundertprozentige Tochter des britischen Unternehmens, das zu den vier größten Tabakherstellern der Welt gehört.

Junge Frauen bei der Tabakernte auf einer Sowchose bei Bulganak auf der Krim

In den darauffolgenden Jahren wurden in der Öffentlichjeit zunehmend auch die Schattenseiten in der Geschichte des Unternehmens kritisch beleuchtet. So erschien 2011 eine umfangreiche Studie über die Hamburger Kriegsprofiteure unter dem Titel „Reemtsma auf der Krim“, die den Zusammenhang zwischen Tabakproduktion und Zwangsarbeit während der Okkupation der Krim durch die faschistische deutsche Wehrmacht thematisiert. Es handelt sich dabei um „eine komplexe und fundierte Analyse des Ineinandergreifens von militärischer Okkupation und nationalsozialistischer Vernichtungspolitik – und der kühlen Strategie eines Wirtschaftsunternehmens, das von beidem profitieren will.“

Für die Autoren ist auch heute noch „erstaunlich, mit welcher Konsequenz Reemtsma 1941 vorgegangen ist“. – „Kaum war die Wehrmacht 1941 auf die Krim vorgerückt, schickte die Reemtsma-Zentrale in Hamburg Bahrenfeld ein kleines Team auf die Halbinsel im Schwarzen Meer: Es sollte sondieren, in welchem Zustand sich die Tabakfelder, die Fermentierungsanlagen und Zigarettenfabriken nach dem Abzug der Sowjettruppen befinden – und wie die Produktion möglichst schnell wieder in Gang gebracht werden kann.“

Von der Krim aus – und dem bald zu erobernden Kaukasus mit seinen scheinbar endlosen Tabakfeldern – sollte nicht nur das deutsche Reich, sondern bald ganz Europa mit Zigaretten und Tabak versorgt werden. Eine durchgehende Autobahn von der Hauptstadt Berlin bis auf die Krim wurde geplant und die Bauarbeiten begonnen.

Der Eroberungszug wurde ideologisch durch die Legende untermauert, auf der Krim habe es in Vorzeiten ein mächtiges Gotenreich gegeben, auf dem es aufzubauen gelte. Archäologen begannen mit Ausgrabungen, um zu suchen, was sie unbedingt finden sollten und es war die Rede davon, dass der künftige „Gotengau“ mit 210 000 Südtirolern besiedelt werden sollte.

Für den Hamburger Tabakkonzern Reemtsma arbeiteten im Zweiten Weltkrieg auf der Halbinsel Krim Tausende Ukrainer – darunter auch etliche Kinder. Auf dem Foto fädeln sie gerade Tabakblätter auf, um diese anschließend zum Trocknen aufhängen zu können.

Die Bewohner der Krim waren nach dem Einmarsch der deutschen Truppen und der sie begleitenden Einheiten der SS und des Sicherheitsdienstes vor die Alternative gestellt worden: Entweder sie arbeiteten für Reemtsma auf den Tabakplantagen, in den Fermentieranlagen oder den Zigarettenfabriken oder ihnen würde nicht einmal das Minimum an Lebensmitteln zugeteilt werden, das sie zum Überleben brauchten.

Als Ende April 1944 die Partisanen und die Rote Armee näher kommen und die Reemtsma-Mitarbeiter zusammen mit den Einheiten der Wehrmacht abrücken, hinterlassen sie eine geschundene Halbinsel: 35.000 ashkenasische Juden, 20.000 Kriegsgefangene, 2.000 Roma und 1.000 ehemalige Insassen psychiatrischer Krankenhäuser sind getötet, 6.000 Zivilisten als Geiseln oder bei Razzien ermordet worden. Außerdem wurden über 40.000 überwiegend junge Menschen zur Zwangsarbeit ins Reich deportiert. Dazu kommt eine schwer zu beziffernde Zahl von Hungertoten.

Die Erben der Familie Reemtsma haben auf unterschiedliche Weise auf das Aufdecken der Firmengeschichte reagiert: Haupterbe Jan Philipp Reemtsma, der das Reemtsma-Archiv uneingeschränkt für Historiker öffnete, hat über seine Stiftung viele der noch lebenden, einstigen Krim-Zwangsarbeiter entschädigt; mittlerweile haben sich die Erben von Alwin F. Reemtsma dem angeschlossen.

Hermann Hinrich Reemtsma dagegen verweigert sich: Die heutige Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH habe schließlich in die Bundesstiftung eingezahlt – damit sei alles abgegolten, so seine lapidare Auskunft.

Familie Reemtsma wieder einmal voll im Trend als „Klimakids“

Heute setzen die Reemtsma-Erben – wie immer voll im Trend – ganz auf Elektromobilität. Während der Konzern mit der Mar­ke blu in den welt­weit größten E-Zi­ga­ret­ten­märk­ten wie USA, UK, Frank­reich und Ita­li­en ak­tiv ist, engagieren sich die jüngsten Sprösslinge des Reemtsma-Clans für den Verkauf von Elektroautos und –Rollern, durch den der CO2-Ausstoß gemindert und so „das Weltklima gerettet“ werden soll. Der Neue Grüne Deal soll das Geschäftsmodell des 21. Jahrhunderts werden, an dem auch kommende Generationen der Reemtsmas noch kräftig profitieren wollen.

So schließt sich der Kreis und der Familiensaga der Reemtsmas wird noch ein weiteres Kapitel hinzugefügt, bevor sie endgültig geschrieben werden kann.

Quellen:

Hun­dert Jah­re Reemts­ma – Zeit­rei­se durch eine beweg­te Firmen­geschichte

Reemtsmas Zwangsarbeiter Tabakrausch im Osten

Als die Nazis im Zweiten Weltkrieg die Krim unterjochten, waren deutsche Unternehmen schnell vor Ort. Vor allem Reemtsma wurde zum Nutznießer der Ausbeutung. Der Konzern ließ Zehntausende Zwangsarbeiter für sich schuften und maximierte seinen Profit – dank bester Verbindungen in die Wehrmacht.

ZÖGLING UND ERBE – Jan phil. Reemtsma

Studie „Reemtsma auf der Krim“ – Die Hamburger Kriegs-Profiteure


Willi Bredel: Kurze biographische Skizze

Willi Bredel

Der Arbeiterschriftsteller Willi Bredel (1901-1964) hat seine Wurzeln in Hamburg, in den Milieus der Zigarrenmacher, der Fabrikarbeiter und der Seeleute. Wie kein anderer Autor seiner Heimatstadt hat er die Geschichte der Hamburger Arbeiter und ihrer Organisationen in vielen seiner Werke literarisch verarbeitet. International bekannt wurde Bredel durch seinen dokumentarischen Roman „Die Prüfung“, der in über zwanzig Sprachen übersetzt wurde und eine Auflage von über einer Million Exemplaren erreichte. In diesem Werk, das 1935 in London und Moskau erschien, verarbeitete er die schrecklichen Erlebnisse seiner Haftzeit im KZ Fuhlsbüttel in Hamburg. Durch „Die Prüfung“ wurde die Weltöffentlichkeit erstmals in literarischer Form über Unterdrückung, Leiden und Widerstand in einem Konzentrationslager des Dritten Reiches informiert.

Willi Bredel wird am 2.Mai 1901 als Sohn eines sozialdemokratischen Zigarrenmachers geboren und erlernt nach dem Besuch der Volksschule vier Jahre lang den Beruf des Drehers in einer Armaturenfabrik. Bredels beruflichen Lehrjahre werden auch zur politischen Lehrzeit. Er organisiert sich im Deutschen Metallarbeiterverband und in der sozialdemokratischen Arbeiterjugend. Von 1919 bis 1922 arbeitet er ehrenamtlich als Redakteur der unabhängigen sozialistischen Zeitschrift „Freie Proletarische Jugend“. Als er nach dem Hamburger Aufstand im Oktober 1923 mehrere Monate in Untersuchungshaft genommen wird, schreibt er im Gefängnis sein Erstlingswerk „Marat, der Volksfreund“, das nach einem Vorabdruck in der KPD-Tageszeitung „Hamburger Volkszeitung“ (HVZ) Anfang 1926 als Büchlein erscheint.

Von Oktober 1926 bis August 1927 unternimmt Bredel sieben Mittelmeerfahrten als Maschinist und Schmierer auf dem Frachter „Barbara“, bei denen er zahlreiche Hafenstädte Spaniens, Portugals, Italiens und Nordafrikas kennen lernt und einige Reisekorrespondenzen für die HVZ verfasst. Kurz nach seiner Abmusterung findet Bredel Beschäftigung als Dreher bei der Maschinenfabrik Nagel & Kaemp. Auch hier setzt er sich für die Interessen seiner Kollegen ein und wird als Kandidat der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) in den Betriebsrat gewählt. Bereits im Juni 1928 entlässt ihn die Firma. Bredel wird Redakteur der HVZ und 1930 vom Reichsgericht wegen zweier unliebsamer Artikel zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt. In dieser Zeit schreibt er seinen ersten Roman „Maschinenfabrik N & K“ in dem er seine Erlebnisse in diesem Betrieb verarbeitet. Zwei weitere kleine Romane aus dem proletarischen Alltag folgen.

Zwei Tage nach dem Reichstagsbrand wird Bredel am 1.3.1933 verhaftet und in das KZ Fuhlsbüttel eingeliefert. Nach dreizehn Monaten Haft, davon elf in Einzelhaft, und schweren Misshandlungen entlässt man ihn. Er flieht nach Prag und schreibt dort seinen dokumentarischen KZ-Roman „Die Prüfung“. Im November 1934 siedelt er nach Moskau über, von wo er ab 1936 mit Bert Brecht und Lion Feuchtwanger die antifaschistische literarische Exilzeitschrift „Das Wort“ herausgibt. Im Juli 1937 schließt er sich nach der Teilnahme am internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur in Valencia den Internationalen Brigaden an, um auch mit der Waffe die Spanische Republik gegen die Franco-Putschisten zu verteidigen. Bis Mitte November wird er als Kriegskommissar bei der 11. Internationalen Brigade eingesetzt und bleibt danach noch bis Juni 1938 in Spanien. Seine Erlebnisse verarbeitet er zu der Romanchronik „Begegnung am Ebro“, die er bereits Ende 1938 in einem Exilverlag in Paris in deutscher Sprache veröffentlicht. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kehrt er mit dem letzten Schiff von Le Havre nach Leningrad in die Sowjetunion zurück. Nach dem Überfall durch Hitlerdeutschland verfasst Bredel zahlreiche Flugblätter für deutsche Soldaten, diskutiert mit Kriegsgefangenen und spricht in seiner Muttersprache über den Moskauer Sender. Später ist er bei Lautsprechereinsätzen an Frontabschnitten in Woronesch, Stalingrad und Kiew aktiv. Im Juli 1943 gehört er zu den Gründungsmitgliedern des Nationalkomitees „Freies Deutschland“, einer antifaschistischen Organisation, in der deutsche Kriegsgefangene gemeinsam mit deutschen Exilanten für den Sturz Hitlers aktiv sind. Mitten im Zweiten Weltkrieg erscheint der erste Band seiner Trilogie „Verwandte und Bekannte“. In diesem Werk gestaltet Bredel das Schicksal von drei Generationen einer Hamburger Arbeiterfamilie und bezieht auf diese Weise die Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung von 1871 bis 1948 mit ein. Anfang Mai 1945 trifft er als Mitarbeiter einer Initiativgruppe der KPD in Mecklenburg ein und beteiligt sich am Wiederaufbau in Rostock und Schwerin. Er wird zum Vorsitzenden des Demokratischen Kulturbundes in Mecklenburg-Vorpommern gewählt und engagiert sich für die Entwicklung einer antifaschistischen neuen Kultur. Von 1950 bis zu seinem frühen Tode am 27. Oktober 1964 lebt er in Ost-Berlin als Schriftsteller und Kulturpolitiker. Seit 1956 ist er Vizepräsident, seit 1962 Präsident der Deutschen Akademie der Künste.

Ein Gedanke zu “Die Reemtsma-Familie – Helden der westlichen Welt

  1. Danke, karovier, für diese aufschlußreiche Geschichte! Man sieht hier wieder einmal, nach welchem Prinzip die Ausbeuterklasse arbeitet: „Mit Geld macht man alles, kann man alles machen. Und er bestach mit Millionen, wenn er damit Hunderte von Millionen erringen konnte…“ Da möchte man glatt mit Gorki feststellen „Doch nicht die Grausamkeit setzte Gorki in Erstaunen, er hatte sie zur Genüge im Leben gesehen. Ihn verblüffte etwas anderes – die Ergebenheit, ja die Bereitwilligkeit der Arbeiter, die Gerissenheit Semenows zu bewundern.“ (A.Roskin „Maxim Gorkij, Berlin 1948, S.30)

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